USADer ganz große Unterschied

Reiche leben hinter Mauern, Arme füttern Katzen. Die USA stehen vor einer sozialen Zerreißprobe. Eine Ortsbesichtigung. von 

Obdachloser in New York

Obdachloser in New York  |  © Spencer Platt/Getty Images

Damian Vidaurre zwängt sich vorsichtig in die Hecke. Im Gestrüpp stellt er einen Plastikteller mit Katzenfutter ab, sorgfältig wischt er mit einem Papiertuch die Schüssel daneben aus und füllt aus einem Kanister Wasser nach.

Vidaurre füttert Katzen. Das ist sein Job. Bezahlt wird er von einer Organisation, die sich um Streuner auf Palm Beach kümmert. Palm Beach, eine Insel, knapp ein Drittel so groß wie Sylt, liegt vor Floridas Ostküste. Man kann sie nur über Zugbrücken erreichen. Es ist Amerikas Enklave der Superreichen.

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Hier überwintert der Ölmilliardär David Koch, der mit seinen Millionenspenden die Tea-Party-Bewegung unterstützt, eine erzkonservative Gruppierung am rechten Rand der Republikanischen Partei. Hier kaufte vor ein paar Jahren Private-Equity-Tycoon Stephen Schwarzman das Four Winds Estate, ein 1200 Quadratmeter großes Anwesen, für 20,5 Millionen Dollar, nur um es abzureißen. Protestierern des Denkmalschutzvereins beschied er, das Haus sei ihm zu klein gewesen.

Außerdem dabei: der Kosmetikmogul Leonard Lauder und der Diätguru Daniel Abraham. »Auf der Forbes-Liste der 400 Reichsten stehen 24 Palm-Beach-Milliardäre«, jubilierte die Palm Beach Daily News. Es ist kein Zufall, dass nur ein paar Kilometer weiter, in Boca Raton, Mitt Romney vor einem erlauchten Kreis von Gönnern jene unklugen Bemerkungen machte, die ihn vielleicht um das Präsidentenamt bringen könnten. 47 Prozent der Amerikaner hingen am Tropf des Staates und hielten sich für Opfer der Umstände, sagte der Kandidat, der aus reichem Hause stammt und ein Vermögen mit Geschäften an der Wall Street gemacht hat: »Sie glauben, dass der Staat für sie verantwortlich ist, dass sie einen Anspruch auf Gesundheitsversorgung, Essen, Obdach und was auch immer haben.«

Doch in Wahrheit war der Fehltritt des Republikaners nur ein Auslöser. Nicht die Rekordarbeitslosigkeit oder das mangelnde Wachstum ist gegenwärtig das wichtigste Thema im Wahlkampf, sondern die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, die zum Zündstoff geworden ist. Obama betreibe finstersten Klassenkampf und sei ein Feind der Unternehmer, behauptet Romney. Der Präsident wirft seinem Herausforderer dagegen vor, sein Wahlprogramm bestehe hauptsächlich aus Steuergeschenken an Superreiche. Und es sind nicht nur die Kandidaten, die sich den üblichen politischen Schlagabtausch liefern. Soziologen, Ökonomen und Psychologen streiten neuerdings über die Rolle der Reichen im Land, kommentieren das drohende Ende der Middle Class, füllen damit Talkshows, Zeitungen, Blogs und Twitter.

Die Wahl, so scheint es, ist zum Referendum über das amerikanische System geworden.

An Orten wie Palm Beach denken tatsächlich viele so wie Romney. Sie leben auch entsprechend. Amerikas Geldelite verschanzt sich hinter meterhohen Mauern und Gittern, sie reist im Privatjet, golft im Privatclub, sonnt sich an privaten Stränden. Die Kinder besuchen private Kindergärten und private Schulen, bis sie später eine der Eliteuniversitäten besuchen. Längst hat sich das oberste Prozent der Amerikaner von dem Amerika der 99 Prozent abgeschottet.

Vor Floridas Küste ist das große Geld schon lange zu Hause. Es war der Räuberbaron und Ölmagnat Henry Flagler, ein Partner Rockefellers, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Landstreifen voller Alligatoren und Mücken in einen exotischen Traum aus wiegenden Palmen und maurisch-mediterranen Palästen verwandelte.

Leserkommentare
  1. "Wenn wir so weitermachen, dann schaffen wir eine Klasse von Verarmten, die nichts zu verlieren hat, und die wird das Land übernehmen" ... eine Fehleinschätzung, denn jene existieren bereits zu Hauf. Da fehlt nur ein zündender Funke und die Geschichte lehrt, dass der früher oder später kommen wird vor allem wenn man nichts macht als zu hoffen, dass er nicht kommt.

