Angenommen, Deutschland würde grün. Nicht bloß ein bisschen, mit E10-Benzin für Geländewagen und Solarstromzellen auf der Schweinemastanlage, sondern richtig grün. Wir essen vegan, wir wohnen in heizungslosen Häusern, wir fahren in allerlei Ökomobilen, und wenn wir überhaupt noch fliegen, dann mit Biokerosin. Der einzige Schaden, den wir dem Klima am Ende des Jahrhunderts noch zufügen, entsteht durch Lachgas aus dem Ökodünger der Biobauern.

Muss man darauf hinweisen, dass dies eine kühne Vision ist? Jahrzehntelang müsste Deutschland seinen ökologischen Umbau schneller vorantreiben, als es in der Vergangenheit je gelungen ist, über alle Regierungswechsel, Krisen und gesellschaftlichen Umbrüche hinweg.

Nehmen wir dennoch an, dass unser Vorhaben gelänge, und nehmen wir weiter an, die gesamte industrialisierte Welt einschließlich der USA würde dem deutschen Vorbild folgen. Und da wir unser Vorstellungsvermögen nun ohnehin strapazieren, nehmen wir zu guter Letzt an, China und die anderen Schwellen- und Entwicklungsländer würden ihr rasantes Wachstum nur noch bis Mitte der 2020er Jahre fortsetzen, um dann desto energischer den neuen grünen Lebensstil des Westens zu kopieren.

Bislang haben die Chinesen nichts dergleichen im Sinn, noch viel weniger die Entwicklungsländer, die ihnen nacheifern. Vergessen wir das für einen Moment, es soll hier nämlich nur um eine Frage gehen: Angenommen, bis zum Ende des Jahrhunderts wäre unsere ökologische Weltrevolution abgeschlossen – wie sehr würde sich die Erde dann aufheizen?

Antwort: um ungefähr vier Grad. Vier, nicht zwei.

Zwei Grad mehr, das ist das offizielle Ziel der Weltklimapolitik, ein zu einer Zahl verdichtetes Versprechen: Baut eure Wirtschaft um, wandelt euren Lebensstil, dann wird der Klimawandel sich in erträglichen Grenzen halten. Vier Grad, das galt bislang als Höchststrafe für Ignoranz und Misswirtschaft, als finale Katastrophe, wie sie in den bedrohlichsten Szenarien im letzten Bericht des Weltklimarats beschrieben wird. Inzwischen ist dieser Bericht fünf Jahre alt. Kann es wirklich sein, dass dieses schlimmste Schicksal inzwischen unabwendbar ist – selbst wenn die Welt mit großer Einigkeit und Entschlossenheit umsteuert?

Diese Behauptung ist so ungeheuerlich, dass Skepsis und Widerspruch die einzig angemessenen Reaktionen zu sein scheinen. Vier Grad, das heißt ja nicht bloß, dass die Klimapolitik der vergangenen zwanzig Jahre gescheitert ist. Es heißt auch, dass die Welt noch zu Lebzeiten unserer Kinder gefährlicher, unwirtlicher, lebensfeindlicher werden wird, als sie es in der gesamten Menschheitsgeschichte je war.

Natürlich können Wissenschaftler irren, auch Kevin Anderson und Alice Bows vom britischen Forschungsverbund Tyndall Center, deren Berechnungen unserer Ökorevolution zugrunde liegen. Doch in der Frage, wie viele Treibhausgase welche Temperaturerhöhung verursachen, gibt es seit Jahren kaum Meinungsverschiedenheiten. Was Anderson und Bows errechnet haben, ist unter Klimaforschern weitgehend unstrittig.

