Die Deutschen werden immer älter, sagen uns die Demografen. Zugleich mehren sich die Anzeichen dafür, dass sie immer kindlicher werden. Das ist insofern kein Widerspruch, als Kinder und Rentner manches gemeinsam haben, zum Beispiel die Lektüre. Die Branchenzeitschrift buchreport magazin zählt im Oktoberheft alle Bestseller der Jahre 2002 bis 2012 zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem die Kinder- und Jugendbücher sind, die in den vergangenen zehn Jahren Millionenauflagen erzielten. Die Auflagenhöhe der 25 am besten verkauften belletristischen Titel beträgt 39 Millionen – pro Titel 1,6 Millionen im Schnitt.

An der Spitze steht natürlich die Harry Potter-Serie von Joanne K. Rowling. Unter den 25 Titeln kommt Harry gleich sechsmal vor, dreifach verfolgt von Cornelia Funke und ihren Jugendromanen Tintenherz, Tintenblut und Tintentod. Stephenie Meyer, deren Vampirbücher zwei Plätze einnehmen, beißt ihr in die Ferse. Schließlich kommt Dan Brown mit drei Titeln, und das bestätigt in gewisser Weise die These der Verkindlichung. Das einzige Buch, das einen halbwegs ambitionierten und gebildeten Erwachsenen als Leser voraussetzt, ist Die Vermessung der Welt auf Platz 9. Daniel Kehlmanns Roman ist übrigens nur etwa halb so schwer wie die übrigen Schinken.

Dick und doof? Das nun stimmt nicht, denn Rowling und Funke können schreiben, ihre Bücher haben literarisches Niveau. Aber sie spielen in einer nicht näher bestimmten Zeit, ihr Ort ist eine fantastische, unserem Alltag völlig enthobene Welt. Sie befriedigen die eskapistischen Wünsche von Kindern und offensichtlich auch von Erwachsenen. Aber war das nicht immer ein legitimes Anliegen von Literatur? Begeht nicht der Leser des Zauberbergs, Anna Kareninas oder David Copperfields ebenfalls eine Art Flucht aus seiner Gegenwart? In der Tat, mit dem Unterschied freilich, dass er zum einen aus der wirklichen Menschenwelt nicht entlassen wird, sondern sie am historischen Exempel tiefer durchdringt; und zum andern, dass sein Denk- und Einfühlungsvermögen aufs Höchste, aufs Schönste beansprucht wird.

Es sind fast ausschließlich die großen Verlagskonzerne, die von der Verkindlichung profitieren und sie mit aufwendiger Werbung befördern, allen voran die schwedische Bonnier-Gruppe mit Carlsen und Piper. Jene Verlage jedoch, die den erwachsenen Literaturfreund im Blick haben und ihm Jahr um Jahr das literarisch Wert- und Anspruchsvolle bieten, tauchen auf der Bestsellerliste fast gar nicht auf. Und umgekehrt: Die Konzernverlage sind in den Listen des Deutschen Buchpreises nur schwach vertreten. Hier sind Suhrkamp, Hanser oder C. H. Beck zu Hause – und sogar Kleinverlage wie Jung und Jung, der jetzt zum zweiten Mal den Sieg davonträgt, mit Ursula Krechels Landgericht. 2010 gewann er mit Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji.

Man muss also den Deutschen Buchpreis zumindest deshalb loben, weil er unserer Verkindlichung Einhalt gebietet.