PolitikberaterDer Rausch ist verflogen

Wer die öffentliche Hand berät, braucht andere Qualitäten als Consultants für die Industrie. von Christoph Lixenfeld

Das Altenheim ist so ein typischer Fall für Anna Schröder – bei alten Menschen unbeliebt und für die Kommunen teuer. Eine günstigere Alternative bieten Pflege-WGs, die von 2013 an besonders gefördert werden sollen. Dafür müssen Fördergelder beantragt und die Kranken-, Pflege- und Sozialkassen dazu gebracht werden, an einem Strang zu ziehen. Und hier setzt Anna Schröder an. Die 27-Jährige ist Consultant im Bereich Public Services bei Steria Mummert Consulting in Hamburg. Sie arbeitet als Politikberaterin.

Schröders Berufsbezeichnung ist erklärungsbedürftig, weil sie für sehr unterschiedliche Dinge steht. Politikberater arbeiten in Agenturen, die meist mit ehemaligen Bundestagsmitarbeitern besetzt sind. Die Ex-Politiker stellen Kontakte zu Abgeordneten, Ministern und anderen big shots des Politikbetriebs her und lassen sich dafür von Unternehmen bezahlen. Obwohl sie sich Politikberater nennen, beraten sie keine Politiker – vielmehr betreiben sie Lobbying.

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Die zweite Gruppe von Politikberatern kommt aus Beratungshäusern wie McKinsey, Roland Berger, Kienbaum oder Steria Mummert. Sie berät Institutionen der öffentlichen Hand und damit tatsächlich die Politik. Doch das Image dieser »echten« Politikberatung ist nicht besonders gut. Viele reden nicht bereitwillig über ihre Branche. Auch die Presseabteilung von McKinsey lehnte ein Interview für diesen Artikel mit der Begründung ab, es gebe ja vielleicht gar nicht so viel darüber zu sagen...

Möglicherweise rührt die Zurückhaltung aus dem schlechten Image, das der Branche lange Zeit anhaftete. Zu Recht, wie Eberhard Hübbe zugibt, der bei der Unternehmensberatung Goetzpartners in München arbeitet. Vorher setzte er 20 Jahre lang für eine andere Consultingfirma Projekte für die öffentliche Hand um. »In den neunziger Jahren sind Berater zu Kommunen und anderen Körperschaften gegangen und haben gesagt: »So, wie ihr das bisher gemacht habt, läuft das heute nicht mehr. Wir erzählen euch jetzt mal, wie Verwaltung funktioniert«, erinnert sich Hübbe.

Jahrelang bestellten Kommunen bei Consultingfirmen zudem teure Gutachten, die dazu rieten, kommunale Unternehmen schnell zu privatisieren – mit Unterstützung von teuren Beratern. Berüchtigt war das Cross-Border-Leasing: das Verkaufen und Zurückleasen, etwa von Klärwerken oder Kanalsystemen. Städte kostete es Millionen – Banken, Berater und Anwälte verdienten üppig.

Bezahlung ist an den Erfolg gekoppelt

Mittlerweile ist der Privatisierungsrausch weitgehend verflogen, viele Städte wollen Wasserwerke oder Wohnungsbaugesellschaften sogar rekommunalisieren. Auch dafür brauchen sie Hilfe. Und die öffentliche Hand holt sich Berater auch, um Allianzen zu schmieden: etwa für ein Callcenter mit der Nachbargemeinde oder um gemeinsam Büromaterialien einzukaufen. Berater müssen dabei vermitteln, Ängste nehmen und Widerstände abbauen. Auf hartes Durchsetzungsvermögen und Schmerzfreiheit beim Sanieren kann dagegen verzichtet werden. So sieht es zumindest Anna Schröder von Steria Mummert Consulting – zum Beispiel, wenn sie Kommunen dabei unterstützt, pflegebedürftige Mitbürger optimal versorgen zu können. Ziel der Politikberatung ist es zwar, in der Altenhilfe Geld einzusparen – allerdings nicht durch Entlassung und Privatisierung.

