City Guide PragAls hätte man auf uns gewartet

In Prag lauert der Zauber hinter jeder Ecke. Eine Tramfahrt vom Hradschin bis in die Bierkaschemme. von 

Was sind das für Menschen, die behaupten, Prag sei die Magie abhandengekommen? Sind sie blind oder blöd oder einfach so verliebt in die alten Schwarz-Weiß-Fotos von der zerbröckelnden Stadt, dass sie gar nicht merken, was da unter den Gerüsten zum Vorschein kam?

Die lebensgroße Steinmutter, die auf einer Säule an der Spálená-Straße mit entblößter Brust ein Still-in veranstaltet, könnte man noch als frivole Entgleisung abtun. Doch was ist mit dem heiligen Hubertus, der drüben auf der Malá Strana, der Kleinseite, so comichaft seinen Hirsch anbetet, dass es schon an Blasphemie grenzt? Mit den Totenköpfen auf dem Jugendstilhaus in Vinohrady, den riesenhaften Stuckbabys, die wohlgenährt auf einem Fassadenvorsprung in der Národní třída herumtanzen?

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Jugendstil, klar, bombastisches Ornament dito, Kafka, Golem, spitze Türme und alte Friedhöfe, das erwartet man von der Stadt, die sich seit Jahren erfolgreich als in Schönheit gestorbene Metropole vermarktet. Doch irgendwie scheint da noch was hinter den prächtigen Fassaden zu lauern, angenehm verrückt, ein leises Augenzwinkern, das einem zu verstehen gibt, dass das alles so ernst nun auch nicht gemeint ist.

Am großen, in Zeiten von easyJet viel zu großen Prager Hauptbahnhof treffe ich Jaroslav Rudiš, den Mitteleuropäer unter den jüngeren Prager Schriftstellern. Er liebt es, in das versunkene Universum Österreich-Ungarns einzutauchen, um zu schauen, was davon heute noch Bestand hat. Vielleicht kann er mir erklären, was mit dieser Stadt los ist? Rudiš schlägt vor, eine Runde mit der Straßenbahn zu fahren.

Er ist ein leidenschaftlicher Nutzer des öffentlichen Personenverkehrs. Die meisten seiner Romane spielen in Bussen und Bahnen. »Meine Welt ist ein riesiges Schienennetzwerk, in dem alles mit allem verbunden ist, obwohl es längst nicht mehr richtig zusammenpasst«, sagt er, während wir unter der Bahnhofsrotunde stehen, die jeder Kirche Ehre machen würden.

Jugendstil klettert die Säulen hinauf, Licht fällt durch schmale Fensterspalten hinab. In dem Lokal an der Stirnseite trifft der Held aus seiner auch auf Deutsch erschienenen Graphic Novel Alois Nebel (Zeichnungen: Jaromir 99) die Liebe seines Lebens. Leider ist es geschlossen. Bewirtschaftungswechsel. Egal, wir wollen sowieso los.


Prag auf einer größeren Karte anzeigen

Zwischen dem Nationaltheater und dem Haus mit den Riesenbabys steigen wir in die Linie 22. Zwischen Hostivař und Bílá Hora, dem ganz neuen und dem ganz alten Prag, verkehren noch immer die alten roten Bahnen aus den sechziger Jahren; die Stadt scheint zu wissen, wie sehr wir Touristen das mögen.

Drinnen zieht Rudiš sich erst mal den Mantel aus. Unter jedem der rot-grauen Schalensitze gibt es eine kleine Heizung, die es nicht kümmert, dass der Sommer zurückgekehrt ist. Über die Moldau schippern noch die letzten Tretboote. Dann taucht die Bahn auch schon ein in das Gassengewirr der Kleinseite. Oft beschrieben, oft verhöhnt, diese Mischung aus Klimbim und Kitsch und Knödeln. Doch als sich dann die zackige Silhouette des Hradschin vorm Horizont aufbaut, versuche auch ich, ein Foto zu machen. Vergeblich. Die größte zusammenhängende Burganlage Europas sprengt jedes Display.

In der ehemaligen Schaltzentrale des Heiligen Römischen Reiches kamen schon andere auf dumme Gedanken. Gold im Reagenzglas züchten, kaiserliche Beamte aus dem Fenster stürzen und so weiter. Der aktuelle Bewohner der Prager Burg, Präsident Klaus, hat nach seinem Einzug erst mal die Europaflagge einholen lassen, um der Welt zu zeigen, dass Brüssel einem Prager Burgherrn gestohlen bleiben kann.

Die letzten Touristen verlassen die Bahn, doch Rudiš und ich wollen weiter hinaus. Nach der nächsten Schleife können wir dem tschechischen Präsidenten fast aufs Dach gucken. Das ganze Ausmaß der goldenen Herrlichkeit wird einem hier erst so richtig klar. Und ein bisschen kann ich verstehen, dass man selbstherrlich wird, wenn man jeden Tag so ein Panorama hat.

