BaliParadies mit Brandspuren

Vor zehn Jahren tötete ein Bombenanschlag im balinesischen Urlaubsort Kuta mehr als 200 Menschen. Für Einheimische ist seitdem nichts mehr, wie es vorher war. Für Touristen geht die Party längst weiter. von Johannes Strempel

Im Zentrum von Bali, Indonesien

Im Zentrum von Bali, Indonesien  |  CC BY 2.0: Marmontel/Flickr

Auf der Insel der freundlichen Menschen ist dieser Mann eine Überraschung. Hier, wo sonst jeder seinem Gegenüber mit einem Lächeln ins Gesicht blickt, hält er starr den Kopf zur Seite gedreht, abwesend, wie überwältigt von unendlicher Langeweile. Er sitzt in einem kleinen Kabuff von Büro, müde schnarrt der Ventilator, hinter der verriegelten Holztür wummert Techno. Der Mann sagt ein paar Sätze, dann zeigt er wieder sein Profil, späht mitten im Gespräch nach links, als lese er Zeichen an der Wand. Es ist weit nach Mitternacht und noch immer heiß, im Raum hängt schwer der Duft einer Nelkenzigarette, die im Aschenbecher glimmt. Der unhöfliche Mann starrt seitwärts. »Verzeihen Sie mir bitte«, sagt er schließlich. »Ich kann Sie nur auf diese Weise hören, seit die Bombe mein linkes Trommelfell zerfetzt hat.«

Wayan Sudarma arbeitete als DJ in Paddy’s Bar, als irgendetwas die Nacht in Stücke brach. Er dachte an einen Kurzschluss, doch als er wieder sehen konnte, war sein T-Shirt voller Blut, obwohl er selbst nicht blutete. Vor ihm stürmten die Gäste von der Tanzfläche in Richtung Ausgang, dann hörte er eine zweite, mächtigere Explosion von der Straße her. »Es war eine Falle«, sagt Wayan Sudarma. »Die Bombe im Club sollte die Leute nach draußen treiben.« Die zweite Bombe – 700 Kilogramm Sprengstoff, versteckt in einem Lieferwagen – riss einen tiefen Krater in den Asphalt, schleuderte Autos auf Häuserdächer, ließ kilometerweit Fenster und Fernsehschirme bersten. Was in dieser Nacht des 12. Oktober 2002 noch mit einem Schlag zerbarst, war der Glaube an Bali, das Paradies. Die Insel der Götter und des Friedens, der tausend Tempel, der Gebetsglöckchen, Räucherstäbchen und geflüsterten Mantras.

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Wo damals das Paddy’s stand, steht heute ein Denkmal, das an den Anschlag erinnert, ein in Stein gehauener Lebensbaum, darunter eine schwarze Marmortafel mit den Namen der 202 Opfer. 88 Australier, 38 Indonesier, dazu Briten, Amerikaner, Deutsche, 22 Nationen insgesamt. Die Häuser rundherum sehen frisch und neu aus – Bars, eine Bank, ein Supermarkt. Die Balinesen haben der Gegend auch einen neuen Namen gegeben: Grensero, so klang es in der Aussprache des Taxifahrers auf dem Weg hierher.

Es ist kein Ort der Andacht, dieses Ground Zero. Die Kreuzung im Zentrum von Kuta war früher eine Partyzone, und sie ist es wieder. Die Straßen sind voll Menschen in der Nacht. Auf den Stufen des Denkmals ruhen sich sonnenverbrannte Australier vom Biertrinken aus, japanische Teenager fotografieren ihre Freunde, mit dem Monument als Hintergrund. Hoch oben auf der Terrasse der Bar Vi Ai Pi spielt eine Band eine indonesische Version von Happy Birthday.

Das Bild von Bali als dem sanften Paradies war ja bereits vor den Anschlägen ein stilisiertes. Es gibt dieses Bali tatsächlich, man kann es finden, doch es gibt auch Kuta hier im Süden der Insel, fest in der Hand des Massentourismus, grell und laut und lustig, aber ebenso genormt, wie es die immer gleichen Fußgängerzonen deutscher Städte sind. Kuta könnte auch Pattaya sein oder Phuket oder Goa. Bars reihen sich an Clubs und Restaurants, saugen in stetem Rhythmus Touristen ein, atmen Nebel und Musik aus. Auf der Straße stauen sich Taxis und Motorroller, dazwischen fliegende Händler mit Bintang-Bier oder Satay-Spießen, andere hoffnungsvolle Kleinunternehmer verkaufen Viagra, Gras und undefinierbare Drogen in Ampullen. Im Sky Garden, einer Diskothek auf vier Etagen, kann man asiatischen Schönheiten, bekleidet mit Fantasie-Uniformen, Netzstrümpfen und russischen Pelzmützen, beim Tanz auf den Tresen zusehen, und vor dem Club 61 Legian jagen Feuerspucker den Passanten Schrecken ein.

