Damian Vidaurre zwängt sich vorsichtig in die Hecke. Im Gestrüpp stellt er einen Plastikteller mit Katzenfutter ab, sorgfältig wischt er mit einem Papiertuch die Schüssel daneben aus und füllt aus einem Kanister Wasser nach.

Vidaurre füttert Katzen. Das ist sein Job. Bezahlt wird er von einer Organisation, die sich um Streuner auf Palm Beach kümmert. Palm Beach, eine Insel, knapp ein Drittel so groß wie Sylt, liegt vor Floridas Ostküste. Man kann sie nur über Zugbrücken erreichen. Es ist Amerikas Enklave der Superreichen.

Hier überwintert der Ölmilliardär David Koch, der mit seinen Millionenspenden die Tea-Party-Bewegung unterstützt, eine erzkonservative Gruppierung am rechten Rand der Republikanischen Partei. Hier kaufte vor ein paar Jahren Private-Equity-Tycoon Stephen Schwarzman das Four Winds Estate, ein 1200 Quadratmeter großes Anwesen, für 20,5 Millionen Dollar, nur um es abzureißen. Protestierern des Denkmalschutzvereins beschied er, das Haus sei ihm zu klein gewesen.

Außerdem dabei: der Kosmetikmogul Leonard Lauder und der Diätguru Daniel Abraham. »Auf der Forbes-Liste der 400 Reichsten stehen 24 Palm-Beach-Milliardäre«, jubilierte die Palm Beach Daily News. Es ist kein Zufall, dass nur ein paar Kilometer weiter, in Boca Raton, Mitt Romney vor einem erlauchten Kreis von Gönnern jene unklugen Bemerkungen machte, die ihn vielleicht um das Präsidentenamt bringen könnten. 47 Prozent der Amerikaner hingen am Tropf des Staates und hielten sich für Opfer der Umstände, sagte der Kandidat, der aus reichem Hause stammt und ein Vermögen mit Geschäften an der Wall Street gemacht hat: »Sie glauben, dass der Staat für sie verantwortlich ist, dass sie einen Anspruch auf Gesundheitsversorgung, Essen, Obdach und was auch immer haben.«

Doch in Wahrheit war der Fehltritt des Republikaners nur ein Auslöser. Nicht die Rekordarbeitslosigkeit oder das mangelnde Wachstum ist gegenwärtig das wichtigste Thema im Wahlkampf, sondern die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, die zum Zündstoff geworden ist. Obama betreibe finstersten Klassenkampf und sei ein Feind der Unternehmer, behauptet Romney. Der Präsident wirft seinem Herausforderer dagegen vor, sein Wahlprogramm bestehe hauptsächlich aus Steuergeschenken an Superreiche. Und es sind nicht nur die Kandidaten, die sich den üblichen politischen Schlagabtausch liefern. Soziologen, Ökonomen und Psychologen streiten neuerdings über die Rolle der Reichen im Land, kommentieren das drohende Ende der Middle Class, füllen damit Talkshows, Zeitungen, Blogs und Twitter.

Die Wahl, so scheint es, ist zum Referendum über das amerikanische System geworden.

An Orten wie Palm Beach denken tatsächlich viele so wie Romney. Sie leben auch entsprechend. Amerikas Geldelite verschanzt sich hinter meterhohen Mauern und Gittern, sie reist im Privatjet, golft im Privatclub, sonnt sich an privaten Stränden. Die Kinder besuchen private Kindergärten und private Schulen, bis sie später eine der Eliteuniversitäten besuchen. Längst hat sich das oberste Prozent der Amerikaner von dem Amerika der 99 Prozent abgeschottet.

Vor Floridas Küste ist das große Geld schon lange zu Hause. Es war der Räuberbaron und Ölmagnat Henry Flagler, ein Partner Rockefellers, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Landstreifen voller Alligatoren und Mücken in einen exotischen Traum aus wiegenden Palmen und maurisch-mediterranen Palästen verwandelte.