NürburgringPoker in der Eifel

Der Nürburgring sollte das Prestigeprojekt der Regierung Kurt Beck werden, doch die Finanzierung scheiterte. Jetzt beginnt der Strafprozess gegen die Verantwortlichen. Ein rheinland-pfälzischer Wirtschaftskrimi von  und

Am Abend erreichen die beiden Männer die geschwungene Auffahrt zur Kurhausstraße 65 in Zürich. Michael Nuß und Hans-Jürgen Lippelt von der Nürburgring GmbH wollen hier im Grandhotel Dolder heute noch einen riesigen Scheck entgegennehmen und das Geschäft ihres Lebens krönen. Von der Hotelterrasse aus schweift der Blick über Golfplatz und Zürichsee bis zu den Dächern der Altstadt. Mächtige aus Wirtschaft und Politik schätzen den diskreten Luxus der Schweizer Herberge, die bestens geeignet scheint, um große Deals zu besiegeln.

Doch etwas stimmt nicht an diesem 29. Juni 2009. Schwülwarm hängt die Luft bereits den ganzen Montag über der Stadt, das klärende Gewitter ist überfällig. Die aufgestauten Kräfte sollten sich bald in einem gewaltigen Knall entladen.

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Die folgenden Tage im Dolder steigern sich zum Höhepunkt eines Dramas, das deutsche Steuerzahler bis heute mehrere Hundert Millionen Euro gekostet haben dürfte: die Finanzierung der Formel-1-Rennstrecke am Nürburgring. Das Nobelhotel wird zur Bühne eines Stücks, in dem es um falsche Schecks und dubiose Kontoauszüge geht, um die Jagd nach Provisionen und um die letzten Lebensjahre amerikanischer Rentner. Und genau damit scheiterte schließlich der politische Traum der rheinland-pfälzischen Landesregierung: die defizitäre Rennstrecke endlich in einem profitablen Erlebnis- und Freizeitpark zu verwandeln. Im Schatten der Affäre verkündete Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) unlängst seinen baldigen Rücktritt. Den damaligen Landesfinanzminister Ingolf Deubel (SPD) kosteten die Chaostage im Grandhotel schon vor drei Jahren das Amt, und nun könnten sie ihn sogar ins Gefängnis bringen. Demnächst muss er sich, ebenso wie Nuß, Lippelt und einige andere, vor dem Landgericht Koblenz wegen Untreue verantworten.

Mit der ZEIT will der Ex-Minister nicht reden, er teilt bloß mit, er werde »bei Gericht die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen mich vollumfänglich entkräften und meine Unschuld belegen«.

Deubel will also kämpfen, auch wenn er eigentlich kein Kämpfertyp ist. Von kleiner Statur, die Stirn kahl, der Bart mausgrau, die Stimme fistelig: Deubel ist einer, der schnell übersehen wird. Vielleicht weil er den Mittelpunkt meidet, nie Selbstdarsteller, sondern stets Sachwalter war. Und er waltete mit Verstand, sagen ehemalige Kollegen. Seine Expertise in Sachen Haushalt und Finanzen wird bis heute geschätzt, an der Universität Münster lehrt er Wirtschafts- und Finanzpolitik. Kurt Beck nennt ihn anerkennend Professor. Wie also wurde ausgerechnet einer wie Deubel zur treibenden Kraft in einer grotesken Finanzierungsgeschichte?

Der Prozess beginnt Mitte Oktober. Doch schon jetzt gewähren die Akten von Polizei und Staatsanwaltschaft ungewöhnliche Einblicke in die Spielregeln politischer Prestigevorhaben.

Von Anfang an stand das Projekt Nürburgring 2009 unter hohem politischen Zeit- und Erfolgsdruck. Zum einen hatte die Landesregierung stets betont, der Umbau werde zur Hälfte durch private Investoren finanziert. Doch dummerweise fand sich niemand, der rund 135 Millionen Euro in der Eifel anlegen wollte. Gleichwohl sollte das für den 12. Juli 2009 angesetzte Formel-1-Rennen nicht auf einer Baustelle stattfinden. Und so rückten die Bagger an, bevor die Finanzierung stand. An dieser arbeitete die Führungsclique der landeseigenen Nürburgring GmbH: Finanzminister Deubel als neuer Aufsichtsratsvorsitzender, Geschäftsführer Walter Kafitz und jene beiden Männer, die später im Züricher Grandhotel ihren Auftritt haben werden – Prokurist Hans-Jürgen Lippelt und Controller Michael Nuß.

