Wäre dieses Leben, was es mitunter zu sein schien, ein Film aus Hollywood, eine Soap-Opera über einen Aufsteiger, der nur kraft seines ungeheueren Willens den mächtigsten Körper bekommt, das schönste Mädchen und die dickste Zigarre, dann wäre dieses moderne Heldenepos idealerweise vor neun Jahren zu Ende gegangen, an einem strahlenden Herbsttag auf den Stufen vor dem Kapitol der kalifornischen Hauptstadt Sacramento.

Am 17. November 2003 legte dort ein Einwanderer aus Graz namens Arnold Schwarzenegger den Amtseid als Gouverneur des bevölkerungsreichsten Bundesstaates der USA ab. Er schwor auf die alte Familienbibel der Kennedys, die Schauspielerin Vanessa Williams, mit der er den Film Eraser gedreht hatte, sang die Nationalhymne. Eine völlig unwahrscheinliche Karriere, die nur eine Richtung kannte: steil nach oben, hatte ihren Höhepunkt erreicht. Es wäre der perfekte Moment für ein letztes Close-up gewesen, kantiges Kinn, konzentrierter Blick und dann: Tusch, Abblende, Werbung.

In seiner Autobiografie Total Recall erzählt Schwarzenegger jetzt die Vorgeschichte dieses feierlichen Augenblicks. Es ist die klassische Story vom mittellosen Einwanderer, der sich mit purer Muskelkraft, Willensstärke und dreistem Charme vom Bodybuilder zum Filmstar hocharbeitet und dann vom Serienmörder auf der Leinwand zum Staatsmann mutiert. Schwarzenegger ist Vorbild für Millionen, die Verkörperung des amerikanischen Traums: Wenn so einer Gouverneur werden kann, dann ist alles möglich. Immer noch.

Dank der Hilfe des Ghostwriters Peter Petre liest sich dieses amerikanische Märchen flüssig und farbig, wenngleich auch 300 statt 600 Seiten genügt hätten. Effektvoll ist der Text, wo er in knappen Strichen die Enge und Bitterkeit des Nachkriegs-Österreichs schildert, aus dem sich Schwarzenegger befreit hat. Es gibt kein fließend Wasser im Haus seiner Eltern, die ganze Familie badet im Bottich, erst die Mutter, dann der Vater, schließlich die beiden Brüder. Der Vater war in Stalingrad, ein harter, verwundeter, ehrgeiziger Mann, die Mutter schleppt den kleinen Bruder drei Kilometer durch den Schneesturm ins Krankenhaus, als der eine Lungenentzündung hat.

Umso strahlender nimmt sich vor diesem Hintergrund aus, wie Schwarzenegger in Amerika zum Filmstar wird, wie er sich in die Fernsehjournalistin Maria Shriver verliebt, einen Abkömmling des Kennedy-Clans, wie er dank ihr bis ins Allerheiligste der Ostküsten-Aristokratie vordringt, nach Hyannis Port, auf den Landsitz der Kennedys. Und wie er sich schließlich zum Politiker aufpumpt, ganz so, wie der Bodybuilder einst Muskelpaket auf Muskelpaket gepackt hatte.

»Man modelliert seinen Körper ähnlich wie ein Bildhauer eine Statue mit dem Meißel bearbeitet.« Das ist der zentrale Satz des Buches. Jede Faser seines Leibes hat Schwarzenegger seinem Willen unterworfen. Er hielt die ganze Welt für formbar – auch wenn unverkennbar ist, dass dieses Ausnahmeleben mittlerweile in seine melancholische Spätphase eingetreten ist.

Auf den Amtseid in Sacramento folgen in der Autobiografie immerhin noch hundert Seiten. Und sie zeigen einen Helden, der grau geworden ist, müde, speckig, für den längst nicht mehr alles nach Plan läuft. Vielleicht gibt es auch gar keinen Plan mehr. Was tut ein Schwarzenegger, wenn es abwärts geht? Oder wenigstens nicht mehr aufwärts?