Eine Zwei-Grad-Welt konnte man sich wenigstens im Prinzip als eine heißere und trockenere Version der Welt vorstellen, in der wir jetzt leben. Eine Vier-Grad-Welt ist etwas völlig anderes. Die wichtigste Voraussetzung menschlicher Zivilisation – dass es nämlich eine natürliche Umgebung gibt, auf die man sich einstellen kann – ist in einer Vier-Grad-Welt nicht erfüllt. Jahreszeiten, Vegetationsmuster, Küstenlinien ändern sich, nicht nur einmal, sondern fortwährend, wahrscheinlich für Jahrhunderte. Der Meeresspiegel steigt schnell. Wälder, sowohl in den Tropen als auch in der nördlichen Hemisphäre, machen Steppen oder Wüsten Platz und setzen dabei gewaltige Mengen Kohlendioxid frei, das den Klimawandel weiter beschleunigt. Dazu kommen unberechenbare Veränderungen der Meeresströmungen in Atlantik und Pazifik mit unabsehbaren Folgen – nicht nur, aber auch für die Temperatur in Europa.

Nichts davon ist sicher. Aber nach dem besten Wissen das Jahres 2012 muss man sagen: Die Wahrscheinlichkeit solcher Veränderungen ist hoch.

 Ist die Ökorevolution radikal genug?

Für viele Bewohner einer Vier-Grad-Welt muss man sich das Leben wohl als Rückzugsgefecht vorstellen, als vorübergehende Verteidigung bewohnbarer Gebiete gegen wachsende Wüsten, unerträgliche Hitze oder steigendes Wasser. Es gibt apokalyptische Beschreibungen dieses Rückzugs, die man sich nicht zu eigen machen muss. Aber auch im günstigsten Fall dürfte er Millionen von Menschen das Leben kosten.

All das soll nun unabwendbar sein? Es gibt Forscher, die widersprechen. Allerdings wird ihr einziger Einwand nicht jeden trösten. Er besagt nämlich, dass wir bei der Vorstellung unserer vermeintlich radikalen Ökorevolution einen Fehler gemacht haben. Der Umbau muss noch viel schneller gehen, wir waren längst nicht radikal genug.

Ja, es gibt Pläne und Ideen, wie sich das Zwei-Grad-Ziel noch immer erreichen ließe. Aber sie sind vollkommen unrealistisch.

Angela Merkel, die man sich gewöhnlich nicht als Ökofundamentalistin vorstellt, hat das Zwei-Grad-Ziel kürzlich verteidigt. Es sei »mit Sicherheit nicht zu ambitioniert«. Ihr Umweltminister Peter Altmaier, der ebenfalls eher vermittelnden als radikalen Positionen zuneigt, hält es für »ein sehr ehrgeiziges Ziel, das nur erreicht werden kann, wenn alles gemäß Drehbuch verläuft«. Die Frage ist, ob die beiden das Drehbuch überhaupt kennen.

Im Jahr 2010, kurz nach dem Scheitern des Klimagipfels von Kopenhagen, machte sich der niederländische Mathematiker Michel den Elzen daran, herauszufinden, worüber die mächtigsten Politiker der Welt damals eigentlich verhandelt hatten. Den Elzen ist ein führender Experte auf seinem Gebiet, er hat die wichtigsten Empfehlungen des UN-Weltklimarats mit formuliert, des IPCC. Michel den Elzen würde es selbst so nie sagen; tatsächlich aber kann man aus seiner Analyse herauslesen, wie die Klimapolitik den Kontakt zur Wirklichkeit verlor.

Für seine Berechnung ging der Mathematiker von einem extrem strengen Klimaschutzregime in den entwickelten Ländern aus. Zur Mitte des Jahrhunderts sollte ihr Ausstoß an Treibhausgasen nur noch zehn Prozent des Werts von 1990 betragen. Dazu müssten sie ihre Wirtschaft etwa doppelt so schnell umbauen, wie Anderson und Bows es in ihrer Vier-Grad-Berechnung annehmen. Eine derartige Zusage hätte am oberen Rand dessen gelegen, was die in Ökofragen fortschrittliche EU in Kopenhagen vorzuschlagen wagte; für die USA oder Australien sind solche Ideen indiskutabel. Den Elzen aber stellte sich eine andere Frage: Was hätte ein solches Entgegenkommen der Industrieländer für die großen Schwellenländer bedeutet, die den Rest der für das Zwei-Grad-Ziel erforderlichen Einsparungen hätten leisten müssen?

