Gedichtband Schon wieder Grass
»Eintagsfliegen« – neue Gedichte, alte Obsessionen
Schwer fällt die Auseinandersetzung mit Günter Grass, dessen Gedichtband Eintagsfliegen jetzt erscheint. Er war der Held unserer Jugend. Seine Blechtrommel ist größte deutsche Erzählkunst. Im »Willy, Willy!«-Wahlkampf hat er, der lautere Anti-Nazi, am Epochenwandel in der deutschen Politik mitgearbeitet. Doch wurde der Diskurs schwieriger, als Grass 2006 seine sorgfältig kaschierte Waffen-SS-Karriere preisgab; die »doppelte Rune am Uniformkragen« sei für ihn »nicht anstößig« gewesen. In diesem Frühjahr platzte die zweite Bombe, sein Gedicht Was gesagt werden muss.
Es enthielt die Topoi, die sonst weit rechts zu finden sind: den erpresserischen Juden in Gestalt des Staates Israel, der aus deutschen Schuldgefühlen Bares und U-Boote quetsche, der den atomaren »Erstschlag« gegen den Iran und so den Weltenbrand vorbereite, der es in seiner Raffinesse geschafft habe, jegliche Kritik an Israel als Antisemitismus zu unterdrücken. Es war das vertraute Muster der Umkehrung von Täter und Opfer, raunend und insinuierend: Schaut her, die Nachfahren der Opfer sind böser noch, als es unsere Väter waren. Die wollten nur die Juden vernichten, Israel aber hat die ganze Welt im Visier. Mithin ist die moralische Rechnung beglichen, mit einem Plus für uns.
Doch die Obsession frisst sich weiter. In Ein Held unserer Tage feiert Grass den Israeli Vanunu, der 1986 das Atomprogramm seines Landes verraten hatte. Von einer »Gang, die selbst Mord nicht scheut«, wurde er entführt und vor Gericht gebracht. Das geschah »nach altbekanntem Muster / das im Buch Mose eins zu finden ist«. Mithin: So sind die Juden, so waren sie schon immer. Wieder sieht er Israel als Teil einer Verschwörung, »die Frieden säuselt und Vernichtung plant«.
Auch der Papst kriegt die Verachtung zu spüren, weil er »in später Einsicht« das Onanieren erlaubt habe; er »darf schamlos nun tun / was er von früh an tat«. Auch Amerika, codiert »Führungsmacht« genannt, fehlt nicht im Panoptikum des Bösen; ihm, dem Westen, hält Grass vor, dass er im Krieg nur die eigenen, nie die Toten des Feindes zähle. Oberst Klein hat es nach Kundus anders erfahren. So geht’s weiter durch die Verse. Demokratie ist »Demokratieersatz«, die »Mächte« delektieren sich bloß an den »nackt streunenden Wahrheiten«, die in der Talkshow aufeinanderprallen.
Es raunt das Ressentiment, das man sonst nur aus rechtem Munde hört – als wenn Grass mit seiner codierten Sprache erneut suggerieren wolle, dass man nicht sagen dürfe, was zu sagen sei. Wie soll man sich mit ihm auseinandersetzen, erst recht, wenn man den Abgesang An die Gemeinde meiner Feinde liest?
»Auch wenn der Vorrat an Hass
Nur noch auf Sparflamme köchelt,
Leider mäßig,
weil Ihr zweitrangig seid
und treffsicher nur aus dem Hinterhalt.«
Ihr seid es nicht wert, mit euch zu reden, sagt dieses Gedicht. Und doch müssen wir mit ihm streiten, solange ein Quantum an Wohlwollen für den Helden unserer Jugend bleibt. Möge das nächste Gedichtbändchen den Respekt für den Nobelpreisträger stärken, den er mit »stockender Tinte« wegzuschreiben droht.
- Datum 04.10.2012 - 08:00 Uhr
- Serie Zeitgeist
- Quelle DIE ZEIT, 4.10.2012 Nr. 41
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