    Man fragt sich schon, wie man ernsthaft soweit kommen kann, sich sicher zu fühlen hinter Mauern, die einen vor den eigenen Landsmännern schützen sollen. Wie man da denken kann, eine Mauer wäre bei so einer Furcht ein langfristiges Sicherheitskonzept? Sind die gated communitiys nicht mehr eine illusionäre Ausflucht und eine Art Enklave in Wahrheit inzwischen zutiefst verunsicherte und verängstigter Menschen? Sind so reiche Menschen wirklich so dermaßen naiv?

    Ich muss auch an Hannah Arendts Satz denken:"„Was als unerträglich empfunden wird, sind selten Unterdrückung und Ausbeutung als solche; viel aufreizender ist Reichtum ohne jegliche sichtbare Funktion, weil niemand verstehen kann, warum er eigentlich geduldet werden soll." ("Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft")
    Wenn das einzig sichtbare des Reichtums nur noch Mauern sind, nun: würde man das nicht als Zustand "nicht sichtbarer Funktion von Reichtum" verstehen, weil die Abschottung das einzig noch sichtbare ist, aber weder tolerabel noch wirklich "nicht aufreizend"?

    Macht Reichtum geschichtsvergessen?

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    "Eure Armut kotzt mich an !"

    "Da fehlt nur ein zündender Funke und die Geschichte lehrt, dass der früher oder später kommen wird vor allem wenn man nichts macht als zu hoffen, dass er nicht kommt."
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    Man tut doch bereits mehr. Es gibt Anti-Terror-Gesetze welche im Notfall gegen das eigene Volk eingesetzt werden können (hierzu braucht man Aufstände nur als "Terror" zu deklarieren), es gibt Überwachungsgesetze und staatliche Trojaner, die USA unterhalten seit Jahren Gefängnisse ohne Straßen- nur mit Gleisanschluss welche leer stehen, etc. etc... Die Reichen haben die Vorbereitungen getroffen.

  2. und bitte nicht vergessen trotz eines farbigen Präsidenten lebt die Bevölkerung immer ja immer noch farblich getrennt !!

    Hätte die USA unsere Sozialstandarts wäre sie ärmer als das aktuell ärmste Land der Welt.

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    1. dass Schwarze und Weisse "getrennt" leben in den USA ist sicher zu allgemein formuliert und so auch nicht richtig. Hat aber auch eigentlich nichts mit dem Thema zu tun.
    2. hoehere Sozialstandards bedeuten noch lange keine "Verarmung" des Staates. Wie kommen Sie darauf, dass die USA bei hoeheren Sozialstandards aermer waere als das "aermste Land der Welt"? Es geht doch vielmehr um die Ideologie die einer "gerechteren Verteilung" des Reichtums entgegensteht. Nach dem Motto wer nichts leistet bekommt nichts.

    • maniak
    • 12. Oktober 2012 2:04 Uhr

    was die öffentliche Armut bertifft, sind die USA schon lange Vorreiter, sie sind die größten Schuldner der Weltgeschichte.
    Das liegt aber nicht an der allgemeinen Armut:
    Es gibt überproportional viel Vermögen, verteilt auf ganz wenige, da bleibt das Geld und deshalb lahmt die Wirtschaft.

    Der einzige Lösungsansatz ist genau der, den ein Präsident F.D. Roosevelt schon in den 30er-Jahren als Antwort auf die große Depression vorgelegt hat:
    Sozialstandards, finanziert durch Vermögenssteuern.

    Wenn sie den Reichen Leuten durch Steuern einen Teil des Geldes nehmen, das diese sowieso nur bunkern und damit Arbeitslosengelder etc. bezahlen, dann konsumieren die Menschen, führen es also zurück in den Geldkreislauf.
    Das kurbelt die Wirtschaft an und das schafft Arbeitsplätze, Kundschaft für die Unternehmen führt schließlich dazu, dass die Vermögenden investieren. Arbeitnehmer konsumieren wiederum im Idealfall noch mehr und mit mehr Prestige als Arbeitslose. Prestigeprodukte werden wiederum nur von qualifizierten Arbeitnehmern geschaffen. Die müssen ausgebildet werden. Die öffentlichen Bildungsmöglichkeiten, die dafür geschaffen werden, helfen den einfachen Arbeitnehmern, auf der Karriereleiter aufzusteigen, ein Mittelstand festigt sich...

    Lange Rede kurzer Sinn:
    De facto muss der Staat dafür das notwendige Übel in Kauf nehmen, sich präventiv zu verschulden.
    Das Risiko sollte man allerdings bei den Entfaltungsmöglichkeiten solcher Initiativen durchaus in Kauf nehmen.

