John-Lennon-BuchHalt die Klappe, McCartney

In seinen Briefen, Notizen und Zeichnungen dürfen wir John Lennon noch einmal ganz neu kennenlernen. von 

John Lennon, 1971

John Lennon, 1971  |  © Evening Standard/Getty Images

Neues von John Lennon? Nie vernommene Originaltöne? Tatsächlich, nur dieses Mal in Schriftform. Was Hunter Davis, Beatles-Biograf und -Wegbegleiter, mit The John Lennon Letters aufgetan hat, ist nicht weniger als eine bislang weitgehend unbekannte Schnipselsammlung von restlos allem, was Lennon, dieser Junge aus Liverpool, der Beatle, der Superstar, der Privatmensch, je zu Papier gebracht hat. Jahrelang hat Davis es zusammentragen aus Archiven, Auktionshäusern, Museen, von Fans und Freunden. Das Ergebnis, ein Buch mit abgedruckten Briefen, Zeichnungen und Fotos, liefert mehr, als eine Biografie es je könnte: die direkte Begegnung mit der Person Lennon. Unverstellt schreibt er hier, im ganz eigenen Tonfall, wie ihn wohl jeder Mensch für sich hat, in Nuancen, die, immer neu angeschlagen, am Ende aber doch eine klar erkennbare Linie ergeben – von der ersten Kritzelei unter der Schulbank bis zur letzten Unterschrift.

John Lennons Sound ist impulsiv. Hier schreibt, malt und kritzelt einer, als wäre er selber gespannt darauf, was am Ende auf dem Papier stehen wird. Als wäre jeder Strich, jeder kleine Gruß ein unplanbares Kunstwerk für sich. Ohne Unterlass füllt schon der Schuljunge John, dessen Mutter früh starb, der zu seinem Vater keinen Kontakt hat und der bei Tanten aufwächst, seine Notizbücher. Vielleicht, weil Tante Mimi ihn zum Gitarrespielen immer auf die Terrasse verbannte, gibt John an, Journalist werden zu wollen. »Das Problem mit dem Journalismus ist, dass deine eigenen Sachen inmitten eines Haufens von anderem Blödsinn erscheinen«, erklärt er die Hinwendung zur Musik im Nachhinein. Die Beatles also als Plan B. »Paul hüpft auf meinem Kopf herum (er ist im Stockbett über mir und er schnarcht)...Käpt’n, halt die Klappe, McCartney!«, schreibt John 1962 aus der legendären Anfangszeit im Hamburger Star-Club, die hier eher klingt wie eine ärgerliche Klassenfahrt, da sie dummerweise mit seiner ersten großen Liebe kollidiert. »Ich liebe dich, Cyn Powell«, schreibt John an seine spätere Frau Cynthia, mit großen Herzen am Ende, aber ohne Umschweife: »Ich liebe dich, Cyn Powell, und ich wünschte, ich wäre auf dem Weg zu deiner Wohnung mit der Sonntagszeitung und Schokolade und einem Ständer!«

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Es folgen Jahre der zunehmenden Beatlemania, des Starkults und der Tourneen. »All my love and all my money« unterschreibt er nun, die Ehe erfriert langsam, aus der Ferne. Doch die Letters sind kein Tagebuch. Brüche, Pausen, Temperaturwechsel in Beziehungen geschehen ohne Ankündigung. Plötzlich ist John mit den Beatles in Indien beim Guru; »Es ist eine gute Welt« lautet jetzt seine Unterschrift. Ein erster zaghafter Kontakt zum Vater entsteht. John schreibt ihm ohne Groll, völlig selbstverständlich finanziert er dessen Leben mit einer 19-jährigen Freundin und bedenkt sie nun regelmäßig mit Postkarten. Manisch zeichnet John sich jetzt mit Yoko – vorzugsweise nackt – und gibt in einem Fragebogen des internationalen Who’s Who seine Biografie nur noch mit den Worten »Geboren 1940. Gelebt. Yoko Ono kennengelernt und geheiratet« an. Die Trennung von Cynthia, das Ende der Beatles, sie stehen auf dem Papier im Hintergrund. »KOMM VON DEINER GOLDENEN SCHALLPLATTE RUNTER«, schreit John Paul nur einmal in einem langen Brief an, »Trotz alledem alles Liebe« steht am Ende.

