WirtschaftsprüferKreisklasse oder Champions League?

Bei den »Big Four« betreuen Wirtschaftsprüfer renommierte Mandanten. Spezialberater von kleinen Firmen sind dagegen auf Augenhöhe mit den Chefs. von Oliver Burgard

Ihr erster und für sie vielleicht entscheidendster Prüfungsauftrag liegt mehr als 20 Jahre zurück: Isabelle Beaulieu war 15 Jahre alt, Schülerin im kanadischen Montreal, sie jobbte in einem Kaufhaus und prüfte während der Inventur die Bestände: »Damals habe ich mein Interesse für Zahlen entdeckt.« Später hat Beaulieu Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Rechnungswesen studiert und schon als Studentin ziemlich genau gewusst, wie ihre berufliche Laufbahn aussehen soll: »Ich wollte unbedingt für eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft arbeiten

Jetzt heißt es auf ihrer Visitenkarte »Senior Manager«, daneben stehen die Buchstaben pwc und das Logo von PricewaterhouseCoopers, dem internationalen Marktführer. In Deutschland beschäftigt das Unternehmen rund 9.000 Mitarbeiter, weltweit fast 170.000. Isabelle Beaulieus Weg führte von Montreal, wo sie gleich nach dem Examen bei pwc eingestiegen ist, über London nach Berlin, in ihre Wahlheimat seit vier Jahren. Ihr größter Mandant ist Mercer International, ein kanadischer Zellstoffhersteller mit Fabriken in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Außerdem prüft sie gemeinsam mit ihren Kollegen Banken wie Goldman Sachs oder Lloyds und viele kanadische und amerikanische Unternehmen, die in Deutschland Tochtergesellschaften haben.

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Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit besteht darin, die Daten der Tochtergesellschaften so aufzubereiten, dass sie den gesetzlichen Vorschriften für den amerikanischen oder kanadischen Jahresabschluss entsprechen. »Deshalb braucht man in Deutschland Leute wie mich«, sagt die 38-Jährige. »Ich bin eine Expertin für die amerikanische Rechnungslegung.« Alle Vermögenswerte und Schulden müssen korrekt erfasst und bewertet werden – dafür erteilen Wirtschaftsprüfer ihr Testat, ein Gütesiegel für solide Buchführung.

Der internationale Prüfungsmarkt wird dominiert von den vier Branchenriesen PricewaterhouseCoopers, KPMG, Ernst & Young und Deloitte. Die »Big Four« verfügen über globale Netzwerke, die man braucht, um große Konzerne zu prüfen, und kontrollieren in Europa nach einer Schätzung der EU-Kommission 70 Prozent des Marktes. Aber nicht nur börsennotierte Aktiengesellschaften werden durchleuchtet, auch der Mittelstand muss sich prüfen lassen. Wer mehr als 9,86 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet und mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigt, ist in Deutschland dazu gesetzlich verpflichtet.

Karrierechancen bei den Kleinen

Auf dem Markt der mittelständischen Prüfungen tummeln sich zahlreiche kleine Spezialgesellschaften, die den Branchenriesen mit regionalem Fokus und spezialisierter Branchenexpertise Paroli bieten. Im aktuellen Mitgliederverzeichnis der deutschen Wirtschaftsprüferkammer sind 2.748 Prüfungsgesellschaften eingetragen – darunter viele Kanzleien, in denen Wirtschaftsprüfer mit Steuerberatern und Rechtsanwälten zusammenarbeiten. »Unser Schwerpunkt ist die Steuerberatung, aber viele Mandanten wünschen sich Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung aus einer Hand, deshalb bieten wir die Prüfung mit an«, sagt Valentin Schmid. Der 49-Jährige arbeitet als Geschäftsführer der HTG, einer Firma mit 70 Mitarbeitern in Berlin und Halle an der Saale, darunter vier Wirtschaftsprüfer.

Auf Schmids Schreibtisch liegen die Jahresbilanzen der Leasinggesellschaft einer Berliner Automobilhändlergruppe und von einem Biodieselhersteller aus Brandenburg. Um auf dem mittelständischen Markt erfolgreich zu sein, müsse man »besonders schnell und effizient arbeiten«, sagt er, denn die Prüfungsbudgets seien meist knapp bemessen. Schmid ist seit 17 Jahren bei der HTG, aber er kennt auch das Business mit den großen Namen. Gestartet hat er seine Laufbahn nach dem BWL-Studium in einer der größten deutschen Prüfungsgesellschaften. Später entschied sich Schmid ganz bewusst für eine Laufbahn in einer kleineren Firma: »Die Arbeit mit mittelständischen Mandanten hat viele Vorteile«, sagt er. »Man erhält Einblicke in wichtige Entscheidungsprozesse, ist auf Augenhöhe mit der Chefetage. In den großen Prüfungsgesellschaften ist das anders, man hat bei den Mandanten meist nur mit dem Rechnungswesen zu tun.«

