Robbenjagd Heuler zwischen allen Fronten

Seehunde sind niedlich, daher werden sie gepäppelt. Sie fressen aber auch viel Fisch – deshalb wollen Fischer sie zum Abschuss freigeben.

Seehunde in der Station Friedrichskoog

Seehunde in der Station Friedrichskoog

Thyge Jensen brachte den Stein ins Rollen. Der dänische Seehundexperte im Ruhestand greift ab und an in die Tastatur. Im Sommer veröffentlichte er in der Lokalzeitung JydskeVestkysten einen Artikel. Die Überschrift erregte kein Aufsehen: »Wattenmeer-Seehunde und der ökologische Anstand«. Der Inhalt aber war ungeheuerlich: Jensen forderte die Jagd auf die Nordsee-Seehunde.

Jensens Vorschlag machte in Norddeutschland die Runde, und der Landesfischereiverband Schleswig-Holstein beeilte sich zuzustimmen. Die Seehundpopulation sei so groß wie nie, sie schade der Natur: Plattfische, Kabeljau und Schellfisch seien durch die Säuger bedroht, wurde der Verbandsvorsitzende Lorenz Marckwardt in der Hamburger Morgenpost, der Welt und der taz zitiert.

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Nun wurden auch die Jäger wach – sie zeigten sich in einer eilends formulierten Pressemitteilung nicht abgeneigt, mit ihren Arbeitsgeräten in den Bestand einzugreifen, »aus Gründen der Seuchenprävention«. Tatsächlich hatten zwei Epidemien des Staupevirus in den Jahren 1988 und 2002 Tausende Seehunde im Wattenmeer getötet. Das Virus schwächt deren Immunsystem und bereitet weiteren Erregern den Weg. Das Leiden kann sich hinziehen, als Folge davon liegen kranke und verendete Tiere am Strand – kein schöner Anblick, um den Tourismus anzukurbeln.

Für diese Epidemien hat Andreas Schober, Geschäftsführer des Landesjagdverbands, eine einfache Erklärung: »Eine höhere Populationsdichte führt immer zu einer höheren Wahrscheinlichkeit der Ansteckungs. Man muss sich darüber Gedanken machen, ob ein totaler Schutz die Tiere nicht zu Tode schützt.« Also auf zur Jagd? Sie könnte sofort starten. Denn es gibt allein in Schleswig-Holstein noch immer 34 Seehundjäger.

Allerdings jagen diese Seehundjäger schon lange nicht mehr. Seit 1974 haben die Tiere in Deutschland ganzjährig Schonzeit. Was vom Jagdrecht bleibt, ist die Verpflichtung der Jäger, sich um leidende Tiere zu kümmern. »Anders als etwa bei der Eule«, erklärt Schober. »Die steht unter Naturschutz, aber nicht unter Jagdrecht. Wenn da eine verhungert, kümmert sich kein Mensch drum.«

Seehundjäger als Robbenretter

So kommt es zur etwas kuriosen Situation, dass Seehundjäger jeden Sommer damit beschäftigt sind, Heuler einzusammeln, die von ihren Müttern verlassen oder verloren wurden. Sie bringen die einsamen Jungtiere nach Friedrichskoog, in die Seehundstation.

Friedrichskoog liegt zwischen Windrädern und einem Damm, auf dem Schafe grasen. Die Station entstand 1985, mit Unterstützung des Landesjagdverbands. Fünf Tiere leben dauerhaft hier, jeden Sommer werden mehr als hundert Heuler durchgeschleust. Nein, die Wahrscheinlichkeit eines Staupe-Ausbruchs habe nichts mit der Anzahl der Tiere zu tun, sagt Tanja Rosenberger, die Stationsleiterin, »der Ausbruch 1988 ist bei geringem Bestand passiert«. Die Staupe werde durch Tröpfcheninfektion übertragen, erklärt die Biologin. Seehunde begrüßen sich per Schnauzenkontakt.

Eine Bejagung lehnen die Friedrichskooger strikt ab. Früher wurden nur etwa 20 Tiere pro Jahr erlegt. Dennoch dezimierte dies den Bestand stark, denn die Jäger vertrieben die Tiere von den Sandbänken. Jungtiere wurden nicht ausreichend gesäugt, die Seehunde standen unter Stress. Weniger als 4.000 Tiere lebten 1975 noch im Wattenmeer.

