Als Peer Steinbrück vor zwei Wochen den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere erreicht, sitzt er entspannt im Restaurant des Deutschen Bundestages und frühstückt mit italienischen Kommunalpolitikern. Er weiß nicht, dass Frank-Walter Steinmeier am Abend zuvor in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten durchblicken ließ, er wolle nicht antreten. Er weiß nicht, dass die Online-Medien schon längst verkünden, die K-Frage sei entschieden. Und als sein Handy klingelt, weiß er auch nicht, dass Sigmar Gabriel dran ist. Er drückt ihn weg.

Ein zweiter Anruf, ein dritter – Steinbrück schaltet das Handy aus. Kurze Zeit darauf stürzt seine Sekretärin ins Restaurant. Und so erfährt Steinbrück als letzter Troikaner und später als Millionen andere, dass er über Nacht Kanzlerkandidat der SPD geworden ist. Wo er doch sonst so vieles als Erster weiß. Und auch noch besser.

Es war ein so schöner Plan: Vor großer Kulisse wollte Parteichef Gabriel zu einem verabredeten Zeitpunkt, auf dem Parteikonvent am 24. November, den Kanzlerkandidaten der stolzen, 150 Jahre alten SPD präsentieren – und dann ist er der Partei einfach so vor die Füße gepurzelt, urplötzlich.

Immerhin: Gabriel, Steinmeier und Steinbrück müssen jetzt nicht mehr so tun, als sei noch alles offen, müssen nicht mehr so haarscharf an der Lüge entlangbalancieren, dass sie sich jederzeit in ihr zu verheddern drohen. Die SPD ist dieses zeitungs- und talkrundenfüllende »Wer wird’s?« los, die vermaledeite K-Frage, die gierig alle Sendeminuten und alle Zeilen auffraß, keinen Raum ließ für Inhalte, Aussagen, Botschaften, also all das, worauf es Sozialdemokraten doch immer so ankommt.

Die verfrühte Ausrufung hat ihren Preis: Peer Steinbrück ist zunächst einmal ein Kandidat ohne Unterbau. Den Gipfel des Oppositionsdaseins, die Kanzlerkandidatur, hat Steinbrück nicht in einer Seilschaft erreicht, sondern als politischer Freeclimber. Ihm fehlt ein Pressestab, ihm fehlen Berater für die unterschiedlichsten Felder, von der Familien- bis zur Außenpolitik, es gibt keine auf ihn zugeschnittene Strategie, keinen Gewährsmann im Willy-Brandt-Haus, in dem Generalsekretärin Andrea Nahles nach der SPD-Satzung den Wahlkampf managt. Im Eiltempo müssen die Genossen die Logistik nachliefern, ein Umfeld schaffen, eine Kampagne entwerfen. Bis das geschafft ist, bleibt der SPD nicht viel mehr als Steinbrück pur, der unverfälschte Peer. Und der mag Nahles nicht besonders.

Steinbrück pur ist die größte Chance der Sozialdemokraten – und zugleich ihr größtes Risiko. Der gebürtige Hamburger kann polarisieren, er wirkt in die politische Mitte hinein und hat so manches, was der Kanzlerin fehlt: Eloquenz, Aggressivität, Schlagfertigkeit, Entscheidungsdrang, Witz. Darin liegt die Chance. Er weiß aber, dass er das hat. Darin liegt das Risiko. Steinbrück ist stets versucht, seine Überlegenheit allzu selbstgewiss zur Schau zu stellen. Von den wichtigen Dingen im Leben ist er sich selbst das wichtigste. Und deshalb könnte er es im kommenden Jahr nicht nur mit der Kanzlerin zu tun bekommen, sondern auch mit Teilen der eigenen Partei. Ein Zweifrontenwahlkampf wäre der SPD-GAU.

Mich gibt‘s nur ganz oder gar nicht, sagt der Kandidat. Dafür feiert ihn die SPD

Steinbrücks Kandidatur basiert auf zwei Grundpfeilern. Der eine ist seine Kompetenz in Finanz- und Euro-Fragen, sein Ruf als scharfsinniger Krisendeuter und -erklärer. Nur er, der ehemalige Finanzminister der Großen Koalition, kann Popularität, die sich Angela Merkel als Sachwalterin deutscher Interessen in der Euro-Rettungspolitik erworben hat, halbwegs neutralisieren. Der größte Trumpf der Kanzlerin, ihre schärfste Waffe im Wahlkampf, wäre somit weitgehend wirkungslos.

Wer zahlt für die Krise? Wie kommt die aus dem Gleichgewicht geratene Gesellschaft wieder in Balance? Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, Banken treiben die Politik vor sich her – im Willy-Brandt-Haus bereiten die Strategen große Gerechtigkeitsdebatten vor. Attacken auf »das schlechteste Kabinett seit 1949«, auf eine »entscheidungsschwache, orientierungslose« Regierung, ohne Sinn für die gesellschaftlichen Fliehkräfte, ohne Verstand für den sozialen Zusammenhalt, reitet Steinbrück jetzt schon. Mit beidem, den Debatten wie den Attacken, werden die SPD und ihr Kandidat nur dann zum Wähler durchdringen, wenn die Entwaffnung der Kanzlerin gelingt. Wenn Steinbrücks Kompetenz Merkels Popularität ausgleicht.