Dafür böten große Arbeitgeber mehr Abwechslung, kontert Isabelle Beaulieu. »Wir haben ständig mit neuen Mandanten und neuen Aufträgen zu tun, dadurch bekommen wir Einblicke in viele verschiedene Branchen und Arbeitskulturen.« Unterschiedlich ist auch der Arbeitsrhythmus in den großen und kleinen Prüfungsgesellschaften. Die Hauptarbeitszeit richtet sich meist nach den Terminen der Jahresbilanzen, die kleinere Unternehmen ein paar Monate später abgeben müssen als große Kapitalgesellschaften. Isabelle Beaulieu hat schon im Herbst viel zu tun, wenn die Prüfungen vorbereitet und die Teams zusammengestellt werden. »Bei großen Projekten arbeiten 20 bis 30 Kollegen in verschiedenen Ländern zusammen, eine sorgfältige Planung der Ressourcen ist extrem wichtig«, sagt sie. »Besonders relevant sind alle Zahlen, die Banken bei der Vergabe von Krediten berücksichtigen oder die Investoren zum Kauf oder Verkauf von Aktien veranlassen könnten«, erklärt die Kanadierin. Besonders relevant sind außerdem die Teile der Bilanz, in denen die Prüfer das größte Fehlerpotenzial vermuten. Je höher das Risiko, desto mehr Stichproben werden untersucht – Verträge, Rechnungen, Gesellschafterbeschlüsse. Problematisch sei dabei nicht der Zugang zu Informationen, sondern eher die Aufbereitung. Manchmal bringt sie deshalb eigene IT-Leute mit zu ihren Mandanten, um deren EDV so umzuprogrammieren, dass die relevanten Daten in der gewünschten Form geliefert werden können.

Leserkommentare
  1. "Auf solche Referenzen müssen kleine Prüfungsgesellschaften verzichten, denn die Prüfung von Mittelständlern ist meist eine geheime Mission."

    Ich habe keine Ahnung, was diese neue Werbeoffensive für die WP-Branche soll, aber der Autor des Artikels gibt zu erkennen, dass er keine Ahnung hat. Da die geprüften Jahresabschlüsse auch im Bundesanzeiger veröffentlicht werden müssen, kann wirklich jeder(!) sehen, welche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft welches Unternehmen geprüft hat. Die kleine Ausnahme bilden höchstens freiwillige Prüfungen.

  2. Ich bin gespannt bzw. es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die WP-Branche hochgeht. Enron und Co. sind ja mittlerweile schon ein paar Jährchen her.

    Mit "Prüfen" hat diese ganze Schauspielerei auf jeden Fall nicht mehr viel zu tun. Zum einen ist hier der immer mehr zunehmende Wettbewerbsdruck zu nennen, der die Prüfungshonorare schmilzen lässt. Die zum Prüfen verbleibende Zeit wird immer geringer und eine Prüfung ist sowieso nur oberflächlich möglich. Die eigentliche Prüfarbeit machen "Kinder", die oftmals frisch von der Uni kommen und noch nicht einmal wissen, was ein Grundbuchauszug ist. Diese müssen sich mitunter mit Fachspezialisten des zu prüfenden Unternehmens auseinandersetzen, die - im Gegensatz zum Prüfer - sich das ganze Jahr über nur mit dem einen Fachgebiet befassen und somit den "Prüfer" fachlich haus hoch überlegen sind. - Und am Ende steht sowieso immer das im Prüfungsbericht, was der Mandant will. Bei Nichtgefallen besteht sonst die Gefahr, das Mandat im nächsten Jahr an die Konkurrenz zu verlieren.

    Die meiste Zeit wird sowieso damit verbracht, die eigene (angebliche) Arbeit zu dokumentieren. Denn schließlich werden die Wirtschaftsprüfer beim sog. Peer-Review (PR) selbst geprüft und das Bestehen des PR ist Voraussetzung für die "Prüferlaubnis". Ob das, was man für den Peer Review schön säublich dokumentiert stimmt, ist Nebensache. Hauptsache ist, dass sich der Peer-Review-Prüfer mit den schön aufbereiteten Unterlagen zufrieden gibt.

    Die Bombe tickt...

    Eine Leserempfehlung
    • Jastrau
    • 30. Oktober 2012 8:23 Uhr
    3. .....

    Dieser "Artikel" müsste eigentlich unter Anzeige stehen...

    Eine Leserempfehlung

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