Auch die Innenausstattung des Hotel Paris stammt noch aus dem Eröffnungsjahr 1904. © Hotel Paris/PR

Hier also ist es passiert: Hier haben sie das Kamel geschlachtet. Man fesselte das Kamel, das klar und deutlich blökte: näääh, näääh, was soviel hieß, man solle es nicht töten, doch ein Koch schnitt ihm mit einem Schächtermesser die Gurgel durch, und der Hof war voller Blut.

Kamele sind kluge Tiere mit sanften Augen unter langen Wimpern. Man darf sich also ausmalen, dass das Kamel, als es das Messer an der Gurgel spürte, noch einmal emporsah an dem fünf Stockwerke hohen Haus mit all seinen Erkern und Türmchen und Jugendstildekors. Und hätte es lesen können, das Kamel, dann hätte es die Goldmosaikaufschrift an der Fassade entziffert: »Hotel Paris«.

Hier also, in diesem Prachtbau, der wie ein üppig dekoriertes Tortenstück in der Prager Alststadt thront, spielt er, der verrückte, surreale, komödiantische und traurige Roman Ich habe den englischen König bedient von Bohumil Hrabal. Und auch wenn heute eher amerikanische Reisegruppen im Bus vorfahren, fällt es nicht schwer, sich hier Haile Selassie vorzustellen, den abessinischen Kaiser. Wie er durchs Hotelportal schreitet, samt seiner dreihundertköpfigen Entourage. Wie er Platz nimmt im Restaurant und sich ein abessinisches Festmahl servieren lässt, zu dem auch das Kamel gehört, am Spieß gebraten und gefüllt mit zwei Antilopen, in denen ihrerseits zwanzig Truthähne stecken und in ihnen Fische. Und wie ein kleiner Platzkellner schließlich den wichtigsten Moment seiner Karriere erlebt: Er sieht, dass Haile Selassie keinen Wein mehr im Glas hat. Schenkt ihm ein. Und weiß von diesem Moment an, dass ihn sein Oberkellner Skřivánek nie mehr wird beeindrucken können, mit seinem ewigen »Ich habe den englischen König bedient«.

In Wahrheit ist der abessinische Kaiser natürlich nie im Hotel Paris eingekehrt, er hatte in den dreißiger Jahren, von denen der Roman handelt, andere Sorgen. Ein gefülltes Kamel würde wohl nicht einmal mit Gewalt durch die Schwingtür zwischen Küche und Restaurant passen, und ob das Lokal jemals über Goldbesteck für mehr als 300 Personen verfügte, weiß heute niemand mehr. Und doch ist das 1904 eröffnete Paris das Prager Grandhotel, das die vergangenen 100 Jahre am besten überstanden hat: Hier wird jeder Tourist zum Reisenden alter Schule. Dicke Teppiche entschleunigen seinen Schritt, während er unter goldglänzenden Kronleuchtern durch breite Gänge schreitet. Und sich ein bisschen für seinen praktischen Rollkoffer schämt, der neben den elegant geschwungenen geometrischen Ornamenten im Stile der Wiener Sezession doch recht plump wirkt.

Die Innenausstattung von Antonín Pfeiffer und Jano Köhler ist größtenteils erhalten geblieben und bei der letzten großen Renovierung nur sehr behutsam von der Patina befreit worden. Deckenfriese, Bilderrahmen, Beleuchtungskörper, Tür- und Fensterbeschläge, Geländer und Raumtrenner, fast alles stammt noch aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Nur die Sitzmöbel im Restaurant und im Kaffeehaus sind neu – aus deutscher Produktion, im Stil der Wiener Werkstätte. Das Leder ihrer Bezüge ist wieder perfekt abgestimmt auf die Farben des Wanddekors: lindgrün im Kaffeehaus, dem Café de Paris, bleu im mittlerweile nach der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt benannten Restaurant.

Dort, zwischen Wandspiegeln und blauirisierenden Wandmosaiken, speisen heute wie damals Prager, die es sich leisten können, und Hotelgäste, die daran gedacht haben, rechtzeitig einen Tisch zu reservieren. Und während die Amerikaner am Nebentisch es gar nicht fassen können, dass in Europa Haustiere auf der Speisekarte stehen, Karnickel nämlich, denkt der Hrabal-Leser an den glücklosen Kellner Karel aus dem Roman. 20 volle Teller konnte er gleichzeitig tragen, doch einmal stolperte er, und Fleisch und Soße und am Schluss die Knödel, alles pladderte auf einen Gast herunter. Karel dreht ob dieser Blamage völlig durch und verprügelt zu guter Letzt noch zwei Polizisten.