Leser-Kommentare
  1. "Plattfische, Kabeljau und Schellfisch seien durch die Säuger bedroht"
    Ich lach mich schlapp. Die Seehunde sind es also, die die Meere leer fischen.

    "Viele Menschen sind gut erzogen, um nicht mit vollem Mund zu sprechen, aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun."
    Orson Wells

    11 Leser-Empfehlungen
  2. beim Fleisch, der Verzicht auf Fisch propagiert wird.
    fairfish z.B. fordert höchstens einmal pro Monat Fisch zu essen!
    http://www.fair-fish.ch/w...
    Würde man das Verhalten, das man zum "Schutz" von Fischen gegen Robben anwendet, auf die für den Fischbestand wirklich gefährlichen Menschen anwenden, dann............ohje!

    3 Leser-Empfehlungen
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    Ja, eine Schüssel Reis reicht vielen Menschen zum Leben.

    Ja, eine Schüssel Reis reicht vielen Menschen zum Leben.

  3. "Es ist das Kindchenschema der Heuler, das ... sofort für Empörung sorgt, wenn das Thema Jagd aufkommt."

    Nö, es sind die Bilder und Videos, die im Internet kursieren.
    Bei Eingabe von "Robbenjagd" auf google (Bilder) könnt ich ko***.

    2 Leser-Empfehlungen
  4. Sehr lustig,

    sonst liest man in der Zeitung über Fangquoten aus Brüssel und den unausweichlichen zitierten Fischer, "Von den Quoten kann ich nicht leben, muss dichtmachen und weiß nicht was ich sonst machen soll".

    Dieser Fischer möchte also lieber weitermachen, egal ob die Fischpopulationen das aushalten oder nicht und es in 10 Jahren dann vielleicht garnichts mehr zu fangen gibt!

    Nun endlich, wo sich die Seehunde einigermaßen berappelt haben, hören wir von den anderen Fischern. Die, denen das wohl der Fische so am Herzen liegt, dass sie Fangquoten für Seehunde fordern...

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    vielleicht gibt es ja zu viele Fischer und Jäger?

    vielleicht gibt es ja zu viele Fischer und Jäger?

  5. Es gibt nicht zuviel Seehunde, es gibt zuviele Menschen, die Fisch komsumieren. Mein Fischkonsum beläuft sich auf Null. Leider ist das nicht bei allen so. Die rücksichtslose Ausbeutung der Meere ist die Ursache für den Rückgang der Fischbestände.

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    • TDU
    • 15.10.2012 um 13:54 Uhr

    Immer dasselbe. Entweder oder. Katzen und Krähen verdrängen die Singvögel, aber die sind allerliebst und geschützt. Und mangels natürlicher Feinde vermehren die sich ungehindert. Aber die Entscheider sitzen in der Stadt, die mit Spatzen und Krähen zufrieden ist.

    Und auf eine Staupe Epidemie zu hoffen? Na hoffentlich stellt man nicht mal die Ratten unter Naturschutz und wartet auf die überfallige Pest.

  6. Der hohe Verbrauch von Fisch ist weltweit für leere Ozeane, Meere, Seen und Flüsse verantwortlich, weil schon seit Jahrzehnten die Wirtschaftszweige der Fischerei nicht mehr maßvoll mit ihren Ressourcen umgehen. Die Fischer bedienen aber nur die hohe Nachfrage, Fischgerichte werden traditionell nur zu Festtagen und hohen Feiertagen zubereitet und verzehrt. Aber heutzutage werden für unwürdige Preise die Kühltruhen mit Fischprodukten gefüllt. Wo bleibt der Genuss, wo bleibt das gesunde Maß ? Fischgerichte gehören zum qualitativ hochwertigen Essen und diese Kostbarkeiten sollten auch geschätzt werden.
    MfG
    Wehrkirche

    4 Leser-Empfehlungen
  7. Das erinnert mich an die Zerstörung der Kormoranbrut trotz massiver Proteste von Naturschützern vor wenigen Jahren am Bodensee.

    Weil die bösen Kormorane angeblich den Bodensee leerfischen...

    Man sieht, wo immer Wasser ist, finden sich überall die gleichen argumentativen Leerfischer.

    Eine Leser-Empfehlung

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