Berliner Piratenpartei Spuren der Macht

14 Männer und eine Frau sitzen seit einem Jahr für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus. Was haben sie erreicht?

Für den Tag, den er geschichtsträchtig nennt, hat sich Martin Delius fein gemacht mit einem gut gebügelten weißen Hemd. Seine langen Haare werden wie immer im Nacken von einem Gummi zu einem Pferdeschwanz gestrafft. Delius ist einer, der gern Ordnung hält.

Martin Delius

28, hat Physik studiert. Bis Juni war er Fraktionsgeschäftsführer. Ein Nazivergleich kostete ihn die Chance auf einen Posten bei der Bundespartei. Er leitet nun den Untersuchungsausschuss zum Berliner Flughafen

Es ist der 27. Oktober 2011. Vor Zimmer 109 des Berliner Abgeordnetenhauses versuchen Kameras, auf die große Veränderung in der deutschen Politik scharfzustellen, und Delius ist mittendrin. Die Piraten ziehen an diesem Tag zum ersten Mal in ein Landesparlament ein, aber vom klassischen Politikerdress halten die meisten nicht viel. Einer trägt einen Dreispitz, ein anderer eine Schiebermütze. Einer hat sich ein Palästinensertuch um den Kopf geschlungen, er kommt jetzt den Flur entlanggestapft. In seiner orangefarbenen Latzhose und der neongelben Jacke sieht er aus wie ein zu groß geratenes Kind. Er schwenkt eine Angelrute. Daran ist mit Klebeband eine Fahne geheftet, auf der das Emblem der Piratenpartei zu sehen ist. Auf einmal erscheint hinter ihm ein Beamter in Uniform, außer Atem. Er ruft, politische Symbole seien im Abgeordnetenhaus verboten. In ein paar Minuten werden die Piraten zum ersten Mal den Sitzungssaal eines deutschen Parlaments betreten. Und Martin Delius hat bereits für Ordnung gesorgt. Er hat den Latzhosenträger, seinen Fraktionskollegen Gerwald Claus-Brunner, an die Verwaltung verpetzt.

Anzeige

Delius, von Beruf Physiker, ist Parlamentarischer Geschäftsführer der Piraten, neben dem Fraktionsvorsitzenden so etwas wie ein zweiter Chef. Die 13 Männer und eine Frau, die mit ihm zusammen antreten, sind eine ziemlich unberechenbare Truppe, und Delius gefällt es gar nicht, wenn die Partei sich jetzt schon danebenbenimmt.

Gerwald Claus-Brunner

40, ist Elektriker und Mechatroniker. Bekannt als Pirat mit dem Palästinensertuch. Für dieses Accessoire kritisierte ihn Charlotte Knobloch, ehemals Präsidentin des Zentralrats der Juden

Über Claus-Brunner sagt er: »Er will eben am Rand sein. So verhält er sich.«

Claus-Brunner sagt über Delius: »Er ist fachlich okay, aber wir mögen uns nicht.«

Seit ihre Partei bei der Berliner Landtagswahl neun Prozent der Stimmen geholt hat, ist das Land fasziniert von diesen Typen. Eine neue Generation kommt da in der Politik an, wie zuletzt die Grünen vor über 30 Jahren. Ihr ureigenes Thema ist die Freiheit im Netz. Und sie behauptet, Politik könnte ganz anders sein, keine so ermüdende Sache mit glatten, verwechselbaren Akteuren. Die Piraten wollen Politik wieder zu einem Thema machen, das auch Jüngere interessiert.

Doch durch die Partei geht ein Riss, und viel hängt davon ab, ob sie es schafft, ihn zu schließen. Der Riss zeigt sich im Streit zwischen Martin Delius und Gerwald Claus-Brunner. Sie sind in derselben Partei, aber sie sind so unterschiedlich, wie Politiker nur sein können. Und die Piraten fragen sich, ob sie eher Pragmatiker sein wollen wie Delius oder Idealisten wie Claus-Brunner. Ob in der Politik die Macht oder die Überzeugungen wichtiger sind. Wenn man Delius und Claus-Brunner in den nächsten Monaten beobachtet, wird man womöglich dabei zuschauen können, wie sich eine politische Gruppierung zu einer echten Partei formt – oder zerfällt.