    • Gerry10
    • 11. Oktober 2012 19:58 Uhr

    ...geworden sein sollte, frage ich mich wie Romney über die 40% Stimmen kommt. Bei 63% Wahlbeteiligung (2008) sind das immerhin über 25% der US Bürger.
    So schlecht kann es dem Durchschnittsamerikanern also nicht gehen. Zählt man die Nichtwähler dazu denen das Status Quo anscheinend nichts ausmacht, scheint eine satte Mehrheit kein Problem mit dem System zu haben.
    Ich glaube nicht das über 50% der Amerikaner hinter Mauern Schutz suchen.
    Natürlich hat die USA soziale Probleme, aber die hat Europa ebenfalls und mMn keinefalls weniger - man versteckt sie nur besser.

  3. denn auch hier trennt sich langsam die Geschichte - die Reichen 10-20% der Gesellschaft schaltet und waltet, während der Rest schauen muss, wo er bleibt

    - immer schlechtere Aussichten auf Vollzeitstellen
    - damit einhergehend immer schlechtere Rahmenbedigungen am Arbeitsmarkt = höhere Unsicherheit im Job
    - immer niedrigere Reallöhne
    - gepaart mit weit höheren Kosten für Lebensunterhalt & Sozialabsicherung
    - immer schlechtere Renten
    - immer höhere Steuern und Abgaben für jedermann

    Ergebnis: eine um sich greifende Spaltung der Gesellschaft.
    Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

    Die Wähler müssen sich jedoch entscheiden, ob sie weiterhin auf diese Politiker setzen oder ob sie z.B. eher Die Grünen oder Die Linken wählen müssen, um etwas im Land zu ändern.

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    Systemveränderer????
    Das ist längst vorbei! Meine Stimme kriegen die nicht mehr!

    Die wahren AriAsozialen leben in ihren Gated Communities.
    Es wird doch mal wieder Zeit!
    http://edith-piaf.narod.ru/3/Le_Ca_ira.mp3
    Text
    http://images.zeit.de/wirtschaft/2012-10/reiche-usa-luxusauto/reiche-usa...

    es nicht gerne hören: sinkende Reallöhne treffen nicht nur die untere Hälfte der Gesellschaft, sondern auch gut qualifizierte und bis ins mittlere Management hinein. Der Lohndruck trifft alle abhängig Beschäftigten unterhalb des Top-Managements. Nur letztere und die wirklich Reichen (die von ihrem Vermögen leben können und dabei noch reicher werden) können ihren Status erhalten oder verbessern.

    Ein Beispiel aus den Nachrichten der letzen Tage, Lufthansa/German Wings: viele Lufthansa-Kapitäne (sechstelliges Jahresgehalt) werden sehr bald zu schlechteren Konditionen bei German Wings arbeiten müssen, wollen sie nicht auf der Straße stehen.

  4. 1. dass Schwarze und Weisse "getrennt" leben in den USA ist sicher zu allgemein formuliert und so auch nicht richtig. Hat aber auch eigentlich nichts mit dem Thema zu tun.
    2. hoehere Sozialstandards bedeuten noch lange keine "Verarmung" des Staates. Wie kommen Sie darauf, dass die USA bei hoeheren Sozialstandards aermer waere als das "aermste Land der Welt"? Es geht doch vielmehr um die Ideologie die einer "gerechteren Verteilung" des Reichtums entgegensteht. Nach dem Motto wer nichts leistet bekommt nichts.

    Antwort auf "welche Neuigkeit"
  5. Keine Mauer, kein Zaun, kein noch so unterbezahlter Wachmann wird diese "Creme" der amerikanischen Gesellschaft vor dem Zorn ihrer benachteiligten Bürger schützen können. Und das in einem Land, mit liberalsten Waffengesetzen der Welt.
    Das wird eine nette Blutdusche werden !
    "Hauptsache, ein paar Jahre anständig gelebt."

  6. Nein, so kann es nicht weitergehen. Ein nicht unerheblicher Teil der Reichen, hätte ein Leben hinter Gittern verdient. Aber diese Sicherheit wird ihnen nicht gegönnt. Nicht einmal Katzen dürfen sie füttern, so weit ist es schon gekommen.

    • Hokan
    • 11. Oktober 2012 20:44 Uhr

    Der Artikel könnte auch in Paris Match veröffentlicht werden. Dann allerdings mit einschlägigen Hochglanzfotos. Ist traumhaft sexy und löst dieses herrliche Prickeln aus, dass sich immer einstellt, wenn luxuriöser Glanz vor menschlichem Trash abgelichtet wird.

    Mal ganz abgesehen von der Ödnis, die dieser Lifestyle auch in diesen Zeilen erahnen lässt. Die dürfte wohl eher zum Untergang der Palm Beach society beitragen als revolutionäre Armut. Die US-Gesellschaft scheint noch jeden inneren Abgrund in staatstragende Legende verwandeln zu können.

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  • Schlagworte USA | Florida | Armut | Reichtum
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