NationalsozialismusHitlers willige Landser

Unpolitisch, aber zutiefst ideologisiert: Neue Recherchen in amerikanischen Archiven ergeben erstmals ein differenziertes Bild der "Wehrmacht von innen". von 

Wehrmacht Zweiter Weltkrieg Soldaten Polen

Wehrmachtsoldaten beim Einmarsch in Polen im September 1939  |  © STF/AFP/Getty Images

Wie nationalsozialistisch war der Krieg der Wehrmacht? Wie fest war die NS-Ideologie in den Köpfen der Soldaten verankert? Und wie wirkten sich ihre Überzeugungen auf ihr Handeln aus?

Verlässliche Quellen, um diese Fragen zu beantworten, waren lange Zeit rar. Tagebücher gab es nicht genug, um repräsentative Schlüsse zu ziehen, die Feldpost wurde zensiert, und Erinnerungen verraten mehr über die Strategien der Vergangenheitsbewältigung als über das Geschehen im Kriegsalltag.

Anzeige

Erst 2001 änderte sich die Situation – als der Mainzer Historiker Sönke Neitzel im britischen Nationalarchiv zufällig auf ein Konvolut unerforschter Akten stieß, auf Tausende Seiten geheimer Abhörprotokolle aus drei britischen Kriegsgefangenenlagern nahe London. Bei diesen Einrichtungen handelte es sich um Verhörlager. Die Zellen waren verwanzt. Ohne dass die Gefangenen es wussten, belauschten Abhörspezialisten ihre Gespräche, manche schnitten sie komplett mit. Rund 50.000 Seiten umfasst der Aktenbestand. 50.000 Seiten, die den Briten helfen sollten, Militärgeheimnisse zu lüften, und die heutigen Historikern einen ungefilterten Einblick in die Gedankenwelt deutscher Soldaten eröffnen. Ein sensationeller Fund.

Dem ein noch größerer folgte. 2006, mittlerweile hatte Neitzel Auszüge aus den Protokollen veröffentlicht, entdeckte er weitere Abhörakten – diesmal in Washington, denn 1942 hatten auch die Amerikaner begonnen, ihre deutschen Kriegsgefangenen auszuspionieren. Der Umfang des US-Materials: 102.000 Seiten.

Erschlossen hat diesen Bestand nun der junge Historiker Felix Römer. 2008 – kurz nach Abschluss seiner viel gelobten Dissertation über den Kommissarbefehl – war er zu der Forschergruppe um Sönke Neitzel gestoßen, einem interdisziplinären Team, angeleitet von Neitzel selbst und dem Sozialpsychologen Harald Welzer. Fast vier Monate lang fotografierte er in Washington Akten, zehn Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Kaum jemand hatte die Dokumente vor ihm angerührt. Insgesamt zwanzig Wissenschaftler und studentische Mitarbeiter aus Deutschland, Österreich und Italien halfen ihm anschließend, sie zu sichten, zu erschließen, zu analysieren.

Nachdem Neitzel und Welzer bereits im vergangenen Jahr mit ihrem Buch Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben Aufsehen erregt haben, legt Römer nun das Ergebnis seiner Recherchen vor: Kameraden – Die Wehrmacht von innen. Doch die beiden Bücher unterscheidet mehr, als sie verbindet.

Zunächst steht Römers Untersuchung auf einem breiteren Quellenfundament. Zwar gab auch schon die Soldaten-Studie vor, auf den gesamten 150.000 Seiten des verfügbaren Materials zu fußen, de facto aber entstammten rund 95 Prozent der verwendeten Zitate den britischen Dokumenten.

Darüber hinaus ist das US-Material fast vollständig personalisiert. 3.451 Soldaten durchliefen zwischen 1942 und 1945 das geheime Verhörlager Fort Hunt bei Washington. Zu 3.300 von ihnen (3.100 davon Deutsche und Österreicher) liegen Akten vor – darunter die des Schriftstellers Alfred Andersch. Sie enthalten: Protokolle von Verhören durch die US-Offiziere; Protokolle der heimlich abgelauschten room conversations; Protokolle von Interviews zur politischen Gesinnung. Und schließlich: Personenbögen, in denen die Kriegs- und Vorkriegskarrieren der Häftlinge festgehalten sind. Im Gegensatz zu Neitzel und Welzer, die fast ausschließlich anonymisierte Aussagen zur Verfügung hatten, war es Römer daher möglich, Zusammenhänge zwischen Biografie, politischer Haltung und der Einstellung zu Krieg und Gewalt herzustellen.