Anna Schröder rechnet einem Sozialamtsleiter dann vor, wie die Gemeinde geförderte Pflege-Wohngemeinschaften nutzen kann. Ist das Amt überzeugt, unterstützt Schröder die Kommune dabei, Fördergelder beim Bund und bei der EU zu beantragen. »Außerdem sorgen wir für eine reibungslose Kooperation zwischen Kommunen, den regionalen Akteuren in der Pflege und beteiligten Kostenträgern«, sagt Schröder. Die arbeiteten sonst gern gegeneinander, jeder versuche, möglichst viele der anfallenden Kosten auf den anderen abzuschieben. »Unterschiedliche Interessen zu vereinen, das ist das Spannende an dem Job«, sagt Schröder. Ihre Projekte sind langfristig angelegt und können bis zu einem Jahr dauern. Dabei arbeitet Anna Schröder in einem zwei- bis dreiköpfigen Team, ist immer wieder für einige Tage oder eine ganze Woche vor Ort. Sie bekommt nicht weniger Gehalt als eine Beraterin für die Industrie. Anders als dort ist die Bezahlung bei Nachwuchskräften nicht abhängig vom Erfolg des Projekts. Und das, obwohl es auch in der Politikberatung um konkrete Ergebnisse geht und »nicht mehr nur darum, schlaue Sprüche zu machen und wieder zu gehen«, sagt Eberhard Hübbe von Goetzpartners. »Der Berater muss in der Lage sein, das, was er vorschlägt, auch umzusetzen.« Städte engagieren zum Beispiel Berater, um Büromöbel, Computer oder Putzmaterial optimaler beschaffen zu können. Die Bezahlung ist dabei an den Erfolg gekoppelt: Das volle Honorar wird nur dann gezahlt, wenn die versprochenen Einsparungen beim Einkauf tatsächlich realisiert worden sind.

Leserkommentare
  1. bin auch ich. Wirkliche Reformen haben die Berater seit Bestehen der Republik in der öffentlichen Hand nichtr durchgesetzt. Oder kann jemand solche Beispiele nennen?
    Meiner Meinung nach verdienen an dieser "Beratung" die Consulting-Unternehmen nicht schlecht, aber das dürfte auch die einzige "Wertschöpfung" auf diesem Sektor sein.

    2 Leserempfehlungen
  2. Beratung benötigt erschliesst sich mir wirklich nicht.

    Da sitzen doch gewählte und bestimmte Akteure die jenseits jeder Tarifverträge fürstlich entlohnt werden, dafür sollten diese es selber können müssen.

    Der Berater ist nach der Beratung wieder weg und ausbaden muss dann der Steuerzahler.

    Besser die Berater werden für drei oder fünf Jahre direkt in Landkreisen oder Städten anstatt eingestellt und handeln dort als Gehaltsampfänger.

    So wäre dessen Ausbildung nicht umsonst und die praxisnahe Handlungsweise würde ihnen zeigen das gerade dort Veränderung für die meisten Beteiligten schlimmer erscheint als Mordanschläge.

    Schluss mit der Doppelzahlmentalität und dem Postenschachern.

    In der freien Wirtschaft würden 90% der in den Gemeinden und Stätten beschäftigten Entscheider bereits lange eine fristlose Kündigung gesehen haben.

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  3. "Berater" haben oftmals die Funktion unangenehme Entscheidungen zu fällen (Stellenabbau, etc.), für die niemand in der Firma verantwortlich gemacht werden möchte. Würde mich nicht wundern, wenn es hier genauso gemacht wird. Eine etwas feige Art, Verantwortung abzuwälzen. Die im Artikel genannten positiven Beispiele überzeugen mich nicht.

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    bin auch ich. Wirkliche Reformen haben die Berater seit Bestehen der Republik in der öffentlichen Hand nichtr durchgesetzt. Oder kann jemand solche Beispiele nennen?
    Meiner Meinung nach verdienen an dieser "Beratung" die Consulting-Unternehmen nicht schlecht, aber das dürfte auch die einzige "Wertschöpfung" auf diesem Sektor sein.

  4. Zuerst verkauften sie die Privatisierungen, nun die Rekommunalisierung. Stets bezahlt der Steuerzahler diese Bauernfängerei auf großem Niveau mehrfach: 1. die Kosten für diese "Leistungen", die zur einen Hälfte aus teuer bezahlter Heißluft nach der jeweils neuesten BWL-Mode und zur anderen aus verheerenden Sparmaßnahmen ohne Rücksicht auf Inhalte bestehen 2. durch die in Folge geringere Leistung der umgebauten öffentlichen Infrastruktur.
    Der öffentliche Sektor hat großen Reformbedarf, dieser besteht aber vor allem im Abbau von Wasserköpfen, hin zu einer bürgernahen Verwaltung. Sol heißen: Stellen müssen dort geschaffen werden, wo die notwendige Arbeit verrichtet wird und nicht zur Selbstverwaltung der Verwaltung. Ein Ansatz wäre, die Gelder, die in diese überflüssigen Firmen gesteckt werden, in Stellen zu investieren, an denen die Arbeit getan wird, nach dem Schlüssel: viele Indianer, wenige Häuptlinge und nicht, wie im Moment, beständig andersherum.

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