Roman "Open City"Armer Ritter

Teju Cole über die Melancholie New Yorks und seine eigene. von Ina Hartwig

Eine Straßenszene aus New York

Eine Straßenszene aus New York  |  © cw-design / photocase.com

Julius, ein junger Mann am Ende seiner Facharztausbildung zum Psychiater, läuft nach Dienstschluss durch New York City, einfach drauflos, ohne festgelegtes Ziel, um die im Presbyterian Hospital herrschende Spannung abzubauen, aber auch, um sich einfach umzuschauen. Schnell merkt man, dass hier kein medizinischer Fachmann mit verengtem Blick unterwegs ist, sondern ein Sensibilist, der mit Beispielen aus der Kunstgeschichte aufwartet und überhaupt gerne vergleicht. Wo andere nur die Spiegelung einer Fassade erkennen, fühlt Julius sich an ein Gemälde von Velázquez erinnert. Die geschulte Beschreibungskunst, die originellen, manchmal ins Barock-Überspannte ausschweifenden Assoziationen gehören zu den offensichtlichen Qualitäten des Romans Open City von Teju Cole.

Auf Seite 29 heißt es plötzlich: »Im abendlichen Harlem gab es keine Weißen.« Der Ich-Erzähler Julius, wird an dieser Stelle erstmals nahegelegt, ist also ebenfalls nicht weiß. Teju Cole wurde 1975 in den USA geboren, als Kind nigerianischer Eltern. Er wuchs in Nigeria auf, und heute lebt er in Brooklyn. Die Romanfigur Julius teilt manches mit ihrem Schöpfer, doch die Unterschiede sind erheblich: Julius hat eine deutsche Mutter. Seine Hautfarbe sei heller gewesen als die der anderen Kinder in Lagos, wo er aufwuchs, weshalb er sich »nicht ganz zugehörig« gefühlt habe.

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So kann Julius sich in New York, mag er ein respektierter Arzt sein, ebenfalls nicht ganz zugehörig fühlen, wenn er in der Carnegie Hall als einziger Nichtweißer im Publikum der Neunten von Mahler lauscht. Er ärgert sich, dass es ihm überhaupt auffällt. Die Hautfarbe, ein politisch relevantes Motiv des Romans, wird mit größter Vorsicht behandelt. Die Rahmenhandlung spielt um die Jahreswende 2006/07, also vor Obamas Präsidentschaft.

Open City, letztes Jahr in den USA erschienen, liegt nun in einer angenehmen deutschen Übersetzung vor. Teju Cole jedenfalls ist seit diesem Buch ein Star am amerikanischen und bald wohl auch am internationalen Literaturhimmel. Wie Marie NDiaye in Frankreich oder Zadie Smith in Großbritannien lässt er europäische Bildung quasi migrieren, bricht sie auf und erweitert, vielleicht befreit er sie.

Vor seiner medizinischen Ausbildung studierte Julius englische Literatur. Aus jener Zeit datiert seine Freundschaft mit dem alten Professor Saito, den er gelegentlich besucht. Dem Tod entgegenblickend, fragil und gütig, ist Saito eine der markanten Figuren des Romans. Daneben kreuzen Unbekannte Julius’ Weg, schwarze Männer, die ihre Geschichten erzählen, ein illegaler Immigrant, der vor Charles Taylors Terror geflohen sein will; ein tiefgläubiger karibischer Schuhputzer; ein Postbeamter mit poetischen Ambitionen und aufdringlicher Afrikasehnsucht; ein Museumswärter, der ein Auge auf Julius wirft. Die solidarische »Bruder«-Rhetorik setzt er zwar gelegentlich ein, doch passt sie nicht wirklich zu ihm, dem Mahler-Liebhaber und Barthes-Leser.

Ganz anders die Begegnungen mit Dr. Maillotte, einer pensionierten Chirurgin aus Philadelphia, die Julius im Flugzeug nach Brüssel kennenlernt, sowie Farouq, einem brillanten marokkanischen Intellektuellen, den er im Internetcafé aufgabelt, ebenfalls in Brüssel. Julius hat beschlossen, seinen gesamten Jahresurlaub über Weihnachten in Brüssel zu verbringen. Die Brüssel-Passagen, ein Höhepunkt des Romans, vermitteln den Übergang von den USA nach Europa als sinnliche Erfahrung.

Auch wirken Julius’ nigerianische Kindheitserinnerungen hier passender als in New York. Die vielen Schwarzen, die Julius in einem Club sieht, kommen zu seinem Erstaunen aus Ruanda, nicht aus dem Kongo, womit er angesichts der belgischen Kolonialgeschichte gerechnet hatte. Jedes Jahr verbringt Dr. Maillotte einige Zeit in ihrer Heimatstadt, die amerikanische Heuchelei erträgt sie nicht. Im Flugzeug behauptet die resolute Dame, Nigerianer seien arroganter als Ghanaer, und im Übrigen sei die Hautfarbe in Belgien nicht so entscheidend wie in den USA. Julius staunt nicht schlecht.

Leserkommentare
  1. werde ich mir dieses Buch kaufen.

    Danke für die Besprechung, ich hoffe, Sie haben nicht zu viel versprochen :-)

  2. diesen Roman zu besprechen ohne W.G. Sebald auch nur zu erwähnen. Wie haben sie das geschafft?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    erinnert mich eher am Siegmund Freud oder Uwe Johnson.
    Die Meinungsspur von James Wood über Dotzauer bis zu Samthases Drittmeinung ist nicht zu übersehen.
    Lesen Sie doch einfach das Buch.

  3. erinnert mich eher am Siegmund Freud oder Uwe Johnson.
    Die Meinungsspur von James Wood über Dotzauer bis zu Samthases Drittmeinung ist nicht zu übersehen.
    Lesen Sie doch einfach das Buch.

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