Die Frage, ob sich Peer Steinbrück besonders klug verhalten hat, ist schnell beantwortet: Hat er nicht. Wer als Kandidat einer Partei in den Wahlkampf zieht, die endlich die Finanzbranche zähmen will, macht sich natürlich angreifbar, wenn er sich von Vertretern dieser Zunft für gut bezahlte Vorträge engagieren lässt. Und wer dann unter dem Druck der Öffentlichkeit mal brutalstmögliche Transparenz verspricht, mal Transparenz als Kennzeichen einer Diktatur brandmarkt, der besänftigt nicht eben seine Kritiker.

Der SPD und ihrem Spitzenkandidaten verhagelt die Diskussion über dessen Nebentätigkeiten den Start ins Wahlkampfjahr. Das ist erst einmal nur für Steinbrück und die Sozialdemokraten schlecht. Vielleicht schaffen sie es jetzt, nach einem alles in allem einnehmenden Soloauftritt des Kandidaten bei Günther Jauch und der Ankündigung, Auftraggeber und Durchschnittshonorar offenzulegen, die Wogen der Entrüstung wieder zu glätten. Sollte das nicht gelingen, stellt sich eine Frage, die weit beunruhigender ist als all das, was bisher diskutiert wurde: ob wir inzwischen einer Skandalisierung von Fehlleistungen in der Politik (und nicht nur dort) frönen, durch die am Ende jeder fertiggemacht werden kann und wird – egal, wie schwer die ursprüngliche Verfehlung wiegt.

Jeder Stein wird umgedreht: Ein Heiliger, bei dem sich nichts finden ließe

Wir legen heute insbesondere an Politiker Maßstäbe an, die strenger sind als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Die viel vermissten und zu Heroen stilisierten Spitzenvertreter vergangener Zeiten pflegten im Umgang mit Spenden, Unternehmern und anderen Amigos Usancen, die heute zur Dezimierung der politischen Klasse führen würden. Dass inzwischen schärfer kontrolliert wird, dass es für Parteispenden ein klares gesetzliches Regelwerk gibt, ist ein Fortschritt, an dem die Medien ein großes Verdienst halten; jahrzehntelang deckten sie illegale Spendenpraktiken, Vetternwirtschaft und andere Skandale auf. Auch ist die Forderung an herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sie mögen, sofern sie es denn tun, Werte nicht nur predigen, sondern sich auch selbst daran halten, per se richtig. Gefährlich wird es dort, wo unter Tugend nicht primär das Funktionieren von vernünftigen Institutionen und ihren Akteuren verstanden wird, sondern sozusagen die Reinheit des Herzens jedes Einzelnen. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel warnte vor dieser Art Tugend, »die bloß von der Gesinnung aus regiert«; sie führte für ihn direkt in den Tugendterror.

Tatsächlich erinnert die Behandlung von Politikeraffären in jüngster Zeit an ein Schreckensszenario. Peer Steinbrück hat nichts Illegales getan, es geht allein um die Bewertung, ob sich das persönliche Handeln mit dem politischen Anspruch vereinbaren lässt. Darüber darf und kann man diskutieren. Im Prozess der Skandalisierung aber entfernt sich die Erörterung der Streitfrage vom eigentlichen Streitpunkt. Dann geht es immer mehr darum, ob die rechtfertigenden Einlassungen oder Ankündigungen des Politikers in jedem Detail erfüllt werden. Verspricht also Steinbrück vollständige Offenlegung aller Nebeneinkünfte, vergisst aber, einen Vortrag zu erwähnen, wird die Unterlassung zum eigentlichen Problem der Affäre.

Parallel wird, um ein Wort Steinbrücks zu benutzen, jeder Stein des politischen Weges umgedreht. Ein Heiliger, bei dem sich nichts finden ließe: Oft sind es Handlungen, die sich erst im Rückblick als Fehler erweisen. Als Steinbrück seinen Dienst als Vortragsreisender antrat, hätte er sich vermutlich nicht träumen lassen, dass er als Kanzlerkandidat auf die politische Bühne zurückkehren würde. Trotzdem hätte er mit den Auftritten besser aufgehört, als Ende letzten Jahres absehbar wurde, dass er nominiert werden könnte. (Weil auch wir natürlich für Transparenz sind, sei hier unbedingt erwähnt, dass Steinbrück bis zum Juni dieses Jahres Kolumnist im Wirtschaftsteil der ZEIT war; dafür hat er selbstverständlich ein Honorar erhalten.)

Von einem gewissen Zeitpunkt an wird die Dauer der negativen Schlagzeilen zum eigentlichen Problem des Politikers, der Ausgangspunkt ist da längst aus dem Blickfeld geraten; tritt er irgendwann zurück, so heißt es, er sei für das Amt oder die Partei eine unerträgliche Belastung geworden. Die Klärung der tatsächlichen Schuldfrage erfolgt im Nachhinein.

Nach diesem Muster ist auch der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff ins Bodenlose gestürzt. Allerdings haben die Vorwürfe gegen ihn, anders als bei Steinbrück, zumindest zu einem staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren geführt – was den Rücktritt allemal rechtfertigte. Ob es zu einer Anklageerhebung kommen wird, ist jedoch noch völlig offen. Die Demontage Wulffs geht trotzdem unbarmherzig weiter; gerade erst wurden Details eines seiner Privatkonten bekannt. Einmal soll er so knapp bei Kasse gewesen sein, dass er offenbar seine Rolex-Uhr verpfänden musste. Man stelle sich nur vor, Derartiges würde über einen selbst verbreitet!

Virtuelle Gerichte – ein Dreigestirn aus Medien, politischen Gegnern und Empörten im Netz – bekommen so eine Macht über Politiker, die zunehmend den Souverän entmündigt: Letztlich ist es doch der Wähler, der entscheiden soll, ob ihn nach einem langen Wahlkampf Peer Steinbrück oder Angela Merkel mehr überzeugt. Und ob dabei auch die Frage eine Rolle spielt, unter welchen Umständen Politiker Nebeneinkünfte erzielen dürfen.

Alles andere ist nicht Tugend, sondern Terror.

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