Fotostrecke: Die letzte Beatles-Tour

© Robert Whitaker

Es ist die Zeit der Kämpfe, des Engagements für politisch Inhaftierte, für den Frieden, für die eigene neue Rolle. Zusammen mit Yoko, mit der es im Übrigen keine einzige Korrespondenz gibt, da sie sogar in der kurzen Zeit ihrer Trennung zwanzig Mal am Tag miteinander telefonierten, wird er in New York sesshaft. Gemeinsam geben sie, »Johnundyoko«, 1973 die Gründung von Nutopia, einem Land ohne Staatsgebiet und Grenzen, bekannt, dessen Flagge ein weißes Papiertaschentuch ist. John versucht, wieder ein normales Leben zu führen. »Bin unsichtbar«, antwortet er auf Presseanfragen und kontaktiert endlich wieder die englischen Verwandten. »Hast du dein Gedächtnis verloren? ICH BIN DER MIT DER BRILLE«, schreibt er nach Jahren der Kontaktpause an einen Cousin in England, der ihm vorwarf, sich durch den Ruhm verändert zu haben. »Ich bin immer noch ICH«, verteidigt John sich verzweifelt. Erst mit Baby Sean (»Ein Japanoangloamerikaner! Was für ein Trip!!!!«) kommt allmählich die Ruhe. John beginnt, wieder Gitarre zu spielen. Seiner Cousine Leila, die sich als Ärztin stets um seinen Drogen- und Alkoholkonsum sorgte, versichert er: »Ich bin gesund wie ein Bulle. Ich mache (fast) jeden Tag Yogaübungen. Wetten, dass ich steinalt werde? Ich weiß, das werde ich.«

Was danach folgt, sind nur noch Einkaufszettel. »Knäckebrot mit Kleie« liest man die vertraute Handschrift. Ein maschinengetippter Beschwerdebrief an die Reinigung (»WELCHE ENTSCHULDIGUNG HABEN SIE DAFÜR, DASS SIE MEIN BRANDNEUES WEISSES HEMD GELB GEMACHT HABEN?«) und ein allerletztes Autogramm. Zwanzig Minuten bevor er erschossen wurde, bekam es eine Telefonistin des Tonstudios, in dem John mit Yoko an neuen Songs arbeitete. »Für Ribeah« steht dort, darunter die übliche, die immer gleiche kleine Zeichnung: John, zwei Augen mit Brille. Derselbe wie ganz am Anfang.

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Leserkommentare
  1. John Lennon war als Musiker, Songwriter, Erscheinung, Künstler für mich einer der Größten. Privat vermutlich ein Mensch wie jeder andere. Oder hat sich das genau eben nicht bei ihm machen lassen? Ist er letztlich daran gescheitert, dass er es zwar versucht hat, aber dass das nach seiner Karriere irgendwie unmöglich war? Wie normal kann jemand überhaupt noch sein, der innerhalb weniger Jahre ohne eine intakte Familie gehabt zu haben, vom Rockzipfel seiner Tante weg zu solchen Höhen aufgestiegen ist? John Ikarus Lennon? Jetzt lernen wir Dich endlich kennen...

  2. ...muss ich fast heulen, when ich "Imagine" im Autoradio höre. Seine Hymne an die Utopie ist immer noch so unschuldig rein und schön, dass ihr der ganze Mist nichts anhaben kann, der seitdem passiert ist. Die Welt ist nicht besser geworden. Aber John Lennon hätte sich nie damit abgefunden. Seine Musik hält die Hoffnung am Leben!

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  • Schlagworte John Lennon | Paul McCartney | The Beatles | Musiker | Autobiografie
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