Ergebnis: Chinas Emissionen hätten gerade noch zehn Jahre lang wachsen dürfen, um dann schnell zu sinken – eine abwegige Vorstellung. Und das bettelarme und rückständige Indien, dessen Wirtschaft kaum langsamer wächst als die chinesische, müsste seine Entwicklung ab sofort fast ausschließlich auf die teuersten Techniken stützen: Atomkraft und Strom aus erneuerbaren Quellen.

Den Elzens Aufsatz wurde zwei Jahre nach dem gescheiterten Klimagipfel veröffentlicht. Liest man ihn unbefangen, lässt sich der Schluss kaum vermeiden, dass das Zwei-Grad-Ziel schon in Kopenhagen unerreichbar war. Selbst wenn die Industrieländer viel mehr angeboten hätten, als sie zu bieten bereit waren, wären sie weit entfernt davon gewesen, den Schwellenländern einen annehmbaren Vorschlag zu machen.

Frage an Michel den Elzen: War damals in Kopenhagen wenigstens den Experten der Klimadelegationen bewusst, worauf die Vorschläge hinausliefen, über die sie verhandelten? Antwort: Kein Kommentar.

Um das Schicksal der alten Pläne und Berechnungen für ein globales Zwei-Grad-Ziel zu verstehen, muss man sich die Motorhaube eines Autos vorstellen, das mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Wand fährt. In den ersten Sekundenbruchteilen des Aufpralls wölbt sich das Blech, einen Moment später wirft es Falten, nach ungefähr einer Sekunde hat es mit der ursprünglichen Motorhaube keine Ähnlichkeit mehr. Ungefähr so erging es all den schönen grünen Ideen beim Zusammenprall mit Politik und Weltwirtschaft.

Gebrauchsanweisung für den CO2-Ausstoß

Noch um das Jahr 2000 herum war Klimaschutz ein Synonym für eine sanfte Modernisierung. Um die Temperatur im Treibhaus in verträglichen Grenzen zu halten, rechnete Michel den Elzen damals aus, genüge es, dass die Welt in den kommenden hundert Jahren ihren Ausstoß an Treibhausgasen allmählich verringere.

Als die USA sich weigerten, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren, mussten die Berechnungen zum ersten Mal angepasst werden. Die Emissionen würden weiter steigen, das war nun klar. Man stellte sich vor, dass sie bald ein globales Maximum erreichen würden, ein »Peak«, um hernach zügig zu fallen.

Der nächste Schlag kam aus Asien, es war ein Doppelschlag. Zum einen begann in den Ländern der Milliardenvölker Chinas und Indiens ein beispiellos rasantes Wirtschaftswachstum. Zum anderen endete die Zeit einer historischen Ausnahme: Lange hatte Chinas Wirtschaft ihren Energiebedarf relativ zum Bruttosozialprodukt verringert. Nun kehrte sich dieser Trend um. Im Jahr 2008 übertrafen Chinas Emissionen zum ersten Mal die der USA; 2011, nur drei Jahre später, betrugen sie das Eineinhalbfache. Als der IPCC seinen letzten Bericht verfasste, hatte niemand eine solche Entwicklung für möglich gehalten; alle Kalkulationen waren plötzlich überholt.

Oft stellt man sich Klimaforschung und Klimapolitik in einer Art Symbiose vor; tatsächlich ist die Schnittstelle zwischen beiden Bereichen klein. Die wichtigsten Empfehlungen des IPCC an die Adresse der Politik nehmen in seinem umfangreichen vierten Bericht weniger als eine Seite ein. »Kasten 13.7« ist eine Art Gebrauchsanweisung; getrennt für Industrie- und für Entwicklungsländer, formuliert er Emissionsziele. Diese Empfehlungen stehen im Mittelpunkt aller UN-Verhandlungen. Auch Deutschlands Vorhaben, bis 2020 die eigenen Emissionen, gemessen an 1990, um 40 Prozent zu verringern, stammt aus »Kasten 13.7«.

Nur zwei Autoren haben »Kasten 13.7« geschrieben, nach Auswertung von lediglich 16 Untersuchungen, deren älteste zu einem Zeitpunkt erschienen war, als die USA noch zu den Kyoto-Ländern zählten. Keine berücksichtigte das rasante Wachstum in Asien.

