WattenmeerFriesisch Gomorrha

Eine Wattwanderung führt zu den Relikten des versunkenen Ortes Rungholt. von Julia Reichardt

Wir stehen im Watt mit Baumwollsocken an den Füßen, damit Muscheln uns nicht die Haut zerschneiden. Der Schlick reicht bis zu den Knien und schmatzt, als wolle er uns verschlingen. Fast zehn Kilometer sind wir vom sicheren Festland entfernt, die Wattführerin Cornelia Mertens spricht ein Gebet: »Gott! Errette mich aus dem Schlamm, dass mich die Wasserflut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge. Erhöre mich Herr, denn mir ist angst.«

So ähnlich könnten vor 650 Jahren auch die Einwohner Rungholts gebetet haben, bevor eine Flut die nordfriesische Siedlung auslöschte. Ein wohlhabender Hafenort war Rungholt, vielleicht 1500 Seelen groß, mit Handelsbeziehungen nach Hamburg, Bremen und Flandern. Viel mehr weiß man heute nicht. Doch das Meer spuckt immer wieder Beweisstücke für die Existenz der versunkenen Ortschaft nach oben. Puzzleteile der Geschichte, die man bei Ebbe auflesen kann – und genau das haben wir vor: Dies ist keine Wattwanderung zu Würmern, Muscheln oder Möwen. Wir wollen sehen, was die Wellen diesmal aus dem Schlick gespült haben, sind Archäologen auf ganz kurze Zeit: Was wir nicht bis zur nächsten Flut entdecken, findet vielleicht keiner mehr.

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Cornelia Mertens zieht mühevoll ein Bein nach dem anderen aus dem Schlick. In der rechten Hand hält sie einen Zettel mit Koordinaten, in der linken das GPS-Gerät, mit dessen Hilfe sie uns hierhergelotst hat. Mertens ist nicht nur Wattführerin, sondern auch Mitglied der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein; sie kennt die Sagen und Fakten zu Rungholts Untergang. Der Legende nach war die Siedlung so etwas wie das friesische Sodom. Ein Sündenpfuhl von Ungläubigen, deren Freveltaten im Jahre 1362 in einem bösen Streich gipfelten: Nach einem Saufgelage riefen ein paar Bauern den Priester herbei und baten ihn, einem angeblich Schwerkranken das Abendmahl am Bett zu spenden. Statt eines siechen Mannes fand der herbeieilende Geistliche ein betrunkenes Schwein in den Kissen – und damit nicht genug: Die Bauern stahlen ihm auch noch den Kelch mit den Hostien und füllten ihn mit Bier. Der Priester flüchtete in die Kirche und bat Gott um Vergeltung.

Was dann geschah, ist historisch verbrieft: Eine gewaltige Sturmflut brach über die Region herein und riss geschätzte zehntausend Menschen in den Tod. Die »Grote Mandränke«, wie Chroniken die Katastrophe nennen, formte die nordfriesische Küste neu. Die Stadt Husum, zuvor im Landesinneren gelegen, befand sich nun direkt an der See. Halbinseln waren vom Festland abgetrennt worden; Eilande zerstückelt. Die Insel Strand hatte eine neue, sehr große Bucht: Das Meer hatte sich Rungholt einverleibt.

An dieser Stelle stehen wir jetzt; und auf den ersten Blick sieht der Boden nicht ungewöhnlich aus. Bevor die Gruppe ausschwärmt, gibt Cornelia Mertens noch ein paar Anweisungen: »Bitte nur aufheben, was an der Oberfläche liegt, nicht graben! Wir befinden uns hier im Nationalpark Wattenmeer, der gehört zum Welterbe der Unesco.« Dann ziehen wir los: Fast wie auf Gleitschuhen rutsche ich über glitschige Wattwiesen, stapfe durch Priele und halte angestrengt Ausschau nach ein paar Rungholt-Scherben im Schlick. Als Mertens uns zurückruft, haben mir die Muscheln trotz der Socken eine gründliche Fußreflexzonen-Massage verpasst. Und ich habe Algen, Krebse und unzählige Wattwurmröhren eingehend studiert. Doch von Rungholt keine Spur.