Sie tun sich schwer, privates Geld für die Anlage in der regnerischen Eifel aufzutreiben – bis sie dann an Michael Merten und Normann Böhm geraten, zwei Männer mit diversen Firmen und schillernden Biografien. Merten war Assistent eines Zirkusdirektors und hatte sich erfolglos mit Altbausanierungen versucht. Böhm kam aus der Hotelbranche, war mit einer Immobilienfirma pleitegegangen und wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Diese zwei präsentieren der Nürburgring GmbH ein innovatives Modell zur Geldbeschaffung. Dahinter steckt eine Großspekulation mit gebrauchten amerikanischen Lebensversicherungen, bei der die Investition für den Nürburgring-Ausbau nur eine – nach US-Recht angeblich notwendige – Randerscheinung darstellen sollte. Der Deal: Merten und Böhm erhalten Rechte an den Immobilien des Nürburgrings, um so die Voraussetzungen für das Versicherungsgeschäft zu haben. Aus den Erlösen sollten wiederum der Nürburgring GmbH die benötigten 135 Millionen Euro für ihr Bauprojekt zur Verfügung gestellt werden.

Leserkommentare
    • Erdling
    • 12. Oktober 2012 19:17 Uhr

    ich finde das Projekt insgesamt gelungen, was gebaut ist ist gebaut, lasst einfach die Pforten offen, es wird schon jemand kommen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mein Lieber, um Kurt Beck zu zitieren: "Sie sind dumm.!

    Dann brauchen wir nur noch ein paar der arbeitslosen Damen von Herrn Schlecker, die das Projekt solange sauber und schmutzfrei halten, bis sich die Anlage wieder selbst trägt. Vielleicht könnten auch ein paar der Herrn Beck nahestehenden Winzer für eine kostenfreie Getränkebewirtung sorgen und vor allem vorab schon einmal die Zinszahlungen für die Projektfinanzierung übernehmen. Wäre ja alles steuerlich absetzbar, oder?

  1. Wahrsten Sinne des Wortes für den Steuerzahler.

    Eine Halle für "Stars" die eher für das lokale Handball Team gereicht hätte (wäre sie in der ersten oder zweiten Liga). In der Nähe ist Köln! Da gibst die Kölnarena!

    Eine Achterbahn am Nürburgring? Phantasia-Land ist eine Stunde entfernt.

    Ein Shopping-Center mit Hotel? Wer das braucht, ist selber schuld. In einer Stunde ist man auch in Kölle.

    Kurt war hier definitiv Größen wahnsinnig.

    Eine Leserempfehlung
    • th
    • 12. Oktober 2012 20:18 Uhr

    an heutzutage in der EU bzw. EURO-Zone üblich gewordene Vorgänge?

    Nur dass da die Summen um das Tausendfache höher sind, natürlich niemand nach dem Staatsanwalt ruft.

    2 Leserempfehlungen
    • keibe
    • 12. Oktober 2012 20:25 Uhr

    "Mit der ZEIT will der Ex-Minister nicht reden, er teilt bloß mit, er werde »bei Gericht die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen mich vollumfänglich entkräften und meine Unschuld belegen«.

    Deubel will also kämpfen, auch wenn er eigentlich kein Kämpfertyp ist."

    Er hat Glück, da vor Strafgerichten Anwaltszwang besteht. So mag der richtig gewählte Strafverteidiger also durchaus durch Erscheinung und Wortgewalt das auszugleichen, das die ZEIT mit den Worten:

    "Von kleiner Statur, die Stirn kahl, der Bart mausgrau, die Stimme fistelig..."

    umschreibt.

  2. im System: da werden unsinnige und nicht realistisch durchgerechnete Planungen in die Welt gesetzt, weil man an 'Prestige' gewinnen will (von der Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit der Projekte einmal ganz zu schweigen) und dann wird der Druck nach unten weitergereicht. Zudem werden offenbar Menschen mit der Durchführung der Finanzierung betraut, die nicht integer sind - man hätte eigentlich erwarten können, daß so etwa vorher geprüft wird - und die sich Profit von der Durchführung versprechen und deshalb im eigenen Interesse das Projekt noch intensivieren. Nicht viel anders machen es unseriöse Unternehmensberater, die sich am Schluß weigern, Konsequenzen zu tragen, wenn man die von ihnen empfohlenen Maßnahmen umsetzt.
    Das ganze Projekt hängt ja schließlich letztendlich am Steuerzahler fest - in der Elbphilharmonie in Hamburg ist es nicht viel anders. Letztendlich muß das Land oder der Bund einspringen.
    Seriös sieht anders aus.

  3. Mein Lieber, um Kurt Beck zu zitieren: "Sie sind dumm.!

  4. Dann brauchen wir nur noch ein paar der arbeitslosen Damen von Herrn Schlecker, die das Projekt solange sauber und schmutzfrei halten, bis sich die Anlage wieder selbst trägt. Vielleicht könnten auch ein paar der Herrn Beck nahestehenden Winzer für eine kostenfreie Getränkebewirtung sorgen und vor allem vorab schon einmal die Zinszahlungen für die Projektfinanzierung übernehmen. Wäre ja alles steuerlich absetzbar, oder?

  5. Wetten, dass dahinter noch viel mehr steckt als nur das was öffentlich präsentiert wird ;)

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