Einer der beiden Autoren ist Michel den Elzen, der andere der deutsche Klimawissenschaftler Niklas Höhne. Im Jahr 2009, vor den entscheidenden Verhandlungen in Kopenhagen, hätten die beiden ihre Empfehlungen aktualisieren können. Das wäre riskant gewesen: Schärfere Forderungen hätten eine Einigung der unwilligen Konfliktparteien wohl zusätzlich erschwert. Den Elzen und Höhne blieben bei ihren ursprünglichen Formulierungen und versteckten ihre Zweifel in einem Fachaufsatz. Es sei, schrieben sie dort, »fast unmöglich, bis 2020 weltweit relativ niedrige globale Emissionen zu erreichen, wie es einige Untersuchungen noch vor fünf Jahren für möglich hielten«.

Was ist die Steigerung von »fast unmöglich«? Seit den Klimaverhandlungen in Durban Ende vergangenen Jahres ist klar, dass ein Weltklimavertrag, sollte es ihn je geben, nicht vor 2015 beschlossen wird und frühestens 2020 in Kraft tritt. Von den USA ist in den kommenden Jahren wenig zu erwarten. Chinas Emissionen wuchsen zuletzt binnen eines einzigen Jahres um sagenhafte neun Prozent. Die EU hat die Idee, ihren Treibhausgasausstoß bis 2020 um 30 Prozent zu reduzieren, praktisch aufgegeben. Wenn ein schneller Erfolg im Klimaschutz schon vor Kopenhagen fast unmöglich war, wie wahrscheinlich ist er dann heute?

Was geschehen müsste, um das Zwei-Grad-Ziel doch noch zu erreichen, ist Gegenstand einer Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Die UNEP, die Umweltabteilung der UN, hat letztes Jahr etliche dieser Untersuchungen zusammengefasst. Als erster Schritt muss danach der jährliche Ausstoß an Klimagas bis 2020 weltweit auf maximal 44 Gigatonnen sinken. Der letzte verfügbare Wert stammt von 2009 und betrug knapp 50 Gigatonnen, Tendenz: schnell steigend.

Man muss sich die Größenverhältnisse vor Augen führen, um zu sehen, wie aussichtslos es ist, diesen Trend umzukehren. Was die Industrieländer mit vereinten Kräften in den vergangenen zwanzig Jahren an Emissionen eingespart haben, entspricht inzwischen dem, was in den Schwellen- und Entwicklungsländern binnen eines einzigen Jahres hinzukommt. Und ausgerechnet in einer Zeitspanne, da Fortschritte in der Klimapolitik denkbar unwahrscheinlich sind, soll die Welt die Wende schaffen?

Sollte das wider Erwarten noch gelingen, müssten die Emissionen weltweit weiter drastisch sinken: um 2,5 bis 3 Prozent im Jahr. Die Analysen der Wissenschaftler zeigen solche Reduktionsraten als bunte Kurven, die sich zur Mitte des Jahrhunderts hin der Nulllinie nähern. Die Frage, was minus 2,5 Prozent wirklich bedeuten, scheint kaum jemanden zu beschäftigen.

 Im Klimaschutz gehört Deutschland zur Weltspitze

Man kann es sich am Beispiel Deutschlands aber leicht klarmachen. Im Klimaschutz gehört Deutschland zur Weltspitze, letztes Jahr hat der IPCC das Land mit dem Country Leadership Award ausgezeichnet. Zwar sind die Emissionen pro Kopf im europäischen Vergleich hoch, aber sie sinken schneller als fast überall sonst. Und wie schnell sinken sie? Um ungefähr 1,3 Prozent im Jahr.

Geht es nicht schneller? Im Giftschrank des Umweltbundesamts verbirgt sich eine Liste mit Vorschlägen von, gelinde gesagt, zweifelhafter Mehrheitsfähigkeit. Ein Tempolimit auf Autobahnen ist darunter; sogar der Chef des Amts, Jochen Flasbarth, distanziert sich davon. Wie schnell würden die Emissionen sinken, wenn die kühnsten Träume der Ökos dennoch in Erfüllung gingen? Um ungefähr 2,3 Prozent im Jahr.

