PortugalDie perfekte Stelle

Nach Ericeira kommen Surfer aus aller Welt. Die Küste der portugiesischen Kleinstadt wurde sogar zur Wellenschutzzone ernannt. von Friederike Schröter

Früher war Ericeira ein Fischerdorf, heute ist es das einzige Surfschutzgebiet Europas.

Früher war Ericeira ein Fischerdorf, heute ist es das einzige Surfschutzgebiet Europas.  |  © Visit Portugal/PR

Es ist noch fast dunkel, als der Kleinbus auf den sandigen Platz hoch über der Bucht von Coxos rollt. Steil fallen hier die Klippen ab, unten krachen die Brecher des Atlantiks gegen die Felsen. Langsam öffnen sich die Türen, vier Jungs klettern aus dem Bulli, in dem sie geschlafen haben. Sie tragen bunte Shorts und die Kapuzen ihrer Pullover über den Köpfen, die langen Haare kleben ihnen im Gesicht. Einer nach dem anderen stellen sie sich an den Steilhang und starren hinaus aufs Meer. Keiner von ihnen sagt ein Wort. Sie studieren die Wellen, die sich an der Küste aufbäumen und sauber zur Seite brechen.

Die Jungs sind nicht zum Spaß hier, sondern zum Training; einer unter ihnen ist Profi in seinem Sport. Sie zeigen mit den Fingern aufs Meer, das im Licht der ersten Sonnenstrahlen schimmert, tauschen Blicke, nicken sich zu. Schließlich streift einer von ihnen seine Kapuze nach hinten, wasserstoffblondes Haar wuschelt heraus. Garrett Parkes zieht den Reißverschluss seiner Jacke herunter, öffnet die Heckklappe des Busses und zieht vier Surfboards auf den Sand.

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Parkes ist quasi am Strand geboren, in der australischen Surferstadt Byron Bay; er surft, seit er schwimmen kann. Jetzt ist er 21 und will in die World Tour – in die Gruppe der besten 34 Männer, die jährlich um den Titel kämpfen. Gerade trainiert er hier in Ericeira. »Es gibt viele gute Surfspots auf der Welt«, sagt er in seinem teigigen australischen Englisch, »aber das hier, das sind die besten Wellen Europas.«

Eine Dreiviertelstunde fährt man von Lissabon hierher. Viele Gründe, das zu tun, gibt es nicht. Der Ort besteht aus einer langen Reihe von Apartmentneubauten mit den Resten eines Fischerdorfs etwa in der Mitte. Doch hier an der Küste lässt sich so gut surfen wie in Kalifornien oder auf Hawaii. Viele Weltklassesurfer haben sich in der Gegend niedergelassen.

Für heute ist eine Wellenhöhe von sieben Fuß angekündigt. Das heißt: Über zwei Meter Wassermasse türmen sich vor einem auf, wenn man mit dem Board unter dem Arm in das offene Meer stapft. An der Bucht von Coxos kann es da schon gefährlich werden. Hier rollen die Wellen mit großer Kraft ein, hier gibt es die gefährlichsten Strömungen. Wer nicht genau weiß, was er tut, kann leicht gegen das Riff geschleudert werden, an dem die Wellen brechen. Gestern erst wäre ein italienischer Surfer so beinahe gestorben.

Doch vor Ericeira gibt es auch die kleinen Buchten, die geschützter liegen, sodass die Wellen an Wucht verlieren und sanfter an den breiten weichen Sandbänken brechen. Nahezu gefahrlos kann man auf seinem Brett hindurchtauchen, so oft, bis man es hinter die Brechungslinie aufs Meer geschafft hat. Dort angekommen, schaukelt man erschöpft im Auf und Ab der Wellen, mit dem Blick auf den kleinen Strand, der wie ein weißer Fleck zwischen der steilen Küstenfront glänzt. Manchmal kann es lange dauern, bis sie kommt, die perfekte Welle, die einen zurück ans Ufer tragen soll. Der Neoprenanzug schützt den Körper vor dem frischen Wind, der am Morgen von der Küste aufs Meer bläst, nur unter den nassen Haaren und in den feuchten Ohren spürt man ihn, und auch die nackten Füße beginnen, in der Kälte des portugiesischen Atlantiks zu kribbeln.

Der Strand hat sich mittlerweile gefüllt, ein paar Hunde rennen zwischen leeren Plastikflaschen auf und ab, einige Mädchen sitzen im Sand und bestaunen die Kunststücke ihrer Surferjungs. Der grobkörnige Sand hat an ihren Beinen seltsame Maserungen hinterlassen. Schwimmen sieht man hier kaum jemanden – zu kalt und zu gefährlich. Die Elemente, die Ericeiras Strände für Surfer so attraktiv machen, sorgen nebenbei dafür, dass sie unter sich bleiben können. Manche kommen von weit her. Doch weil ihr eigentliches Ziel auf dem Wasser liegt, geben sie sich an Land mit dem Einfachsten zufrieden. Am Rand der Zufahrtsstraße stehen ungeordnet klapprige Autos und Busse, ein Pärchen putzt sich unter der Dusche im Freien die Zähne. In einer Bretterbude werden Cola und Chips verkauft.

Jorge Cardoso sitzt auf einem Hocker in der Sonne, die sich inzwischen scharf in die Haut brennt. Er ist kein Profi, aber er reitet die Wellen um Ericeira seit über dreißig Jahren. Ein local, wie man unter Surfern sagt. Heute ist Cardoso 43 Jahre alt und noch immer jeden Tag im Wasser, ein Surfveteran. Sein Bart ist grau geworden, mit breitem Kreuz lehnt er sich auf einen Tisch, vor ihm steht ein Espresso. Wenn er nicht gestikuliert, dann raucht er Zigaretten. Niemand weiß so genau wie er, was hier an der Küste passiert. Und nicht alles macht ihn glücklich.

»Früher surften wir hier nur mit ein paar Leuten«, erzählt er. »Es gab keine Regeln, es funktionierte einfach. Heute ist alles anders. Jetzt wir haben wir die Massen hier.« Vor ihm im Wasser, am berühmten Surfstrand Ribeira d’Ilhas, unterrichten Surflehrer auf der längsten und sanftesten Welle vor Ericeira. Die Schüler tragen rote Leibchen über ihren Neoprenanzügen, damit man sie erkennt. Weiter hinten im Wasser treiben etwa vierzig Surfer. Cardoso trinkt hier nur seinen Kaffee. Zum Surfen ist es ihm viel zu voll.

Leserkommentare
  1. So schlimm wie in dem Artikel beschrieben sind die Locals in Portugal nicht!
    Nur wer andere respektiert wird auch selbst respektiert! Gerde als Gast.
    Ich fahre immer zum Surfen hier www.deluxe-surfhouse.com hin und hatte noch nie ein Problem im Wasser!

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