Auffällig ist, wie viel besonnener er dabei vorgeht. Das Soldaten-Buch, das es im Frühjahr 2011 sogar in die Bild-Zeitung schaffte, war eine Provokation. Das Resümee von Neitzel und Welzer lautete zugespitzt: Die NS-Ideologie spielte für das Handeln der Soldaten keine Rolle. Man musste weder Antisemit sein, um an den Erschießungsgruben Juden zu ermorden, noch bewahrte fehlender Judenhass davor, zum Massenmörder zu werden. Um Gräueltaten zu begehen, habe es nicht einmal der Gewöhnung bedurft. Manche »ganz normalen Männer« hätten binnen weniger Wochen sogar Gefallen am Töten gefunden. Kurzum: In jedem Menschen stecke eine Bestie, die zuschlägt, sobald Umstände herrschen, in denen sie von der Leine darf. Nicht die Intentionen der Soldaten seien daher ausschlaggebend gewesen, sondern die Kriegssituation.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte überprüfen Sie Ihre Recherche. Danke, die Redaktion/ds

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FonyFox
    • 14. Oktober 2012 12:10 Uhr

    Ich denke, dass diese Arbeit durchaus als repräsentativ gelten darf. Im Text ist die Rede von Protokollen aus 3 Gefangenenlagern und nicht von 3 Soldaten. Weiter unten steht außerdem, dass sich bei den Akten aus Amerika Berichte wohl um Berichte über mehr als 3000 Soldaten handelt.

    • FonyFox
    • 14. Oktober 2012 12:10 Uhr

    Ich denke, dass diese Arbeit durchaus als repräsentativ gelten darf. Im Text ist die Rede von Protokollen aus 3 Gefangenenlagern und nicht von 3 Soldaten. Weiter unten steht außerdem, dass sich bei den Akten aus Amerika Berichte wohl um Berichte über mehr als 3000 Soldaten handelt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nicht nur das. Zudem spricht der Artikel von 17 Mio am Krieg beteiligten Soldaten und es sollte ja explizit die Gesinnung der einfachen Landser im Mittelpunkt stehen, nicht die des Generalstabs. Wie kann man einen Text kommentieren wollen und dabei noch mit Wörtern wie Scharlatanerie um sich schmeißen, wenn man ihn nur überfliegt? Das finde ich schon fast dreist. Wenn man zudem meint, nicht stimmige oder schlüssige Fakten darin zu finden, dann liest man ihn doch erst recht ein zweites Mal und umso genauer durch, um sich dessen wirklich sicher zu sein.

    Aber leider ist auch der Kommentarbereich von Zeit-Online mittlerweile überflutet von dilettantischen, selbstgerechten Besserwissern, die jede Gelegenheit nutzen, um sich mit markigen Worten in Szene zu setzen. SpOn-Kommentare kann ich aus diesem Grund gar nicht mehr lesen ohne dabei Schmerzen zu empfinden.

    Zum eigentlichen Artikelinhalt: Das Buch scheint sehr lesenswert zu sein, gerade weil der Autor eine komplexere und ausgereiftere Herangehensweise gewagt hat als die beiden Leiter der Forschungsgruppe. Was für einen Doktoranden in meinen Augen auch von großem Mut spricht, gerade wenn nur kurz zuvor ein vielbeachtetes Werk zu selbigem Thema von zwei "gestandenen" Forschern veröffentlicht wurde.

  2. Nicht nur das. Zudem spricht der Artikel von 17 Mio am Krieg beteiligten Soldaten und es sollte ja explizit die Gesinnung der einfachen Landser im Mittelpunkt stehen, nicht die des Generalstabs. Wie kann man einen Text kommentieren wollen und dabei noch mit Wörtern wie Scharlatanerie um sich schmeißen, wenn man ihn nur überfliegt? Das finde ich schon fast dreist. Wenn man zudem meint, nicht stimmige oder schlüssige Fakten darin zu finden, dann liest man ihn doch erst recht ein zweites Mal und umso genauer durch, um sich dessen wirklich sicher zu sein.