Man muss diese Zahlen kennen, um zu verstehen, warum sich die Lage der Klimapolitik in so kurzer Zeit so dramatisch verschärft hat: Allein das Scheitern der Verhandlungen in Kopenhagen hat den Kampf gegen die globale Erwärmung um mindestens fünf Jahre zurückgeworfen. Und fünf Jahre Verzögerung, haben die Briten Anderson und Bows errechnet, zwingen die Welt, jedes Jahr aufs Neue ungefähr zwei Prozent Emissionen zusätzlich einzusparen.

Im Vergleich mit dem Rest der Welt ist Country Leader Deutschland die Ausnahme: ein kleines, reiches, hoch entwickeltes Land mit schrumpfender Bevölkerung, geringem Wirtschaftswachstum, einer starken grünen Partei und einer kohlelastigen Stromproduktion, deren CO₂-Ausstoß sich leicht verbessern lässt. Für Länder wie China gilt anderes. Wo Arme massenhaft in die Mittelschicht aufsteigen, da kann selbst eine konsequente Umweltpolitik das Wachstum der Emissionen allenfalls verlangsamen: Plus vier Prozent jährlich, sagen Experten, wäre in China schon ein Erfolg. Längst haben sich 1,2 Milliarden Inder darangemacht, dem Vorbild von 1,3 Milliarden Chinesen zu folgen, noch auf bescheidenem Niveau, aber schon mit ähnlichen Wachstumsraten.

Und in dieser Welt der wachsenden Industrieriesen in Asien und der schrumpfenden europäischen Ökozwerge sollen die Emissionen insgesamt schon in wenigen Jahren doppelt so schnell sinken, wie sie es bislang nur in besonders fortschrittlichen EU-Staaten tun? Nicht für ein paar Wochen oder Monate, sondern mindestens drei Jahrzehnte lang, Jahr für Jahr? Die Frage ist nicht, ob das geschehen wird – die Frage ist, wie man das je für möglich halten konnte.

Die Welt will Zwei-Grad-Prognosen? Kann sie haben!

2009, vor der Klimakonferenz in Kopenhagen, warnten die wichtigsten Berater der Bundesregierung in einem gemeinsamen Papier vor den Folgen eines Scheiterns. Ohne schnelle Erfolge werde das Zwei-Grad-Ziel unrealistisch, weil dann »nur noch über realitätsferne globale Minderungsraten zu verhandeln« sei. Frage an den Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf, der das Papier mit verfasst hat: Ist dieser Fall nicht längst eingetreten? Mit seiner Antwort möchte Rahmstorf nicht zitiert werden.

Rahmstorfs Kollegin Brigitte Knopf hat sich ihrer Homepage zufolge auf »Entwicklungspfade mit niedrigen CO₂-Konzentrationen zur Entschärfung des Klimawandels« spezialisiert. Frage an sie: Sollte die Wissenschaft nicht einräumen, dass ihre Zwei-Grad-Rechnungen auf komplett abwegigen Annahmen beruhen? Sie wolle sich nicht aus dem Fenster lehnen, sagt die Forscherin und verweist auf einen Fachaufsatz, in dem sie selbst ihre Bedenken formuliert hat.

Wenn sich IPCC-Autoren über die nächste Generation ihrer Klimaschutzszenarien verständigen, begnügen sie sich in der Frage, wie realistisch diese seien, mit einem knappen Hinweis: Das Tempo der erforderlichen Einsparungen bei den Treibhausgasen gehe »weit über historisch erreichte Raten hinaus«. Und zur Frage, wie sich Gesellschaft und Politik über Jahrzehnte hinweg auf eine solche unvorstellbare Anstrengung festlegen könnten, äußern sich die Wissenschaftler einsilbig: Da müsse man wohl noch weiter forschen.

Das ist der wichtigste Grund für den ungebrochenen Glauben an das Zwei-Grad-Ziel: dass die Wissenschaftler, auf deren Analysen sich die Klimapolitik beruft, der Frage nach dem Realitätsgehalt ihrer Zahlen und Kurven ausweichen. Allenfalls in vereinzelt eingestreuten Bemerkungen, in Fußnoten und in Aufsätzen für Fachkollegen weisen sie darauf hin, wie kühn die Angaben sind, die ihren Berechnungen zugrunde liegen. Gelegentlich dringt ein leises Murren aus der Gemeinde der Experten. »Wir zwingen unsere Modelle zu widernatürlichen Handlungen«, klagt einer im Fachblog Klimazwiebel. Die meisten Forscher leisten Dienst nach Vorschrift. Die Welt will Zwei-Grad-Berechnungen? Kann sie haben – soll sie doch sehen, was sie damit anfängt!

