Im deutschen Bundestag gibt es 622 Mitglieder, aber nur einen bekennenden Muslim, Omid Nouripour von den Grünen . Viele seiner Parlamentskollegen hatten bis zum 19. Juli keinen blassen Schimmer von Beschneidung. Sie wussten nicht, dass für vier Millionen Muslime und 110.000 Juden in Deutschland, seien sie nun gläubig oder nicht, Beschneidung kein schrulliger Brauch ist, sondern ein Gesetz, eine innere Verpflichtung. Am achten Tag nach der Geburt muss ein jüdischer Junge beschnitten werden, zur Besiegelung des Bundes mit Gott. Dass Muslime und Juden zu diesem Anlass große Feste feiern, all das war vielen Abgeordneten neu.

Mitte Juli waren sie aus den Ferien zurückgerufen worden, weil sie über Hilfen für Spanien entscheiden mussten. In dieselbe Sitzung hatten die Fraktionsspitzen von Union, FDP und SPD auch die Diskussion über den gemeinsamen Antrag gequetscht, der nach 43 Minuten angenommen wurde: Ein Gesetz solle her, das Beschneidung in Deutschland auch künftig möglich macht, so sie lege artis und ohne zusätzliche Schmerzen durchgeführt wird. Zuvor hatte ein Kölner Landgericht geurteilt, dass Beschneidung als strafbare Körperverletzung behandelt werden sollte. Ärzte und Kliniken hatten sich daraufhin geweigert, den Eingriff weiter vorzunehmen.

Der Beschluss sollte Gewissheit bringen und Ruhe. Aber da ging der Aufruhr um die Beschneidung erst richtig los .

Vielen Abgeordneten sind in der Beschneidungsdebatte Gespenster der Vergangenheit wiederbegegnet, die sie längst verbannt glaubten. Der ganze biografische Reichtum des Bundestags tat sich auf. Plötzlich ging es wieder um alles: Wer sind "wir", und wer sind "die"? Wie viel Gestern steckt in unserer Gegenwart? Was bedeutet uns Religion? Was ist das Wohl eines Kindes ? An diesem Mittwoch hat das Kabinett über die Frage entschieden, bald sind die Parlamentarier dran.

Jörg von Essen ist in der Krisensitzung für die FDP ans Rednerpult gegangen und hat dort leise und eindringlich für das Recht auf Beschneidung geworben. Der Gedanke, dass ein Rabbiner aus Fürth wegen Beschneidung angezeigt wurde, dass Ärzte Angst haben, zu tun, was sie schon 3000-mal ohne negative Folgen getan haben – das hat dem Katholiken und früheren Oberstaatsanwalt keine Ruhe gelassen. "Mein Onkel war Aufseher in Auschwitz . Ich habe ihn immer gehasst. Ich musste keine zwei Sekunden überlegen, wo ich stehe, als ich von dem Kölner Urteil erfuhr." In den Tagen nach seinem Auftritt ereilte ihn aus dem Netz der Shitstorm. Antisemitisches war ebenso darunter wie Affekte gegen die Religion ganz allgemein. Auch sein Parteifreund Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, hatte eine Zeit lang auf seiner Facebook-Seite gepostet: Too stupid to understand science? Try religion!

Die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger , Protestantin, ist zwar Mitglied der religionskritischen Humanistischen Union. Aber sie hat sich sofort auf die Seite der Religionsgemeinschaften geschlagen. Lange bevor ihr Ministerium jetzt nach Wochen einer fast panischen Geheimhaltung den Entwurf zum Beschneidungsgesetz vorlegte , hatte sie Vertretern jüdischer und muslimischer Organisationen nicht nur versichert, dass Beschneidungen auch künftig in Deutschland möglich sein würden. Dem amerikanischen Rabbiner Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Center hat sie schon bei dessen Besuch Ende August das versprochen, worauf es für ihn ankam: dass die Beschneidung im elterlichen Sorgerecht untergebracht werden würde, und nicht im Strafrecht. Und dass sie in Deutschland auch künftig ein Recht sein werde, keine Gnade, die man den Juden gewährt wegen des Holocaust.

Marlene Rupprecht kann mit dieser Lösung absolut nicht leben. Die Kinderbeauftragte der SPD und ehemalige Sonderschullehrerin ist zu einer Galionsfigur der Beschneidungsgegner im Bundestag geworden. "Ich möchte nicht, dass Deutschland in die Geschichte eingeht als das Land, das Körperverletzung an wehrlosen Kindern legalisiert wegen irgendwelcher Bibelstellen und Tausende von Jahren alten Traditionen. Der Respekt vor dem Leben – das ist doch unsere Lektion aus der Nazizeit!", sagt sie. Rupprecht ist 64 und bezeichnet sich als sehr gläubig. "Gott hat uns perfekt gemacht, er will nicht, dass wir da etwas wegschneiden." Speziell die Juden seien doch ein sehr lernfähiges Volk, sie müssten aufpassen, sich nicht in der Diaspora zu sehr zu verhärten und an Bräuchen festzuhalten, die längst überholt seien. Sie wolle da ungern mit Zwang arbeiten; besser wäre, die jüdischen Eltern kämen von selber drauf.

 Wer bestimmt über das Wohl des Kindes?

