SchulunterrichtWas noch mal ist eine App?

Jetzt können Schüler endlich den Umgang mit modernen Medien lernen: Aber nur in Solothurn. von Dominic Wirth

Eine Schülerin der Solothurner myPad-Klasse

Eine Schülerin der Solothurner myPad-Klasse  |  © Fabian Biasio für DIE ZEIT

Im Versuchslabor, Allmendstraße 63, Solothurn, stehen kleine Pulte aus Holz auf grauem Novilonboden, hängen schwarze Schiefertafeln an den Wänden und ein Beamer von der Decke. Vorn, auf dem großen Pult, ein Globus. Hinten, an einer Wand, das Alphabet. Es ist kurz nach halb elf, Montagmorgen. Eben sind die Viertklässler in das Schulzimmer zurückgekehrt. Jetzt sitzen sie an ihren Pulten, fahren mit den Fingern über farbige Displays, tippen Wörter in Suchmasken, lassen Präsentationen über den Bildschirm sausen. Sachkunde steht auf dem Stundenplan. Die vierte Klasse von Frau Deppe behandelt das Thema Fliegen. Die Kinder, zehnjährig die meisten, sollen auf ihrem iPad eine PowerPoint-Präsentation zusammenstellen.

Vor ein paar Wochen, als die Sommerferien zu Ende gingen und das Leben ins Schulhaus Wildbach zurückkehrte, verwandelte sich das Klassenzimmer der Viertklässler in ein Labor. Auf den kleinen Holzpulten liegen seither iPads neben Heft und Bleistift. Ein Jahr testet die Lehrerin Verena Deppe mit ihrer Klasse, wie sich die Geräte in den Unterricht einbauen lassen.

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An diesem Morgen stöbern die Kinder im Internet nach geeigneten Bildern für ihre Präsentationen, lesen Wikipedia-Artikel zur Geschichte des Fliegens. Später, im Rechen-Unterricht, üben sie mit einer App das Addieren. »Ich versuche, die iPads so oft wie möglich einzubauen, achte aber auf eine vernünftige Dosierung«, sagt Deppe. Insgesamt sind im Kanton Solothurn zwölf Klassen am myPad-Projekt beteiligt; ihr Urteil im kommenden Sommer wird nicht nur im Kanton Solothurn, sondern im ganzen Land auf Interesse stoßen. Denn für den Umgang mit Internet und digitalen Medien fehlt in vielen Schweizer Schulhäusern ein Rezept.

Gerade einmal 15 Jahre ist es her, da spielte das Internet noch kaum eine Rolle in der Schweiz. Nur sieben Prozent der Bevölkerung gaben damals in einer Umfrage des Bundesamts für Statistik an, mehrmals pro Woche zu surfen. Seither hat das Netz die Welt revolutioniert. Es ist heute unsere erste Informationsquelle; es hilft uns, neue Freundschaften zu schließen und alte zu bewahren; es bietet uns eine Plattform, auf der wir uns präsentieren und austauschen. Das Netz organisiert unser Leben zunehmend – und ein Ende dieser Revolution ist nicht absehbar. Immer neue Trends und Entwicklungen spuckt die Innovationsmaschinerie Internet aus. Und fordert damit seine Nutzer. Denn das Netz bietet uns viel, aber es verlangt auch viel. Weil es ablenkt und verlockt. Weil seine Mechanismen schwer durchschaubar sind. Weil es nie vergisst. Weil es ein verzerrtes Bild von der Welt zeigt. Wenn wir uns im Netz bewegen, müssen wir uns dieser Dinge bewusst sein. Längst ist der Umgang mit ihm, mit seinen Ressourcen und Gefahren, zur Kulturtechnik geworden. Wie das Lesen, wie das Schreiben, wie das Rechnen.

Für Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, ist die Vermittlung der Kulturtechnik Medienkompetenz »eine moderne Form der Alphabetisierung, ohne die man nicht am Leben in der mediatisierten Gesellschaft teilhaben kann«. Wer medienkompetent ist, kann das Netz für seine beruflichen und privaten Zwecke nutzen. Er kann beurteilen, welche Folgen sein Verhalten im Internet hat oder haben kann. Und er ist in der Lage, die Flut von Inhalten im Netz zu beurteilen und kritisch zu hinterfragen.

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