Bei seinen ersten Interviews erntete Stephan Kaiser noch Spott. " Work-Life-Balance in der Beratung? Da hätten Sie ja auch gleich was über Vegetarier im Fleischfachhandel machen können", beschied ein junger Strategieberater. Ein anderer sagte knapp: "Das ist echt das blödeste Dissertationsthema, von dem ich je gehört habe."

Zwei Jahre lang erforschte Kaiser, inzwischen Wirtschaftsprofessor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, unter welchem enormen Arbeitsdruck Unternehmensberater stehen – und wie sie dennoch ein Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben hinbekommen könnten. Arbeitstitel der Studie, die Kaiser 2008 im Auftrag des Bundesforschungsministeriums begann: "Geld oder Leben?"

Denn noch immer lässt der Berufsalltag in Consultingfirmen kaum Platz fürs Private: Arbeitswochen mit 60 und mehr Stunden sind üblich , die Berater sind meist vier Tage in der Woche unterwegs beim Kunden und auch am Wochenende mitunter verplant. "In allen führenden Unternehmen der Branche sind extreme Arbeitszeiten üblich", so Kaiser.

Doch nun beobachten deren Personalabteilungen einen schleichenden Wandel: Immer mehr Absolventen fragen bei Bewerbungsgesprächen nach Angeboten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit. "Das gab es vor fünf bis zehn Jahren nicht", sagt Michael Staebe, Partner bei Bain & Company, einem der führenden Beratungshäuser in Deutschland. Sein Eindruck: Die neuen Bewerber wissen sehr genau, worauf sie sich einlassen, sind auch bereit, viel Zeit und Kraft in ihre Aufgaben zu investieren. Doch dafür wollen sie einen Ausgleich: freie Tage, mehr Zeit für Familie und Freunde. "Danach fragen schon Bewerber explizit." Bei einigen müsse er dann Aufklärungsarbeit leisten: Wer mit Mitte 20 ein Unternehmen in seiner strategischen Ausrichtung berate, das im Jahr 50 Milliarden Euro umsetzt, müsse sich einfach auf ein sehr hohes Arbeitspensum einstellen.

Jobeinsteiger wollen nicht endlos arbeiten

Doch dazu sind immer weniger Bewerber bereit: Seit Jahren sinkt deren "Wunscharbeitszeit" , hat das Berliner Trendence-Institut herausgefunden. Maximal 57 Stunden pro Woche wollen Absolventen im Schnitt arbeiten, die eine Karriere bei einer Consultingfirma planen – immer noch ein straffes Pensum, doch in den meisten Unternehmen unrealistisch. Jeder zweite Consulting-Interessierte nennt außerdem das Thema Work-Life-Balance als "Hauptfaktor" bei der Wahl des Arbeitgebers. 2003 waren es nur 39 Prozent.

Auch wer schon an Bord ist, nimmt hohe Stundenzahlen nicht mehr als gegeben hin: Mit keinem anderen Faktor ihres Arbeitslebens sind junge Consultants laut der Trendence-Studie so unzufrieden. "Die jüngeren Mitarbeiter fragen bei ihren Vorgesetzten nach, warum ein Projekt gerade so intensive Arbeitsphasen braucht und ob man es auch anders planen könnte", so Staebe. "Sie sind in dem Thema einfach selbstbewusster als Vorgängergenerationen." Sein Eindruck: Die Jungen wollen – aber nicht mehr um jeden Preis.

Das zeigt sich auch in den Arbeitgeber-Rankings: Dort verlieren die Unternehmensberatungen deutlich an Attraktivität zugunsten traditioneller Industriebetriebe. Vor allem der Fahrzeugbau wird seit der Wirtschafts- und Finanzkrise beliebter: Er bietet mehr Sicherheit und gleichzeitig geregeltere Arbeitstage. Das jährliche Trendence-Ranking der beliebtesten Arbeitgeber listet mittlerweile kein einziges Beratungsunternehmen mehr in den Top Ten. "Im Kampf um die besten Talente eines Jahrgangs muss sich das Consulting mittlerweile bewegen und konkurrenzfähige Angebote machen", gesteht Klaus Reiners, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater.