Wie nationalsozialistisch war der Krieg der Wehrmacht? Wie fest war die NS-Ideologie in den Köpfen der Soldaten verankert? Und wie wirkten sich ihre Überzeugungen auf ihr Handeln aus?

Verlässliche Quellen, um diese Fragen zu beantworten, waren lange Zeit rar. Tagebücher gab es nicht genug, um repräsentative Schlüsse zu ziehen, die Feldpost wurde zensiert, und Erinnerungen verraten mehr über die Strategien der Vergangenheitsbewältigung als über das Geschehen im Kriegsalltag.

Erst 2001 änderte sich die Situation – als der Mainzer Historiker Sönke Neitzel im britischen Nationalarchiv zufällig auf ein Konvolut unerforschter Akten stieß, auf Tausende Seiten geheimer Abhörprotokolle aus drei britischen Kriegsgefangenenlagern nahe London. Bei diesen Einrichtungen handelte es sich um Verhörlager. Die Zellen waren verwanzt. Ohne dass die Gefangenen es wussten, belauschten Abhörspezialisten ihre Gespräche, manche schnitten sie komplett mit. Rund 50.000 Seiten umfasst der Aktenbestand. 50.000 Seiten, die den Briten helfen sollten, Militärgeheimnisse zu lüften, und die heutigen Historikern einen ungefilterten Einblick in die Gedankenwelt deutscher Soldaten eröffnen. Ein sensationeller Fund.

Dem ein noch größerer folgte. 2006, mittlerweile hatte Neitzel Auszüge aus den Protokollen veröffentlicht, entdeckte er weitere Abhörakten – diesmal in Washington, denn 1942 hatten auch die Amerikaner begonnen, ihre deutschen Kriegsgefangenen auszuspionieren. Der Umfang des US-Materials: 102.000 Seiten.

Erschlossen hat diesen Bestand nun der junge Historiker Felix Römer. 2008 – kurz nach Abschluss seiner viel gelobten Dissertation über den Kommissarbefehl – war er zu der Forschergruppe um Sönke Neitzel gestoßen, einem interdisziplinären Team, angeleitet von Neitzel selbst und dem Sozialpsychologen Harald Welzer. Fast vier Monate lang fotografierte er in Washington Akten, zehn Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Kaum jemand hatte die Dokumente vor ihm angerührt. Insgesamt zwanzig Wissenschaftler und studentische Mitarbeiter aus Deutschland, Österreich und Italien halfen ihm anschließend, sie zu sichten, zu erschließen, zu analysieren.

Nachdem Neitzel und Welzer bereits im vergangenen Jahr mit ihrem Buch Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben Aufsehen erregt haben, legt Römer nun das Ergebnis seiner Recherchen vor: Kameraden – Die Wehrmacht von innen. Doch die beiden Bücher unterscheidet mehr, als sie verbindet.

Zunächst steht Römers Untersuchung auf einem breiteren Quellenfundament. Zwar gab auch schon die Soldaten-Studie vor, auf den gesamten 150.000 Seiten des verfügbaren Materials zu fußen, de facto aber entstammten rund 95 Prozent der verwendeten Zitate den britischen Dokumenten.

Darüber hinaus ist das US-Material fast vollständig personalisiert. 3.451 Soldaten durchliefen zwischen 1942 und 1945 das geheime Verhörlager Fort Hunt bei Washington. Zu 3.300 von ihnen (3.100 davon Deutsche und Österreicher) liegen Akten vor – darunter die des Schriftstellers Alfred Andersch. Sie enthalten: Protokolle von Verhören durch die US-Offiziere; Protokolle der heimlich abgelauschten room conversations; Protokolle von Interviews zur politischen Gesinnung. Und schließlich: Personenbögen, in denen die Kriegs- und Vorkriegskarrieren der Häftlinge festgehalten sind. Im Gegensatz zu Neitzel und Welzer, die fast ausschließlich anonymisierte Aussagen zur Verfügung hatten, war es Römer daher möglich, Zusammenhänge zwischen Biografie, politischer Haltung und der Einstellung zu Krieg und Gewalt herzustellen.

Auffällig ist, wie viel besonnener er dabei vorgeht. Das Soldaten-Buch, das es im Frühjahr 2011 sogar in die Bild-Zeitung schaffte, war eine Provokation. Das Resümee von Neitzel und Welzer lautete zugespitzt: Die NS-Ideologie spielte für das Handeln der Soldaten keine Rolle. Man musste weder Antisemit sein, um an den Erschießungsgruben Juden zu ermorden, noch bewahrte fehlender Judenhass davor, zum Massenmörder zu werden. Um Gräueltaten zu begehen, habe es nicht einmal der Gewöhnung bedurft. Manche »ganz normalen Männer« hätten binnen weniger Wochen sogar Gefallen am Töten gefunden. Kurzum: In jedem Menschen stecke eine Bestie, die zuschlägt, sobald Umstände herrschen, in denen sie von der Leine darf. Nicht die Intentionen der Soldaten seien daher ausschlaggebend gewesen, sondern die Kriegssituation.