Eine Frau aus dem Saarland hält dagegen stolz eine versteinerte Knochenhälfte in die Höhe, »von einem Huhn«, vermutet sie, »für einen Menschen ist sie zu klein«. Neidisch begutachte ich den Fund. Cornelia Mertens präsentiert ein paar graue Scherben auf ihrer Handfläche, ein Geografieprofessor hat den Boden eines Kruges entdeckt. Langsam werde ich misstrauisch. So viele Dinge in so kurzer Zeit? Hat Mertens die Fundstücke zuvor eigenhändig im Watt verstreut? Wäre ich nur in ihrer Nähe geblieben, dann stünde ich jetzt nicht mit leeren Händen da.

Mertens trägt den Fundort des Kruges in die GPS-Karte ein. »Wir fotografieren alles und schicken die Bilder ans Archäologische Landesamt«, erklärt sie. »Wenn dort Interesse an einem Gegenstand besteht, senden wir ihn zur Untersuchung ein.« Etwa seit den 1920er und 1930er Jahren werde zu Rungholt geforscht, erzählt sie. Damals stieß ein Hobbyarchäologe auf Reste mittelalterlicher Warften, Zisternen und Brunnen. Die Ruinen sind inzwischen längst wieder im Schlick verschwunden. Später entdeckte der Wart der Hallig Südfall einen Mühlenstein und einen Schädel; auch Eisenschwerter und eine Feinwaage wurden gefunden. Doch erst in den 1970er Jahren stieß ein Historiker auf das entscheidende Dokument – ein Testament, in dem die Kirchengemeinde Rungholt erwähnt wurde. Der Beweis, dass der sagenumwobene Ort tatsächlich existiert hatte.

Gerne würde ich mir selbst einen Namen als Rungholt-Forscherin machen und erneut auf die Suche gehen. Doch dafür ist keine Zeit mehr, in zwei Stunden kommt die Flut. Mertens führt uns noch zu einem muschelüberwachsenen Eisenpfahl, mit dem Forscher in den 1950er Jahren den Standort eines mittelalterlichen Brunnens markierten. Inzwischen hat die See so viel Schlick angespült, dass nur noch die Spitze des Pflocks zu sehen ist. Etwa einen Meter unter uns soll der Brunnen liegen. Viel ist das nicht. Ob ich doch mal kurz graben sollte? Doch Cornelia Mertens hat die Gruppe fest im Blick, mir bleibt nur die Fantasie: Ich versuche, mir den Ort unter der Wattdecke vorzustellen, seine Brunnen, seine Häuser, seinen Hafen. Bei Windstille soll man Rungholts Kirchenglocken unter der Wasseroberfläche hören können, so die Legende. Ich lege mein Ohr auf den Boden und horche, doch es lachen nur die Möwen.

Als Cornelia Mertens uns erneut zur Eile antreibt, ist mir das recht. Inzwischen waten wir schon mehr als drei Stunden durchs Watt, meine Hände sind klamm. Auf dem Rückweg zeigt sie uns noch einen schwarzen Streifen auf dem Meeresgrund, einen halben Meter breit, rund 100 Meter lang: »Sie stehen auf Rungholts Äckern, hier befand sich ein Torfgraben.« Wahrscheinlich legten die Bauern des Ortes Rinnen zwischen ihren Feldern an und füllten diese mit Torf – der sog die Flüssigkeit der Marschlande auf. Das Entwässerungssystem hatte allerdings seine Tücken, denn um Torf abzubauen, mussten die Rungholter auch die darüberliegenden Marschböden abtragen: Einer der Gründe, warum die Siedlung stetig tiefer sank, bis die »Grote Mandränke« schließlich ein leichtes Spiel mit ihr hatte.

Die Tonnen auf dem Meer ringsum neigen sich, die Flut setzt ein. Jetzt müssen wir uns wirklich sputen, wenn es uns nicht ähnlich ergehen soll wie den Rungholtern. Zum Glück taucht in der Ferne schon der grüne Deich des Festlands auf, »Land in Sicht!«, ruft Mertens.

Der hartnäckige Schlick an den Waden ist alles, was ich von Rungholt ans Ufer trage, die See war heute nicht in Geberlaune. Ein letztes Mal noch drehe ich mich um und blicke ich aufs Meer zurück: Dort draußen sind die Wellen längst wieder am Werk; mischen den Boden wie ein Kartenspiel für eine neue Runde. Rungholt ist mal wieder unter Wasser.

