Corinna HarfouchMetaphysik der Sitten

Die Uraufführung von Yasmina Rezas "Ihre Version des Spiels" in Berlin. von 

Corinna Harfouch (Nathalie Oppenheim) und Sven Lehmann (Der Bürgermeister)

Corinna Harfouch (Nathalie Oppenheim) und Sven Lehmann (Der Bürgermeister)   |  © Arno Declaire

Die Französin Yasmina Reza liebt das Spiel. Sie liebt es so sehr, dass sie es ständig verdoppelt und verdreifacht. Im Theater über Kunst reden, auf der Bühne eine Bühne zeigen, im Theaterstück aus einem Roman vorlesen und solche Sachen. Am Deutschen Theater in Berlin stehen wir bei der Uraufführung ihres neuen Stücks Ihre Version des Spiels zunächst orientierungslos im Dunkeln. Hinter uns Zuschauerreihen, vor uns auf der Bühne wieder Zuschauerreihen, alles mit Absperrseilen blockiert, eine schöne Metapher für die dauernde Berliner Bauarbeiteritis.

Dann betritt die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim (Corinna Harfouch) die Bühne, verschreckt, in sich versunken, ein bisschen so, wie Ilse Aichinger mit ihren großen Taschen früher in der Nacht durch die Straßen von Wien geirrt sein muss, auf der Suche nach Deckung, nach Dunkelheit, nach einem allerletzten Versteck in irgendeinem tiefen Kinosessel. Aber Nathalie Oppenheim ist nicht auf dem Weg in ein sicheres Nirgendwo, sondern zu einer Art Hinrichtung. So jedenfalls muss sich Stephan Kimmig das gedacht haben, der die Lesung in der Mehrzweckhalle von Vilan-en-Volène, bei der Nathalie gerade eintrifft, als ein literaturbetriebliches Folterstück inszeniert hat.

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Immerhin dürfen wir uns dazu nun setzen. Nicht im Zuschauerraum. Da sitzt schon die berühmte Literaturjournalistin (Katrin Wichmann), die gleich wie eine blonde, streng gescheitelte Kommandeuse aus dem Literaturbetriebs-Straflager über die Autorin herfallen wird und die sich gerade noch ein paar Notizen für ihre bevorstehende Moderations- oder Exekutionstätigkeit macht. Nein, wir nehmen auf der Bühne Platz. Denn das Publikum spielt bei solchen zu Unterhaltungszwecken veranstalteten Autorenhinrichtungen natürlich auch eine wichtige Rolle. Und so spielen wir die Zuschauer in einem Spiel, das eine Buchlesung des Romans Das Land des Überdrusses aus der Feder der berühmten Schriftstellerin Nathalie Oppenheim nachspielt. Eines Romans, dessen Heldin überdies ein Stück verfasst hat, das sich Ihre Version des Spiels nennt. Als Gastgeber der »literarischen Samstage« in der Mehrzweckhalle von Vilan-en-Volène begrüßt uns ein gewisser Roland Boulanger, den man zunächst für eine Parodie auf den Intendanten des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, hält, bis man begreift, dass es sich bei dem Schauspieler Alexander Khuon wirklich um dessen Sohn handelt, der den Provinz-Impresario als atemlosen Stadtneurotiker gibt.

Was nun folgt, ist die Eindeutschung oder Germanisierung eines französische Konversationsstückes. Aus dem Spiel mit dem Spiel im Spiel wird deutsches Theater. Die wunderbare Corinna Harfouch sitzt vom ersten Augenblick an eingeklemmt zwischen der Moderations-Kommissarin und dem Provinzkomiker der Mehrzweckhalle an ihrem Autorentisch mit dem berühmten Wasserglas und macht eine Miene, als warte sie auf die Suppe in der Bahnhofsmission. Links von ihr: strahlende, dummdreiste Literaturbetriebs-Selbstgenügsamkeit. Rechts von ihr: neudeutsche Empfindsamkeits-Comedy. Hinter ihr: sie selbst, als riesige Filmprojektion wie bei einem Parteitag oder einer Auktionärsversammlung. Über der ganzen Szene schwebt wie eine drohende Gewitterwolke: das Fallbeil, das gleich in Frageform auf die arme Autorenseele niederfahren wird.

Dabei ist die Inquisition, der die schöne Rosanna nun vorsteht, gar nicht so schmerzhaft. Sie fragt, was man so fragt, wenn man die wirklich interessanten Fragen nicht zu stellen wagt. Keine Frage verlässt je die Sperrzone des gehobenen Kulturgeplauders darüber, ob man das Leben unzulänglich finde oder eher nicht, ob die Romanfiguren eine Zukunft hätten oder eher keine, ob man sich im Allgemeinen mehr von Cesare Pavese oder von Marguerite Yourcenar inspirieren ließ und so weiter. Belangloses Gerede, das bei Yasmina Reza zuverlässig in die Katastrophe führt, weil unter dem feinen Brokat der leichten Konversation die Einsamkeit, die Unsicherheit, die Panik des Lebens langsam hervorquellen. Betonung auf: langsam. Denn der Abgrund, in den die redseligen Figuren Rezas schauen, ist ein gesellschaftlicher, ein gemeinsam herbeigeredeter Abgrund inmitten des französischen Salons.

In Berlin hingegen, wo man die Dinge sehr gerne grundsätzlich und gründlich betrachtet, sind alle, noch bevor das erste Wort gefallen ist, im Ausnahmezustand, nicht weit von Götterdämmerung, Nervenzusammenbruch und Isolierstation.

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