    Aber leider ist auch der Kommentarbereich von Zeit-Online mittlerweile überflutet von dilettantischen, selbstgerechten Besserwissern, die jede Gelegenheit nutzen, um sich mit markigen Worten in Szene zu setzen. SpOn-Kommentare kann ich aus diesem Grund gar nicht mehr lesen ohne dabei Schmerzen zu empfinden.

    Zum eigentlichen Artikelinhalt: Das Buch scheint sehr lesenswert zu sein, gerade weil der Autor eine komplexere und ausgereiftere Herangehensweise gewagt hat als die beiden Leiter der Forschungsgruppe. Was für einen Doktoranden in meinen Augen auch von großem Mut spricht, gerade wenn nur kurz zuvor ein vielbeachtetes Werk zu selbigem Thema von zwei "gestandenen" Forschern veröffentlicht wurde.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Verlesen?"
  3. zu Fuß und mit Pferdewagen zu erobern - dafür muß man als Soldat schon von seiner Sache überzeugt sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aus irgendeiner Motivation heraus muss das ja entstehen...

    aber was ist mit der einfachen Tatsache sich überlegen und unbesiegbar zu fühlen? So etwas könnte (nach Freud) noch einmal den eigenen Blutdurst anspitzen, angekurbelt durch die Gruppendynamik innerhalb der Wehrmacht...was meinen Sie?

  4. steckte in jedem Matrosen des britischen Empire, das andere Länder in den Dutzenden besetzte und die einheimischen Vertrieb, versklavte, unterwarf und abschlachtete??

    Ist es nicht langsam mal auch für deutschen Medien an der Zeit den Nationalsozialismus differenziert zu betrachten??

    Vielleicht wäre es dann auch an er Zeit für die Länder Frankreich, Spanien, Deutschland und England den Friedensnobelpreis zurückzugeben für Ihre blutige Vergangenheit. Diese Nationen sind die letzten, die mit Frieden etwas am Hut haben.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Relativierung? Natürlich soll jeder vor der eigenen Türe kehren - das heißt aber nicht, daß in D der Deckel drauf gemacht werden sollte.

    Die Britische Marine hat wie keine andere gegen die Sklaverei in der Welt gekämpft und durch die Besetzung Ägyptens haben die Britem dem weltweiten Sklavenhandel einen vernichtenden Schlag zugefügt. Britische Helden Charles George Gordon sind den Märtyrertod im Kampf gegen die Sklaverei gestorben. Realismus ist nicht immer nur Zynismus, es gibt auch historische Leistungen, denen eine gewisse Ehre gebührt.

    ...davon das sie heftigst relativieren, kann ich mich nicht daran erinnern das Frankreich, Spanien, Deutschland und England jemals den Friedensnobelpreis bekommen hätten.

    Das war die EU. Wer von anderen eine "Differenzierte" betrachtungsweise Einfordert, sollte den selben Anspruch bei seine eigen Aussagen haben.

    Hinzu kommt das sie praktisch überhaupt nicht auf den Artikel eingehen. Wie obsolet dieser ihren Einwand macht, haben sie nicht bemerkt. Lesen sie ihn nochmal und nehmen sie dabei die ideologischen Scheuklappen ab.

    MfG

    MfG

  5. ...Relativierung? Natürlich soll jeder vor der eigenen Türe kehren - das heißt aber nicht, daß in D der Deckel drauf gemacht werden sollte.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Wieviel Rassist"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    was ist dann der Friedensnobelpreis als Auszeiichnung für die Nationen der afrikanischen Kolonialherrschaft, des Holocaustes, der Inquisition und des Commonwealth dessen wealtch not so quite common war, sondern Vertreibung und Ausrottung ganzer Völker zufolge hatte - und hat (siehe Kanada, Nord Amerika, Australien).

  6. Sie reicht im Grunde genommen schon um alle Hemmungen fallen zu lassen. Dies war in fast allen Kriegen so, war bei der Wehrmacht so und ist heute immer noch so. (Ein deutscher Oberst, der in Afghanistan ein Massaker an über hundert Menschen zu verantworten hatte, wurde nach seiner Tat sogar zu General befördert).

