Merkel in AthenKreuz mit Haken

Nicht nur die Griechen konfrontieren die Deutschen mit ihrer Vergangenheit. Die Antwort ist Coolness. von 

Am 6. April 1941 um 5.15 Uhr haben deutsche Truppen Griechenland angegriffen. Am 9. Oktober 2012 um 12.11 Uhr landete die deutsche Kanzlerin in Athen. Was haben diese beiden Ereignisse miteinander zu tun? Um es klar, deutlich und europäisch allgemein verständlich auszudrücken: nichts, nothing, rien, nada, niente, nic, hiçbir şey, τίποτα.

Der Besuch von Angela Merkel in Griechenland ist zu spät erfolgt, dennoch war er eine einfache, mutige, respektvolle und solidarische Geste. Dass viele Griechen das anders sehen, dass sie die mit den Milliardenhilfen für ihr Land verbundenen Sparauflagen als zu hoch und als zu schmerzhaft ansehen, ist ihr gutes Recht. Dass dabei immer wieder Bilder aus der Vergangenheit bemüht werden, hingegen nicht.

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Man könnte über die Hakenkreuzfahnen, die von Demonstranten getragen wurden, genauso hinweggehen wie über die neuerlichen Nazi-Abbildungen in Athener Zeitungen, wenn es sich dabei nur um geschmacklose Phänomene am Rande der griechischen Gesellschaft handeln würde. Das ist jedoch nicht der Fall. Auch andernorts wird im Zuge der Euro-Debatte mit Vergangenheit wieder Politik gemacht. Von deutschen Nachbarn – und einigen Deutschen.

Selbstverständlich wehen den Deutschen nicht überall rote Fahnen mit schwarzer Swastika um die Ohren, meist wird die Botschaft etwas subtiler ausgedrückt. Dann ist die Rede von gefährlicher Hegemonie, von deutscher Arroganz, davon, dass man mit dem Euro erreichen wolle, was man in zwei Kriegen nicht geschafft habe; auch vom deutschen Wesen ist die Rede, in der Hoffnung, dass alle im Kopf ergänzen: genesen!

Niemand hierzulande hat gegen Athen oder Brüssel Wahlkampf gemacht

Manchmal fragt man sich, ob diejenigen, die so reden, die Deutschen eigentlich ein wenig kennen, ob sie in das Land hineinschauen, in das sie hineinrufen. Denn natürlich ist es so, dass die Deutschen in ihrer großen Mehrheit nicht deswegen zur europäischen Solidarität bereit sind, weil sie an ihre Vergangenheit erinnert werden, sondern obwohl sie daran erinnert werden.

Etwas wird allzu oft übersehen: Eines der wichtigsten europäischen Ereignisse der vergangenen vier Jahre ist eines, das nicht stattgefunden hat. Hierzulande hat sich, anders als andernorts, keine antieuropäische Partei herausgebildet, auch hat keine der etablierten Parteien ernstlich versucht, einen Wahlkampf gegen Brüssel oder gegen die Griechen zu führen. Und das, obwohl bei uns dauernd irgendwelche Wahlen abgehalten werden.

Die Deutschen müssen beileibe nicht dafür gelobt werden, dass sie anderen Ländern unter die Arme greifen, das ist nicht mehr als eine normale Sache unter europäischen Brüdern. Doch dass diese ganzen Vergangenheitssprüche hierzulande geflissentlich überhört werden, das ist schon eine bemerkenswerte politische Leistung. Weghören zu können, unbeleidigbar zu sein, das zeugt jedenfalls von einem gewissen kulturellen Fortschritt, sogar von etwas, das man den Deutschen lange und ganz zu Recht nicht zugetraut hat – von Souveränität, Stil, Gelassenheit.

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