Nebenan im Abgeordnetenbüro sitzt Rupprechts Tochter Rebekka. Sie ist vor Kurzem aus Israel zurückgekommen von einem Praktikum; es war keine schöne Erfahrung, mehr will sie nicht sagen. Frau Rupprecht würde, wie sie sagt, alles dafür tun, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt. Aber es hat sie geärgert, dass in der deutschen Debatte um die Beschneidung sofort von "jüdischen Kreisen" die "Keule der Shoah und so weiter" ins Spiel gebracht worden sei und dann "alle eingeknickt" seien, auch ihr Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Sie habe tiefsten Respekt vor der jüdischen und der muslimischen Religion in Deutschland. "Aber wir sind kein Gottesstaat. Bei uns gilt das Grundgesetz. Keine Religion steht darüber."

Völlig zerrissen hat die Beschneidungsdebatte die Fraktion der Grünen – kein Wunder: Nirgendwo sonst sind die "Identity Politics" der neunziger Jahre so sehr in politisches Handeln und Buntheit des Personals übersetzt worden. Männer und Frauen, Kinder, Schwule und Lesben, Juden und Muslime – alle haben ein Recht auf Anderssein, wobei das Religiöse nicht besonders heilig ist. In der Beschneidungsdebatte standen sich nun Memet Kilic und Volker Beck gegenüber: Kilic ist Alawit, Beck homosexuell und wie Leutheusser-Schnarrenberger ebenfalls Mitglied der Humanistischen Union.

Kilic erinnert sich mit Grauen an seine eigene Beschneidung im türkischen Malatya. Er war sechs Jahre alt, stand kurz vor der Einschulung. Sein zwölfjähriger Bruder sollte bei der Gelegenheit gleich mit beschnitten werden. Wochenlang erzählten ihnen ältere Kinder, bald würde ihnen der Penis abgeschnitten. Die Beschneidung fand bei beiden ohne Betäubung statt , auf einer riesigen Feier mit Tischfeuerwerk. Die Erwachsenen jubelten laut, um das Geschrei der Kinder zu übertönen. "Nur mein Vater hat den Raum verlassen", erzählt Kilic.

Kilic, integrationspolitischer Sprecher der Grünen, hat zwei Söhne. Er und seine Frau wollten gerade deren Beschneidung planen, als die Nachricht vom Kölner Urteil über den Ticker lief. Der Anwalt Kilic fand das Urteil, dessen Qualität viele Juristen anzweifeln, sehr schlüssig. Wie Marlene Rupprecht ärgert ihn, dass "hier wieder die Holocaust-Keule geschwungen worden ist". Er sieht die Debatte als einen Machtkampf zwischen Religion und säkularem Staat, von dem er hofft, dass der Staat gewinnt. Kilic hat beschlossen, die Entscheidung über die Beschneidung seiner Kinder vorerst aufzuschieben.

Wie ist Volker Beck dazu gekommen, religiöse Menschen zu verteidigen, von denen viele ihm als Schwulem nicht die Hand geben würden? "Ich setze mich nicht für einzelne Menschen ein, sondern für bestimmte Grundrechte. Und da gilt dann eben nicht: Auge um Auge, Zahn um Zahn", sagt Beck, der im Laufe seines politischen Lebens schon einmal sehr viel ungnädiger über Religion gesprochen hat. Viele Männerrechtler, die die Beschneidung mit der weiblichen Genitalverstümmelung gleichsetzen, sind jetzt enttäuscht von dem früheren Schwulenverbandssprecher Volker Beck. "Plötzlich zitiert er die Thora? Ich glaub, ich hör nicht richtig!", sagte ein Männerrechtsaktivist während der Rede des Grünen. Jetzt erst fällt Beck auf, dass viele, auch in seiner Partei, Religion immer schon als übergriffig erleben, erst recht, wenn Eltern sie ihren Kindern weitergeben. Neben Mails, in denen Beck als "Judenknecht" tituliert worden ist, hat er auch welche bekommen, in denen die christliche Taufe als eine Form des Waterboardings bezeichnet und ihre Abschaffung gefordert wurde.

In dieser Debatte, die viele Verlierer kennt, könnte sich einer wie Norbert Geis als Gewinner fühlen. Geis ist CSU-Abgeordneter, 73 Jahre alt und strenggläubiger Katholik; von manchen wird er für den letzten Konservativen seiner Fraktion gehalten.

Geis weiß, dass die Koalition mit Stimmen von SPD und Grünen locker eine Mehrheit erreichen wird. Doch er fühlt sich nicht als Sieger; eher sieht er sich auf verlorenem Posten. Das Kölner Urteil und der überwältigende Zuspruch, den es aus dem Netz erfuhr, ist für ihn ein weiterer Zugriff der kalten Hand des säkularen Staates auf das religiöse Leben der Familie. Das Wohl des Kindes bestimmt für Geis nicht die Gesellschaft, sondern die Eltern. "Wenn wir das nicht achten", sagt Geis, "dann unterscheiden wir uns nicht mehr besonders von einem totalitären Regime." Geis kennt keinen Juden persönlich, aber für ihn als Christen ist das Alte Testament Teil der Offenbarung. Im Gegensatz zu vielen seiner Fraktionskollegen weiß Norbert Geis, welches Fest die Christen am 1. Januar feiern: das Fest der Beschneidung Jesu. Eben ist eine Sonderbriefmarke zu diesem Datum erschienen.