Nie wäre es meiner Oma Zainab* eingefallen, ihre grauen Haare mit Henna zu färben, das nicht von dem Basar in Aleppo stammt. Wenn sie dorthin zum Einkaufen ging, nahm sie mich als Kind immer mit. Nicht, um irgendwelche Dinge zu besorgen, sondern um mir zu zeigen, was die Stadt Aleppo wirklich ausmacht. Verwinkelte Gassen, kleine Verkaufsstände, 2300 Jahre alte Häuser. Der Geruch von frischem Fisch, lebenden Hühnern, Minze, Moschus und Henna. So kannten die Bewohner der Stadt diesen alten Ort an der Seidenstraße, so sahen ihn die Touristen. Ich liebte die Stimmen der Frauen, die mit den Verkäufern flirteten, lachten und handelten. Wir gingen nicht in Cafés oder in den Park, sondern auf den Basar. Wir waren stolz auf ihn, auf unsere Heimat.

Jetzt brennt die historische Innenstadt und mit ihr der Basar. Mehr als 1500 Geschäfte, Weltkulturerbe. Kilometerlange Gassen sind unpassierbar. Die Bewohner von Aleppo können nicht mehr atmen, sie haben ihr Wirtschaftszentrum verloren, ihre Stadt ist endgültig begraben. Die Welt trauert um den Basar von Aleppo, doch die Bewohner haben dafür keine Kraft mehr. Sie husten, halten sich die Nase zu und wischen brennende Tränen von ihren Wangen.

Der Basar ist zerstört, seine Frauen sind es auch. Ich habe ein Bild im Internet entdeckt, das eine tote junge Frau zeigt. Sie wurde auf der Straße erschossen, ihr Körper war zerfetzt. Sie lag in einer Gasse, die ich noch gut in Erinnerung habe. Ich habe das Bild mit der Computermaus herangezoomt und das verstellte Gesicht minutenlang angestarrt. Sie könnte eine von meinen Freundinnen sein.

»Brot ist manchmal mit Blut getunkt«, heißt es in einem alten syrischen Sprichwort. Damit meinen wir, dass das Leben hart sein kann. Dass der tägliche Kampf um Nahrung und Würde schmerzvoll ist. Nun hat sich diese Redewendung bewahrheitet: Auf dem Basar von Aleppo fließt Blut über Mehl und frisch gebackenes Brot. Armeen bombardieren Backstuben. Frauen, Kinder und Väter sterben, weil sie für ein Stück Brot anstehen. Sie haben nichts mit dem Regime, dem Militär oder der Politik zu tun. Sie wollten nur Brot für ihre Familien kaufen – nun liegen ihre Eingeweide in den Gassen verteilt.

Als ich 2004 aus Aleppo geflohen bin, habe ich die kleine Widad zurückgelassen, da war sie erst fünf Jahre alt. Widad konnte noch nicht richtig sprechen. Das fand ich besonders süß. Deshalb habe ich immer versucht, sie in lange Gespräche zu verwickeln. Meist ging es um Brot oder Milch, um etwas, das wir auf dem Basar besorgen wollten. Heute ist Widad dreizehn Jahre alt. »Überall Massaker«, sagt das Mädchen am Telefon, das früher so süß über Brot und Milch reden konnte. Ich mag ihre Worte nicht mehr. Widad und ihre Cousine schreien hysterisch. Die ganze Nacht, den ganzen Tag. Bis vor einigen Tagen lebten sie in einem Viertel nahe der Altstadt Aleppos – dort herrscht nun Dauerbeschuss. Ihre Mütter haben entschieden, die Töchter zur Oma zu schicken. Sie wohnt jetzt in einem christlichen Viertel, etwas weiter weg. Wirklich besser ist es dort nicht.

Wenn die Internetverbindung gerade einmal nicht unterbrochen ist, schreibt mir Widad per Messenger – meist gegen sieben Uhr morgens. Dann, wenn in Aleppo eine kurze Feuerpause herrscht und eigentlich die beste Zeit zum Schlafen ist.

– Ich habe diese Nacht kein Auge zubekommen, die Flugzeuge kreisten über uns, ich habe Angst, was soll ich nur tun?

– Ruf deine Mutter an.

– Ich will nicht, sie schläft bestimmt gerade, und ich will sie nicht beunruhigen.

– Was passiert gerade? Ist es etwas ruhig?

– Oma hat eine Schlaftablette genommen und schläft. Ich höre Bomben, ich weiß nicht, wo sie abgeworfen werden. Sie sind leiser als sonst, aber ich habe das Gefühl, dass sie näher kommen. Das ganze Haus wackelt, das Fenster vibriert, die Scheibe droht zu zerbrechen.