Fabio Reinhardt

31, Politikwissenschaftler. Er hat einen Integrationskongress ausgerichtet und gehört zu den fleißigen Abgeordneten, sprach 20-mal im Plenum. Seine Frau Julia Schramm, Autorin des Buchs »Klick mich«, ist als Piratin allerdings weit bekannter als er

Im Plenum, einer Arena aus Holz und Glas, besetzen die Piraten acht Stuhlreihen, immer zwei nebeneinander. Delius nimmt ganz vorne Platz, Claus-Brunner ganz hinten. Weiter auseinander könnten sie hier nicht sein.

Martin Delius ist Jahrgang 1984, er ist in Halle geboren und in Brandenburg aufgewachsen. Sein Vater, ein Lehrer, war auf dem Dorf der Bürgermeister, der Sohn sah sich als »das einzige Intelligenzija-Kind«. Er wuchs mit dem Gefühl auf, etwas Besonderes zu sein und anderen vielleicht auch ein bisschen überlegen. Als Jugendlicher organisierte er Aktionen gegen Rechte. Zum Studieren ging er dann nach Berlin, nebenbei verdiente er Geld mit dem Programmieren von Software.

Leser-Kommentare
  1. Ist Alexander Spies innerhalb eines Jahres unter der Last der Verantwortung tatsächlich um einige Zentimeter geschrumpft ? Zu Beginn seiner Amtszeit (s. Foto links) war er doch, wie man sieht, noch auf Augenhöhe mit seinen Nebenmännern ?! Und auch Christopher Lauer scheint, verglichen mit Herrn Delius, seither einiges an Format eingebüßt zu haben !?
    Eine optische oder eine digitale Täuschung ? Oder ist mir da vielleicht eine hintersinnige Pointe entgangen ?
    Mit Gruss aus Neuwied
    Lutz Neitzert

    • Innge
    • 25.10.2012 um 17:11 Uhr

    Ist, wie diese allgemeinen Prinzipien, die hier genannnt werden,wie die Besiterung fuers Neue und der Hunger der unter den jungen Menschen (von denen ich auch einer bin) auf die Persoenlichkeiten, die Piraten als individuelle Charaktaere, treffen.
    Ich habe die Piraten gewaehlt, wegen ihrer Haltung, dass man neu Ideen und neue Wertgerueste in die Politik tragen muesse, wenn diese aufhoert, selbst neue zu produzieren sondern sich nur noch um Rechnungsweisen der immer einen Idee zu streiten. Dass ein solcher Prozess die Menschen als Akteure fordert, dass sie Zeit brauchen, dass es auch fuer sie mehr als nur einen Anlauf geben muss, das kann doch jedem einleuchten, der schon mal ein groesseres Abenteuer in einer bis dahin unbekannten Truppe gestartet hat. Wildwassertrip oder sonst was^^

    Schade, dass wir alle mit den Urteilen so schnell sind - das endet in Wahlpunkten und in kurzen Sommern. Wie soll denn da was wachsen? Ich bleibe gespannt auf diese Dauer-Innitiative. Noch ein zwei mal werde ich sie wohl waehlen. Alles andere waere verkrueppelnde Strenge.

  2. "Delius, von Beruf Physiker,..." Lächerlich ist das!

    Delius hat bis zu seiner Wahl an der TU Berlin Physik studiert. Statt sein Studium zum Abschluss zu bringen war es für ihn einfacher in die Politik zugehen, da braucht man ja auch keine Ausbildung für. Profilieren und Leute vollquatschen konnte er schon immer...

    Es immer immer wieder bemerkenswert wie oft man liest, er sei "Physiker" oder sogar "Softwareentwickler". Nur weil man sich mal mit irgendetwas beschäftigt hat, ist das noch lange nicht dessen Beruf. Macht man ordentliche Recherchearbeit, dann werdet ihr feststellen, dass er nichts weiter ist als ein Student ohne Abluss - zugegeben, einer der alle an der Nase herumführt!!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service