Karte Bali
Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Wenn auf Bali ein Kind von einer schweren Krankheit geschlagen ist, dann geben ihm die Eltern einen neuen Namen, um die Dämonen zu verwirren. Die Betreiber des zerbombten Paddy’s scheinen an diese List nicht zu glauben – 50 Meter vom Denkmal entfernt haben sie eine Bar eröffnet, über deren Eingang in roter Leuchtschrift wieder Paddy’s zu lesen steht. Im Erdgeschoss Stroboskoplicht, Discokugeln und junge Frauen auf Kundensuche für Massagen, die nur am Rand mit Wellness zu tun haben. Oben unterm Dach sitzt Wayan Sudarma, der halb taube Ex-DJ, in seinem winzigen Büro. Seinen Job musste er wegen des zerrissenen Trommelfells aufgeben, dafür hat er sich hier im neuen Club zum Manager hochgearbeitet. »Unsere Gäste sind jung, die verbinden mit dem Namen Paddy’s nichts mehr«, sagt er. »Das ist doch ewig her.«

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Die gläubigen Balinesen haben damals in einer komplizierten Zeremonie ganz Ground Zero von bösen Geistern gereinigt, die zerstörten Häuser abgerissen, neue aufgebaut. Die islamistischen Attentäter und Drahtzieher hat man gefasst und die meisten hingerichtet. Der Terror ist weitergezogen. Der Tourismus zurückgekehrt.

Aus den Anschlägen sind Erinnerungen geworden, die man suchen muss. Man kann sie finden auf den Unterarmen eines bulligen Securitymanns vor einem Club, der sein Hemd hochrollt und zehn Jahre alte Brandnarben zeigt. Man kann sie sehen im verstörten Ausdruck des Taxifahrers Ketut, während er erzählt, dass er in dieser Nacht nur deshalb seinen Stammplatz vor dem Paddy’s früher verließ als sonst, weil er sich den Magen verdorben hatte. Man kann sie hören in der sich verdunkelnden Stimme von Mangku Putu, der eine Weile im Sari Club gearbeitet hat, vor dem der Wagen mit der zweiten Bombe parkte. Der nur ein paar alte Kollegen besuchen wollte und sich plötzlich in einem Flammenmeer wiederfand, Verletzte tragend. Heute sitzt er ganz in Weiß gekleidet unter einer mächtigen Birkenfeige im Landesinneren und sagt: »Ich war ein Gigolo damals und ein Trinker. Danach kehrte ich in mein Dorf zurück und wurde Tempeldiener. Kein Alkohol seit zehn Jahren.«

Leserkommentare
    • FM1721
    • 21. Oktober 2012 3:16 Uhr

    Bali ist unheimlich schoen, allerdings muss man von den Touristenorten wie Kuta weit weg um die Schoenheit der Insel der Goetter zu sehen. Die Kuestengebiete, die verbaut und von Touristen ueberlaufen sind, sind schrecklich, aber das Landesinnere ist total aufregend. Hier einige Impressionen: http://www.fm1721.com/exp...

  1. nicht zu glauben...

    Doch, sie glauben! Da das neue "Paddy's" nicht an exakt der ursprünglichen Stelle, sondern auf der anderen Straßenseite neu errichtet wurde, darf es auch seinen alten Namen behalten.

  2. wirf eine Blume zurück. Nimm aber die mit dem schwersten Topf.

    Genau das handhabt der indonesische Präsident:
    Er legt den von KSA finanzierten 'Jihadistensumpf' halbwegs trocken und reduziert die diplomatischen Beziehungen zu KSA auf das Nötigste. Zwielichtige 'Kreditunternehmen' wurden lange vor der Weltwirtschaftskrise geschlossen und die 'Korupsi' auf ein mitteleuropäisches Maß zurecht gestutzt.
    Weiter so, SBY!

    • Bahamut
    • 22. Oktober 2012 12:43 Uhr

    Nein, Ihren Aussagen kann ich ueberhaupt nicht zustimmen.

    Wer Indonesien kennt, weiss dass die Ausage, dass sich das Korruptionsmass auf mitteleuropaeischem Niveau befindet, realitaetsfremd ist.

