Maureen Cassidy-Geiger sitzt auf dem königsblauen Sessel ihres Zimmers im Dresdner Hotel Taschenbergpalais und trinkt einen doppelten Espresso. Sie trägt ihre langen blonden Haare offen. Zu ihren Füßen liegen Landkarten Europas und kopierte Seiten eines Tagebuchs. Die New Yorkerin ist braun gebrannt und lacht viel: Sie sieht aus wie eine Frau, die sich darauf freut, in den Urlaub zu fahren.

Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass auf den Karten keine Autobahnen verzeichnet sind, keine Raststätten und keine Abfahrtsnummern. Es sind historische Karten, die nur Flüsse und Postwege ausweisen. Derweil sind die Seiten der Tagebücher mit einer alten Schreibschrift gefüllt – in französischer Sprache. Es sind nicht ihre Tagebücher, sondern die eines Prinzen aus dem 18. Jahrhundert.

Dies ist die Geschichte einer Reise. Genauer gesagt, ist dies die Geschichte von zwei Reisen, die zu einer werden. Die erste Reise beginnt 1737: Der damals 16-jährige Kronprinz Friedrich Christian von Sachsen, Enkelsohn Augusts des Starken, fährt auf eine Grand Tour. Seit der Renaissance reiste der königliche Nachwuchs zu den bedeutenden Kulturstätten Europas – eine Art Abiturfahrt für den Adel. In diesem Fall allerdings hatte die Kavalierstour zwei weitere Zwecke: Friedrich Christian sollte seine Schwester begleiten, die zur neuen Königin von Neapel werden würde. Und auf Ischia sollte sich der Jugendliche einer Kur unterziehen, um seine von Geburt an gelähmten Füße heilen zu lassen. Einzigartig war, dass der Prinz auf seiner Reise ein ausführliches Tagebuch schrieb. Dieses Tagebuchs wegen findet die zweite Reise im Sommer 2012 statt. Maureen Cassidy-Geiger fährt auf den Spuren des Prinzen nach Neapel: Sie wird nur die Notizen seiner Tagebücher lesen, um der Strecke zu folgen; nur auf jenen Straßen fahren, auf denen auch er schon fuhr, nur dort halten, wo auch er hielt.

Nur in den Büchern zu lesen genügte ihr nicht. Sie will Geschichte spüren

Eine Amerikanerin interessiert sich für einen sächsischen Prinzen aus längst vergangenen Zeiten. Wenn die zweifache Mutter über ihn spricht, benutzt sie große Worte: Sie habe ihn »wie ein drittes Kind adoptiert«, sie habe sich geradezu »in ihn verliebt«, in »ihren« Prinzen. Das klingt ein bisschen klischeehaft. Nach Amerikanerinnen auf der Suche nach sich selbst. Das klingt sogar ein bisschen verrückt, und das weiß Cassidy-Geiger auch. Aber wenn man ihr begegnet, wird schnell klar, dass hier auch eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin eine Möglichkeit gefunden hat, ihre Disziplin, die Kunstgeschichte, erlebbar zu machen.

Cassidy-Geiger stellt die Espressotasse ab, ohne das Porzellan eines Blickes zu würdigen. Dabei ist die 55-Jährige eine Porzellan-Expertin. Zu ihrer Leidenschaft für das weiße Gold kam sie zufällig, durch ihren vom Meissener begeisterten Professor. Inzwischen interessiert sie sich nicht mehr nur für Formen und Farben, sondern auch für das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen der Wissenschaft, von Kunstgewerbe, Industrie- und Staatsgeschichte. Dafür liefert das Porzellan prächtiges Anschauungsmaterial: Seit August dem Starken, der im Jahr 1710 die Meissener Manufaktur gründete, war es das Markenzeichen des sächsischen Hofs. Die Herrscher schickten das Geschirr als diplomatisches Geschenk auf Reisen, so auch auf jene von Friedrich Christian von Sachsen.

Vor acht Jahren, bei einem ihrer vielen Forschungsaufenthalte in Dresden, machte Cassidy-Geiger eine Entdeckung. Sie war gerade dabei, die Wege nachzuvollziehen, die einst das Meissener Porzellan in Europa nahm, da stieß sie im Archiv auf die Tagebücher des Prinzen – drei dicke, in Leder eingebundene Bände, eine Rarität. Andere Wissenschaftler mögen sich damit begnügen, Artikel über ihre wundersamen Funde zu schreiben oder in klimatisierten Konferenzsälen Vorträge zu halten – Cassidy-Geiger fuhr lieber dorthin, wo Geschichte spürbar wird. Wo sich, wie sie sagt, die Zeiten vereinen, wenn sie mit einem modernen Auto vor einem Schloss aus dem 18. Jahrhundert parken und an dessen Tore klopfen kann.

Fernab von Heimat und Familie fühlte sie sich befreit. Sie veränderte sich beruflich, gab die einsame und im Verborgenen stattfindende Arbeit für Sammler und Kuratoren auf und begann, an der Universität zu lehren. Dort hielt sie begeistert Vorträge über »ihren« Prinzen. Wie dieser fing sie an zu schreiben. Sie verfiel auf eine Idee: Mit Stadthistorikern und Archivaren, mit Museumsleitern und Tourismusleuten wollte sie den Spuren des Prinzen in Europa nachgehen, neue Details zu seiner Reise herausfinden und nicht zuletzt: Friedrich Christian bekannt machen.

Am nächsten Tag steht Cassidy-Geiger früh auf und legt die historischen Karten und Tagebücher auf den Beifahrersitz. Sie fährt erst zum nahen Schloss Pillnitz und danach nach Prag, wie der Prinz damals auch. Sie wird sich in den folgenden Tagen immer wieder telefonisch melden, um von ihrer Reise zu erzählen.