»Hinter der Fassade wissenschaftlicher Distanziertheit legen die Klimawissenschaftler eine Stimmung kaum unterdrückter Panik an den Tag«, schreibt der australische Philosoph Clive Hamilton in seinem tief pessimistischen Klimabuch Requiem für eine Spezies. »Niemand ist bereit, öffentlich zu sagen, was die Klimawissenschaft uns mitzuteilen hat: Dass es zu spät ist, eine globale Erwärmung zu verhindern, die noch in diesem Jahrhundert die Welt radikal verändern wird.«

Umweltorganisationen verteidigen eine Illusion

Kann das sein: dass ausgerechnet die angeblich alarmistische und politisch infiltrierte Klimaforschung ihre beunruhigendsten Erkenntnisse für sich behält? Hamiltons Buch gilt als seriös; unter denen, die es loben, ist IPCC-Chef Rajendra Pachauri. Wer mag, kann darin die versteckte Botschaft eines Wissenschaftlers sehen, der in seinen öffentlichen Äußerungen nicht immer ganz frei ist. Schließlich verhandeln die Vereinten Nationen, Pachauris Auftraggeber, unverdrossen über mögliche Zwei-Grad-Verträge. Wenn dieses Ziel längst unerreichbar ist, müsste man folgern, dass die gesamte Klimapolitik der Welt auf einer Illusion beruht. Und man kann sich fragen, ob der zu politischer Zurückhaltung verpflichtete IPCC-Chef sich ein solches Urteil erlauben dürfte.

Ein Motiv in der Debatte um das Zwei-Grad-Ziel ist politische Korrektheit. Das Climate Action Network, der einflussreiche Dachverband von mehr als 700 Hilfs- und Umweltorganisationen aus aller Welt, hat sich gemeinsam mit der Mehrheit der armen Länder längst darauf festgelegt, eine Revision des Zwei-Grad-Ziels zu fordern – zugunsten eines 1,5-Grad-Ziels. Konsequent fallen die NGOs über alle her, die Zweifel an der Realisierbarkeit des Zwei-Grad-Ziels auch nur andeuten. So sind es ausgerechnet Wissenschaft und Umweltbewegung, die wirkungsvoller als alle Ökoreaktionäre den Klimawandel verharmlosen. Während eine Erwärmung um mehr als vier Grad kaum noch zu verhindern ist, verteidigen sie verbissen die Illusion, die Welt könne immer noch in Ruhe entscheiden, ob sie den Thermostat im Treibhaus auf plus 2 oder doch lieber nur auf plus 1,5 stellen möchte.

Vielleicht geht es auch noch um etwas anderes. Vier Grad oder mehr, das ist ein verheerendes Urteil für Inselstaaten und die Bewohner vieler heißer und trockener Regionen. Wer wollte ein solches Verdikt aussprechen, ohne zumindest einen Anflug von Scheu, wie sie einen im Zimmer eines Kranken befällt, der sich verzweifelt an die Hoffnung auf irgendeine Wunderheilung klammert?

Wie lange lässt sich die Stunde der Wahrheit noch hinauszögern? Oliver Geden, Klimaexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, hat im Sommer eine hellsichtige Studie über Die Modifikation des 2-Grad-Ziels vorgelegt. Machbar ist da vieles. Man könnte sich etwa mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit begnügen, die Temperaturerhöhung unter zwei Grad zu halten – Unschärfen gibt es da ohnehin. Ebenfalls denkbar wäre es, das Ziel umzudeuten: als langfristige Perspektive, zu der die Erde nach einer Phase der Überhitzung immer noch zurückkehren könne.