    Im Corruption Perception Index 2011 befindet sich Indonesien auf Rang 100 (14 Plaetze hinter dem schlechtesten EU-Land Bulgarien), im Bribe Payers Index 2011, in dem nur 28 Laender erfasst sind, liegt Indonesien abgeschlagen an 25. Stelle.

    Es kann daher keine Rede davon sein, dass das indonesische und das mitteleuropaeische Korruptionsniveau vergleichbar sind. Auch sind die Anfangsbemuehungen von SBY in Sachen Korruptionsbekaempfung in seiner zweiten Amtszeit vollkommen erlahmt, so dass hier wohl auch in Zukunft wenig mehr zu erwarten ist.

    • Bahamut
    • 22. Oktober 2012 12:44 Uhr

    Auch Ihre Aussagen zur "Jihadistenbekaempfung" sind reichlich blauaeugig. Zwar konnten bei der Bekaempfung radikaler Gruppen dort gewisse Erfolge erzielt werden, wo diese Terroranschlaege grossen Stils gegen auslaendische Einrichtungen vorbereiteten, die radikalen Gruppierungen haben aber in letzter Zeit ein neues Betaetigungsfeld fuer sich erschlossen.

    In immer staerkerem Umfang gehen diese Gruppierungen unter dem Schutz der sog. Blasphemiegesetze gegen heterodoxe Muslime (ueberwiegend Ahmadiyas und Schiiten), aber auch gegen christliche Sekten vor. Haeufig sind die Strafen fuer Muslime, die heterodoxen Auslegungen des Islams folgen schaerfer als die gegen Gewalttaeter, die diese Menschen mit Leib und Leben bedrohen oder umbringen. Von der gegen die indonesische Verfassung verstossende Einfuehrung der Scharia in Banda Aceh gar nicht zu reden.

    http://www.thejakartapost...

    http://www.thejakartapost...

    http://www.thejakartapost...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Suryo
    • 24. Oktober 2012 12:32 Uhr

    Sehr richtig!
    Nicht zu vergessen ist die widerwärtige FPI, die anscheinend schalten und walten kann, wie sie will. Es wäre im Rahmen der herrschenden gesetze Indonesiens ohne weiteres möglich, jeden dieser weißgekleideten Verbrecher ins Gefängnis zu werfen - leider passiert das nicht. Stattdessen wird man verknackt, wenn man sich gegen die FPI wehrt...und daß der Bürgermeister von Bogor seit Jahren eine Anordnung des Verfassungsgerichtes ignorieren kann, ohne deswegen bestraft zu werden, stimmt jeden sorgenvoll. Hier versagt SBY auf ganzer Linie.

    • Suryo
    • 24. Oktober 2012 12:28 Uhr

    "...Kuta könnte auch Pattaya sein oder Phuket oder Goa."

    Naja. Von Thailand unterscheidet sich Bali durch die sehr, sehr viel geringere Sexindustrie. Es gibt dort keinen Sextourismus wie in Pattaya oder Phuket - zumindest fliegt man als Sextourist nicht dezidiert nach Bali. Und für Drogen, wie in Goa, ist Bali auch nicht der richtige Ort: eigentlich weiß jeder, daß die auf der Straße angebotenen "Drogen" entweder Fälschungen, oder die Dealer Polizeispitzel sind. Kuta würde ich eher mit El Arenal vergleichen - für Australier ist Bali so etwas wie "Malle" hierzulande. Weiter nördlich, in Legian und Seminyak, geht's dann schon eher zu wie auf Ibiza: ein bißchen teurer, sehr viel stylischer, dafür keine halbnackten, besoffenen Aussiegirls.

    • Suryo
    • 24. Oktober 2012 12:32 Uhr
    7. Stimmt

    Sehr richtig!
    Nicht zu vergessen ist die widerwärtige FPI, die anscheinend schalten und walten kann, wie sie will. Es wäre im Rahmen der herrschenden gesetze Indonesiens ohne weiteres möglich, jeden dieser weißgekleideten Verbrecher ins Gefängnis zu werfen - leider passiert das nicht. Stattdessen wird man verknackt, wenn man sich gegen die FPI wehrt...und daß der Bürgermeister von Bogor seit Jahren eine Anordnung des Verfassungsgerichtes ignorieren kann, ohne deswegen bestraft zu werden, stimmt jeden sorgenvoll. Hier versagt SBY auf ganzer Linie.

    Antwort auf "@3. Wenn jemand...(2)"

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