Ein Herbsttag auf der Halbinsel Kampa © Reuters / Images

Ich glaube, man nennt es Bumerangeffekt, wenn man von einer geheimen Kraft immer wieder an denselben Ort zurückgeworfen wird. Dieser Ort ist in meinem Fall die Kampa, eine Halbinsel am Ufer der Moldau, die durch ein Flüsschen von der Kleinseite abgetrennt wird, dem Teufelsbach, was ein ziemlich dramatischer Name für diesen harmlosen, von kleinen Häuschen gesäumten Mühlbach ist.

Manchmal bin ich schon am Vormittag hier, zum Arbeiten oder um einen klaren Gedanken zu fassen. Dann sitze ich auf einer Bank im Park oder am Ufer und beobachte, wie sich die Nebelschwaden über der Moldau langsam verziehen und die Stadt aus dem Dunst auftaucht. Selbst die Karlsbrücke, an deren südlichem Ende die Kampa liegt, wirkt in solchen Momenten nackt und pur und wunderschön. Ganze Passagen der Ökonomie von Gut und Böse habe ich an ihrem Fuß in mein Telefon getippt.

Ich mag die Jogger, die ab und an durchs Bild laufen, Spaziergänger, singende Vögel. Auf Kampa erkenne ich die Tageszeit an der Farbe der Moldau. Am Morgen ist sie grau-grau, am Mittag grau-blau, am Nachmittag vergoldet die sinkende Sonne den Fluss. Kurz danach verwandeln sich die Cafés auf der bebauten, die Prager sagen steinernen, Seite der Kampa in ernst zu nehmende Kneipen, in denen ernsthafte Menschen ihr Bier trinken, über Gott und die Welt reden und darüber, wie man sie verändern kann. Hier ist das kein Blabla. 

Die tschechische Kneipe ist ein Ort, an dem man Haltung zeigen muss. Wenn man die Zeit hat, zieht man sich vorher noch schnell ein frisches Hemd an. Das war schon im Kommunismus so. In der Kneipe wurde Tacheles geredet, und falls man sich später dafür verantworten musste, konnte man sich immer damit herausreden, ein bisschen zu viel vom guten tschechischen Bier getrunken zu haben. Falls in Prag noch einmal eine Revolution ausbrechen sollte, bin ich davon überzeugt, dass sie ihren Ausgang auf Kampa nehmen wird.

Hier kommt die Stadt zusammen, Studenten, junge Mütter, Künstler, Wissenschaftler, aber auch Leute, die es verstehen, Dinge in die Hand zu nehmen. Vor ein paar Jahren, als die Bush-Regierung in Tschechien einen Raketenabwehrschirm installieren wollte, sind aus Protest dagegen einige Tschechen in Hungerstreik getreten. Wir auf Kampa hielten diese Reaktion für völlig übertrieben – und traten in einen »Fressstreik«. Ein paar Tage lang haben wir im Park kampiert, von früh bis spät gegrillt und so viel gegessen, wie wir konnten. Es war ein großer Spaß. Aber wir machen nicht nur Blödsinn. Vergangenen Dezember haben wir beschlossen, für den verstorbenen Václav Havel auf dem Wenzelsplatz eine Schweigeminute zu organisieren. Wie damals, während der Samtenen Revolution, sollte die Stadt sich dort versammeln, diesmal mit Kerzen in der Hand. Und wir haben das hingekriegt!

Ich bin mir sicher, dass Havel diese Graswurzelaktion gefreut hätte. Er wusste, dass auf Kampa der informelle Treffpunkt seiner größten Fans lag: weltoffene, international denkende Prager, die keine guten Erinnerungen an die alten Zeiten haben und sehr sensibel auf alle Versuche reagieren, die Tschechische Republik wieder abzuriegeln. Deshalb freut es uns so, wenn auch Prag-Besucher den Weg zu uns finden. Sie müssen nur aus dem Touristentreck ausbrechen, hinter der Karlsbrücke links abbiegen, und schon sind sie in unserem Mini-Central-Park, in dem man jetzt noch einen Rest von Indian Summer genießen kann.