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Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik konstruktiv. Danke. Die Redaktion/kvk

  2. 2. Danke

    Danke für den kurzweiligen Artikel

    • pekka
    • 17. Oktober 2012 19:30 Uhr

    Der erste Satz ist super!

    Wie haben wir das bloß immer ohne Socken geschafft?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist Proforma, damit die Wattführer abgesichert sind gegen eventuell aufgebrachte Personen, die dann sagen sie hätten nichts von scharfkantigen Muscheln im Meer gewusst und folglich den Wattführer verklagen.

    Ja solche Menschen gibt es leider, genau wie die die sich am Kaffee verbrühen weil ihnen niemand gesagt hat, dass er üblicherweise heiss ist wenn man ihn ersteht.

    • xtraa
    • 17. Oktober 2012 20:52 Uhr

    Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken.
    Und Hunderttausende sind ertrunken.
    Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
    schwamm anderen Tags der stumme Fisch.

    Heut bin ich über Rungholt gefahren,
    Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.

    2 Leserempfehlungen
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    Trutz, Blanke Hans, von Detlev von Liliencron, das ganze Gedicht findet man zum Beispiel hier: http://de.wikisource.org/... - in Alpennähe kennt man das vielleicht doch nicht
    Jaja, der Klimawandel... schlägt mindestens einmal pro Jahrhundert zu, die Friesen wissen es aus leidiger Erfahrung...

  3. Trutz, Blanke Hans, von Detlev von Liliencron, das ganze Gedicht findet man zum Beispiel hier: http://de.wikisource.org/... - in Alpennähe kennt man das vielleicht doch nicht
    Jaja, der Klimawandel... schlägt mindestens einmal pro Jahrhundert zu, die Friesen wissen es aus leidiger Erfahrung...

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "harr :)"
  4. Das Gedicht sollte man ernst nehmen, trotz aller literarischer Übertreibung...
    Die Menschen an der Nordseeküste wissen, was Klimawandel bedeutet. Er hat dort schon lange viele Opfer gefordert, mindestens seit der letzten Eiszeit ("Doggerland" war ein frühes Opfer, lange vor Rungholt).
    Die Küstenbewohner wissen auch, dass es auch ohne menschlichen Einfluss schon schlimm genug war, und dass es eine unglaublich dumme Idee ist, die Sache noch schlimmer zu machen.
    Was sie vor allem wissen, ist, dass es am gefährlichsten ist, wenn man sich zu sicher fühlt! - So gesehen sind CO2-Sparaktionen sinnvoll, aber die Illusion, man könnte sich die Gefahr damit vom Leibe halten, ist gefährlicher als manches andere!
    ---Die KKW Brunsbüttel und Brokdorf stehen direkt an der Unterelbe und damit in überflutungsgefährdeten Gebieten. Dass die Standorte bereits betroffen waren, zeigen die Küstenschutzpläne der Landesregierung SH.
    Wer an der Gewalt einer Sturmflut Zweifel hat, sollte sich einmal eine Wehle (Kolkloch hinter einem Deichbruch) ansehen.
    Sturmfluten produzieren keine 15-Meter-Flutwellen, aber sie halten länger an als Tsunamis. Allzusehr sollten wir uns nicht damit trösten, dass Japan weit weg ist!

    3 Leserempfehlungen
  5. Danke für den schönen Artikel.

    Als angehender Archäologe muss ich aber drum bitten die Ausgrabungen wirklich uns zu überlassen und nur in gedanken bzw. als Helfer auf offiziellen Grabungsstellen sein schäufelchen auszupacken.
    Jede Erdschicht die von unprofessioneller Hand durchwühlt wurde hätte dem Ausgebildeten vielleicht einiges erzählt.

  6. Ich finde den Bericht zwar kurzweilig, aber auch sehr spannend! Die Tatsache,dass nicht nur Ausgrabungen in irgendwelches Gesteinsbrüchen stattfinden, sondern auch im hohen Norden im Wattenmeer ist eine neue Erkenntniss für mich.

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  • Schlagworte Wattenmeer | Schleswig-Holstein | Reise | Tourismus | Natur | Naturschutzgebiet | Unesco
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