Spielraum für heimliche Manipulationen am Klimaziel bietet auch die Möglichkeit der »negativen Emissionen«. Schon jetzt gehen die meisten Zwei-Grad-Rechnungen davon aus, dass der Atmosphäre in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gewaltige Mengen Kohlenstoff entzogen und diese dann zurück in den Boden verfrachtet werden. BECCS heißt die Zauberformel: Bioenergy Carbon Capture and Storage – man pflanzt in großem Stil Bäume oder irgendwelche Energiepflanzen an, die durch Photosynthese CO₂ binden; diese Biomasse wird zwecks Stromproduktion verbrannt und das dabei entstehende Kohlendioxid in unterirdische Lagerstätten gepumpt.

Für den Forscher des Jahres 2012 ist BECCS bloß ein Minuszeichen in der Eingabematrix eines Computerprogramms. Für seine Nachfahren in fünfzig Jahren sieht das anders aus. Sie werden in einer Welt mit mindestens neun Milliarden Bewohnern leben, fruchtbares Land wird knapp sein. Schwer vorstellbar, dass sie ein Drittel allen Ackerlands für BECCS nutzen werden, wie es heutige Berechnungen vorsehen. Mindestens eine halbe CO₂-Jahresproduktion unserer Tage soll im Erdboden verschwinden – pro Jahr. Wer allen Ernstes solche Annahmen trifft, der kann sie auch beliebig weitersteigern.

Die Frage ist, wem das nützt. Für Niklas Höhne, den zweiten Autor der IPCC-Empfehlungen in »Kasten 13.7«, hat das Zwei-Grad-Ziel bloß noch taktische Bedeutung. »Die Strategie ist, möglichst viel zu fordern, um gegenüber einem Gegner, der möglichst wenig erreichen will, zu einem annehmbaren Ergebnis zu kommen.« Aber das ist eine Taktik für Tarifverhandlungen, wenn beide Seiten zu einer Einigung gezwungen sind. Die Vereinten Nationen dagegen haben wieder und wieder bewiesen, dass sie sich im Streit um das Klima jederzeit darauf verständigen können, sich nicht zu einigen. Wie soll ein Ziel, an das niemand glaubt, eine Übereinkunft erleichtern?

Mit den Emissionen hat sich auch die Macht in den Klimaverhandlungen verschoben: von den alten Industrienationen, die das Problem ursprünglich verursacht haben, hin zu den Schwellenländern. Deren Vertreter lassen immer wieder durchblicken, dass sie das Zwei-Grad-Ziel bestenfalls für eine eurozentrische Schnapsidee halten, wenn nicht für einen getarnten Versuch, die Entwicklung ihrer Wirtschaft abzuwürgen. Es mag sein, dass sie den Europäern zuliebe das Zwei-Grad-Theater noch eine Weile mitspielen. Beeindrucken lassen sie sich davon längst nicht mehr.

Der Streit um den Klimaschutz ist ein gesellschaftlicher Konflikt, es geht um Kraftwerke, Verkehrsmittel, Siedlungsstrukturen, es geht um Wachstum und Verzicht, überall stehen Ökoreformer gegen Vertreter des Weiter-so-ähnlich. Auf den Ausgang dieses Streits in China oder Indien haben europäische Umweltschützer wenig Einfluss. Aber es schadet der Sache der Klimaschützer, wenn sie aus Gründen politischer Korrektheit an einem Ziel festhalten, das sie schon darum nicht glaubhaft vertreten können, weil sie selbst längst nicht mehr daran glauben.

Aber vielleicht dient das Zwei-Grad-Ziel in Wirklichkeit einem ganz anderen Zweck. Es ist fraglich, ob die Menschheit fähig ist, gemeinsam auf die Bedrohung durch den Klimawandel zu reagieren. Wenn es nicht so ist, wenn wir dazu verurteilt sind – und kommende Generationen dazu verurteilen –, die Aufheizung unseres Planeten hinzunehmen, dann heißt das noch nicht, dass wir dieser Tatsache auch ins Auge sehen müssten. Schon immer haben Menschen Geschichten erfunden, um die Wirklichkeit erträglicher und ihre eigenen Handlungsweisen edler erscheinen zu lassen, als sie es sind. Das Zwei-Grad-Ziel ist eine solche Geschichte.