Musiker John Cale"Als Teenager träumte ich mich aus Wales hinaus, nach New York"

Bevor John Cale Mitglied von The Velvet Underground wurde, musste er sich aus der Provinz in die Metropole kämpfen. Jetzt träumt er davon, einen Roman zu schreiben. von Jörg Böckem

An den schlimmsten Albtraum meines Lebens habe ich so gut wie keine eigene Erinnerung. Ich war ungefähr zwölf Jahre alt. Es war Nachmittag, ich war gerade aus der Schule nach Hause gekommen und erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen. Ich weiß nur noch, dass ich im Schlaf geschrien habe, voller Panik. Ich wachte auf, kam aber nicht richtig zu mir, fühlte mich betäubt und wusste nicht, was los war. Meine Mutter erzählte mir später, dass ich wie gelähmt wirkte, auf nichts reagierte. Sie war sehr besorgt und rief den Notarzt, aber auch der war ratlos. Erst im Krankenwagen kam ich wieder zu vollem Bewusstsein. Sie behielten mich eine Woche lang zur Beobachtung im Krankenhaus, danach waren alle Symptome verschwunden. Bis heute weiß ich nicht, was damals mit mir geschehen war – und welcher Traum mich in solche Angst versetzt hatte.

In meinem Leben spielen Träume in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Als Teenager habe ich mich oft aus Wales hinausgeträumt. Wales war eine Art Notstandsgebiet zu dieser Zeit, meine Eltern hatten ständig Sorge, dass es mir später nicht gelingen würde, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und ich hasste die strenge, repressive Religion und den Nationalismus dort. Ich träumte mich nach New York , wollte da Komponist werden und in die Künstlerszene eintauchen.

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Die immense Bedeutung von Bildung war mir früh bewusst. Mir war klar: Wenn ich meinen New-York-Traum verwirklichen wollte, musste ich zunächst nach London . Dort, an der Universität, fühlte ich mich wie ein Kind im Süßigkeitenladen, ich habe gelernt wie besessen, besuchte Seminare, verschlang Bücher. Später, als ich tatsächlich in New York angekommen war, habe ich dann erlebt, welche Begeisterung die Beatles auslösten. Damals wurde ich mit dem Traum vom Rock ’n’ Roll infiziert.

John Cale

70, Musiker, Komponist und Produzent, gehörte 1965 zu den Gründungsmitgliedern der bis heute einflussreichen Kunstrockband The Velvet Underground; drei Jahre darauf begann er eine erfolgreiche Solokarriere. Kürzlich erschien John Cales Album Shifty Adventures In Nookie Wood.

Für meine Arbeit als Musiker waren meine Nachtträume lange Zeit sehr hilfreich. Wenn ich an einem Song schrieb und nicht wusste, in welche Richtung er weitergehen sollte, fand ich die Lösung häufig nachts, ganz kurz vor dem Einschlafen. Wenn ich es schaffte, mir den letzten wachen Gedanken kurz vor dem Abgleiten in das Traumzwielicht zu merken, brachte diese Erinnerung am nächsten Morgen auch die Lösung für meinen Song ans Tageslicht.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Seit Jahren träume ich davon, einen Prosatext zu schreiben, am liebsten einen Roman. Es gibt große Unterschiede zwischen Songtexten und Romanen oder auch Kurzgeschichten. Bei einem Songtext muss ich zuspitzen und komprimieren, versuchen, ein Bild, einen Gedanken, eine Idee mit der geringstmöglichen Zahl an Silben zu vermitteln. Prosa bietet mehr Raum für eine vielschichtige, spielerische Entwicklung der Charaktere. Sie benötigt eine andere Form der Balance. Wenn ich einen Romanautor über das Schreiben reden höre, fühle ich mich immer erschreckend ungebildet. Ich träume davon, die Mechanismen, die zugrunde liegenden Strukturen des Romans zu durchdringen und zu beherrschen. In der Musik fällt mir das leicht, in der Literatur sehr schwer.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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    • Serie Ich habe einen Traum
    • Schlagworte Literatur | Bewusstsein | Bildung | Charakter | Eltern | John Cale
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