    Trotzdem handelt es sich bei der deutschen Wehrmacht – wie Römer anschaulich darlegt - um einen besonderen Fall. Die Hemmschwelle zu töten lag nicht nur auf dem untersten Level, sondern die Ermordung wehrloser Zivilisten, die auch nicht im Ansatz eine Bedrohung darstellten, wurde zu einem Akt der völkischen Hygiene. So wie man selbstverständlich als Wehrmachtssoldat seinen Körper reinigte und seine Zähne putzte, so reinigte man selbstverständlich den Volkskörper. Einer Extra-Mord-Befehlerei bedurfte es im Grunde nicht mehr.

    Eine Leserempfehlung
  7. Eine hypothetische Frage: Wäre der zweite Weltkrieg ohne die Nationalsozialisten denkbar gewesen? Meine Antwort würde lauten: Wahrscheinlich ja. Er wäre auch denkbar gewesen als Fortsetzungs- und Revanchekrieg für den Ersten Weltkrieg.
    Das wirft ein Schlaglicht auf die Rezeption der Geschehnisse eben jenes Großen krieges, der so prägend war für eine generation wie kaum ein Ereignis davor und danach. Natürlich gab es Antikriegsliteratur, aber die Mehrzahl der Publikationen war doch kriegsverherrlichend, und wenn nicht direkt über die Dolchstoßlegende geschrieben wurde, so wurde doch in weiten teilen die Niederlage in einen Sieg umgedeutet, hatte man nicht unzählige Schlachten siegreich beendet. Krieg als legitimes Mittel zur Durchsetzung nationaler Interessen war weiterhin und ungebrochen im Alltag der Menschen verankert. In jedem Dorf gab es Kriegerdenkmale und Kriegervereine, die jenes Denken weiter trugen. Da war es auch fpr die Bationalsoszialisten kein so großes Problem jene eh schon vorhandenen Denkmuster zu stärken, und in gewissem Sinne zu überhöhen. Ohne dass die Propaganda in jedem fall den Menschen direkt erreichen musste, gab es doch genügend Übereinstimmungen,die die Menschen in die gleiche Richtung streben ließen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...einen weiteren europäisch/asiatischen Konflikt gegeben (Japan war extrem aggressiv, Osteuropa stand unter dem wachsenden Einfluß der Sowjetunion, Deutschland, Frankreich, GB, Italien mußten ihre Identität neudefinieren, etc.).

    Das unfassbare aber ist die weitgehende Akzeptanz dieser unglaublich fremdartig (in Bezug auf das aufgeklärte Europa) wirkenden SS-Rassenideologie in Deutschland. Ja, es hätte einen Krieg gegeben, es wäre aber kein Vernichtungsfeldzug geworden.

    Sehr gewagte These!

    Die Menschen wollten keinen Krieg. Die Menschen hatten Angst vor dem Krieg! Das belgen so ziemlich alle möglichen Quellen.

    Nehmen wir als Beispiel mal die Sudetenkrise.

    Göbels notierte in sein Tagebuch: "Die Kriegspsychose wächst. Eine dumpfe Stimmung liegt über dem Lande. Alles wartet, was kommt.

    In seiner "Julie Denkschrift" unterstricht der Generalstabschef des Heeres Beck, das es eine breite Opposition gegen einen Krieg in der Bevölkerung gäbe.

    Der amerikanische Jornalist William Shirer schreib: "das die Menschen [in Deutschland] noch vom letzten Krieg genug hätten".

    Der SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS) stellte im September 1938 fest:

    "In breiten Kreisen der Bevölkerung herrscht große Sorge, das über kurz oder lang ein Krieg den wirtschaftlichen Wohlstand beenden und für Deutschland schreckliche Konsequenzen haben wird"

    Am 27. September 1938, nach Hitlers Rede im Sportpalast gab es am späten Nachmittag eine art Truppenparade einer motorisierten Divison um außländische Diplomaten und Jornalisten zu beindrucken.

    Dazu William Shirer: "Sie [die Berliner] tauchten in die Haupteingänge, weigerten sich überhaupt hinzusehen, ignorierten das Militärische Schauspiel."
    Er bezeichnete das ganze als die bewegendste Demonstration gegen den Krieg, die er jemals gesehen habe.

    Auch Hilter äußerte häufig seinen Unmut darüber. Auch in seinem Umfeld wuchs der druck auf ihn, in der Kriese nachzugeben. (Ausnahme Ribbentrop)

    MfG

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service