Wagner-Jahr 2013Ekstasen mit viel Rosenwasser

Richard Wagner wird 200 – und die Wagner-Literatur dreht sich emsig im Kreis. von Christine Lemke-Matwey

Manchmal kommen Jubiläen zur rechten Zeit. Dann reißen sich unsere Kunstheroen alle Eingeweide auf, dann gibt es Ungeahntes zu entdecken und zu gewinnen. Bei weniger fest im kollektiven Gedächtnis verankerten Komponisten wie Felix Mendelssohn oder Franz Liszt war dies zuletzt der Fall. Bei Richard Wagner hingegen, der am 22. Mai 2013 seinen 200. Geburtstag feiert, kündigt sich das Gegenteil an. Nach gut 2.200 Seiten neu erschienener Literatur über den Bayreuther Meister (weitere 1.000 folgen bis Ende des Jahres) hat man Gewissheit: Keine deutsche Geistesgröße ist so gründlich auserzählt worden, politisch, ästhetisch, in Büchern und auf der Bühne, wie der kleine Sachse mit dem Samtbarett. Und bei keiner anderen fällt es so schwer, es zu lassen.

Entsprechend groß ist die Ratlosigkeit: Wie einerseits der robusten Eventkulturtauglichkeit Wagners Rechnung tragen und andererseits nicht Eulen nach Bayreuth tragen? Dass es sich beim Rheingold, wie Nike Wagner in ihrem launigen Nachwort zur Neuausgabe des Dramentextes resümiert, um ein »ausgepichtes Meisterwerk« handelt, dürfte da ebenso wenig erstaunen wie die Tatsache, dass sich Wagner schlecht illustrieren lässt – erst Recht nicht auf so grob-witzlose Weise, wie Nikolaus Heidelbach sie sich in der genannten Edition anmaßt.

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Am intelligentesten zieht Martin Geck seinen Kopf hier aus der Schlinge. Der renommierte Musikwissenschaftler tritt die Flucht nach vorn an, indem er gleich in der Einleitung seiner Biographie Wagner den Forscher in sich relativiert. Es gehe nicht darum, durch fortdauernde Sichtung des Materials »zu immer ›sachgerechteren‹ Urteilen« zu gelangen, sondern die Subjektivität und Vorläufigkeit derselben zu begreifen: »Ich will nicht Wagner auf die Schliche kommen, sondern mir selbst und meiner Zeit. (...) Welche Werte und Unwerte nehmen wir im Medium seiner Opern und musikalischen Dramen wachen Sinnes in uns auf, welche werden uns via Musiktheater im wahrsten Sinne des Wortes untergejubelt?«

Ich will nicht Wagner auf die Schliche kommen, sondern mir selbst und meiner Zeit.

Martin Geck

Trefflich gefragt. Allein die Antworten, die Geck nach einem Gang durchs Werk (und diversen Apropos von Heine bis Adorno) findet, fallen erstaunlich schmallippig aus. Fast scheint es, als hätte er Angst vor der eigenen Courage. Statt Wagner ein »prekäres Kunstverständnis« zu unterstellen, so das Resümee, solle man sich an der Kunst selbst »abarbeiten« – als schlösse das eine das andere aus. Im Übrigen sei die »Ekstase der Kommunikation« (Baudrillard), die Wagner leichterdings zum Liebling der postmodernen Medientheorie erkläre, ohne den »Horizont des Heiligen« für ihn niemals denkbar. Das hätte man gerne ausführlicher gewusst.

Greift man allerdings zu Barry Millingtons Magier von Bayreuth, sehnt man sich schnell nach dem Geckschen Reflexionsniveau zurück. Der Londoner Musikkritiker nimmt reichlich den Mund voll und tappt genau in die Falle, von der Geck spricht: dass hinter der »Wahrheit« über Richard Wagner – dank neuerer Forschungen – immer noch wahrere Wahrheiten schlummerten. Dazu gehören: dass Richard und Cosima »biologisch« nicht harmonierten (was das frühe Ende ihrer sexuellen Beziehung erklärt), dass Wagners Vorliebe für »rosafarbenen Satin, Rosenwasser, Ambra-Badeöl und Duftpuder« die musikalische Sinnlichkeit untermauere und seine antisemitische Hetzschrift Das Judentum in der Musik vorrangig als »Akt des Exorzismus« gelesen werden müsse. Ach so.

Vollends abstrus wird’s in der Gegenwart, wenn Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier »beachtliche Fortschritte« attestiert werden. Nicht zuletzt in der opulenten, exklusiven Bebilderung des »Magiers« aber zahlt sich der gute Kontakt zur amtierenden Festspielleitung wohl aus: Man blickt Wagners wenig liebevoller Mutter ebenso tief in die Augen wie der jungen, zarten Minna Planer, den Grünen Hügel zeigt eine Zeichnung von 1855, als sei das Festspielhaus kurz wegradiert worden, und immer wieder schießen Fotos aktueller Wagner-Inszenierungen dazwischen. Beeindruckend auch die ganzseitige Totenmaske, die den Komponisten friedlich, fast lächelnd zeigt.

Was Millington bei allem Wind vermissen lässt, eine nicht bloß auf Knien rutschende Haltung seinem Gegenstand gegenüber, pflegt die Friedelind-Wagner-Biografin Eva Rieger im Übermaß, jedenfalls was die übrigen Wagners angeht (Die rebellische Enkelin Richard Wagners). Von Anfang an hat sich die Welt gegen die aufmüpfige »Mausi« verschworen, die Mutter verhindert systematisch ihre Ausbildung, und ob Friedelind, die Toscanini-Freundin und einzige offensive Nazigegnerin des Clans, je etwas zustande gebracht hätte, allein oder an der Seite ihrer nach 1945 erfolgreich intrigierenden Brüder Wieland und Wolfgang, das weiß niemand. Riegers Rechercheleistung ist bestürzend, wobei einem die Fülle der Zitate und Details die Lektüre auch vergällt. Nur eines steht am Ende fest: Man kann froh sein, mit all diesen geifernden Wagner-Nasen nichts zu tun zu haben. Oder wie sagt der Dirigent Christian Thielemann (Mein Leben mit Richard Wagner)? »Ich möchte Richard Wagner nicht persönlich begegnen. Ich glaube, ich würde mich vor ihm fürchten.«

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