City Guide Prag

Hier finden Sie alle Artikel aus dem City Guide Prag:

In Prag wartet der Zauber hinter jeder Ecke – eine Tramfahrt

Tomáš Sedláček über die Halbinsel Kampa

Stammgericht: Smaženka im La Degustation

So schmeckt Prag: Restaurant-Tipps von Michael Allmaier

Nachtleben: Marta Jandová über Pils, Pop und Fettverbrennung

Anbetung: Die Karlsbrücke

Hotel: Im Grand Hotel Paris

Hoteltipps aus der Redaktion

Honigkuchen und Kubismus: Tipps aus der Redaktion und von unseren Lesern

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Rudiš ist da strenger. Wie Tschechen, die sehr jung waren, als die Freiheit kam, ist er noch ein Bewunderer von Václav Havel. Dem, wie er sagt »einzigen Rock ’n’ Roller, der je ein Staatsamt bekleidet hat«. Als Havel Anfang der neunziger Jahre die Rolling Stones zu sich einlud, hatte Rudiš das Gefühl, endlich angeschlossen zu sein an die globale Popkultur, die er so lange nur aus der Ferne beobachtet hatte. In die Keller Prags zogen Clubs und Kneipen, die alten Cafés wurde restauriert. Und wenn man Rudiš so reden hört, bekommt man den Eindruck, als habe die Stadt eine lange, rauschhafte Party gefeiert; die Gäste kamen aus aller Welt, darunter viele Amerikaner. »Weil Prag so schön war, so alt – und so billig.«

Als dann auch noch die Briten Prag für ihre Sauftouren entdeckten, wurde es Rudiš allerdings zu viel. »Ich habe mir oft vorgestellt, dass sich alle ein Stück Prag abschneiden, bis es verschwunden ist.« Er floh nach Berlin, und als er zurückkam, war Prag zu seiner Verwunderung immer noch da – und dabei, seinen Kater auszukurieren. Der Überschwang war verflogen und der Tourismus auch nur ein Wirtschaftszweig neben vielen.

In der 22 ist es inzwischen so still, dass wir automatisch die Stimme senken. Die einzigen Passagiere starren so konzentriert auf ihre Laptops, dass sie gar nicht mitbekommen, wie grün Prag von hier an wird, wie großzügig. Die Villen von Střešovice rauschen vorbei, schließlich Dörfer. An der Endstation Bílá Hora hört man nur das Klappern einer Heckenschere.

Wir schauen auf Felder, dahinter ein Tal, Plattenbauten, Firmenzentralen. Eine Gewitterwolke schiebt sich ins Bild, und auf dem Rückweg passiert das, wovor ich mich schon die ganze Zeit gefürchtet habe: Plötzlich wirkt die Stadt düster und, ich traue mich nicht, es laut zu sagen, ein wenig kafkaesk. So enge Gassen, so viele Türme, Schatten. Wenig später stehen wir vor einem grauen Eckhaus in der Innenstadt. Die Fenster sind mit bunten Folien verklebt. Dahinter, sagt Rudiš, habe einmal das berühmte Café Arco gelegen. Alle seien sie hier gewesen, Kisch, Werfel, Max Brod und natürlich Kafka, einer von Rudiš’ »absoluten Lieblingen«.

Als die Tür sich öffnet, schlüpfen wir hinein und stehen, ja, wo eigentlich? »In einer Kantine der Prager Polizei.« Wie bitte? Dunkles Holz an den Wänden, weißes Tuch auf den Tischen. An der Essensausgabe laden sich trainierte junge Männer die Teller voll und tragen sie zur Kasse.

Leserkommentare
  1. ...die ich bisher über Prag gelesen habe, preiswürdig.

    • Glik
    • 25. Oktober 2012 12:46 Uhr

    ich hier schon etliche Kommentare gelesen habe, die sich über den Begriff 'city guide' mokierten ... geändert wird daran wohl nichts.
    Verehrte ZEIT-Redaktion: Es ist und bleibt peinlicher Dummsprech, der nicht dazu anregt, solche Artikel zu lesen - da mögen sie noch so gut sein.

    Aber das ist er nicht.
    Erinnert eher an die endlos langweiligen Waldszenenbeschreibungen eines Adalbert Stifter. Ein Artikel, der einen nach der Lektüre fragen lässt: Worum gehts da eigentlich? Was soll ich mit den öden Szenebeschreibungen mit irgendwelchen Leuten?

    Einen 'Städteführer' stell ich mir jedenfalls anders vor. Ganz anders.

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    ich liebe Prag und finde vieles in Ihren Zeilen wieder. Ein gut gezeichnetes Bild von dieser schönen Stadt.

    Lieber Glik: "Cityguide" ist ein mittlerweile in den deutschen Sprachgebrauch übergegangenes Lehnwort und zumindest mir persönlich wesentlich eingängiger als zum Beispiel das Wort "Dummsprech". Wenn Sie lieber "Städteführer" benutzen, tun Sie es bitte einfach, aber halten Sie sich nicht damit auf, solche Oberflächlichkeiten zu thematisieren - wie man es nennt, ist doch letztendlich relativ egal...

  2. ich liebe Prag und finde vieles in Ihren Zeilen wieder. Ein gut gezeichnetes Bild von dieser schönen Stadt.

    Lieber Glik: "Cityguide" ist ein mittlerweile in den deutschen Sprachgebrauch übergegangenes Lehnwort und zumindest mir persönlich wesentlich eingängiger als zum Beispiel das Wort "Dummsprech". Wenn Sie lieber "Städteführer" benutzen, tun Sie es bitte einfach, aber halten Sie sich nicht damit auf, solche Oberflächlichkeiten zu thematisieren - wie man es nennt, ist doch letztendlich relativ egal...

    Antwort auf "obwohl ...."
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    • Varech
    • 05. Februar 2013 6:43 Uhr

    Engl. hat das Wort "city" ein recht weites Bedeutungsfeld von "a large settlement, bigger than a town" bis "central business district, downtown".
    Da wären wir mit einem Stadtführer, auch für Deutsche, doch eindeutig verständlicher bedient.
    Wenn Ihnen "Neusprech" nicht gefällt, schlage ich "Trendgelaber" vor.
    Schön ist es natürlich, auf den Gesichtern ausländischer Besucher immer wieder mal ein Lächeln zu sehen.

    • Bastie
    • 30. Oktober 2012 9:44 Uhr

    "Zwischen Hostivař und Bílá Hora, dem ganz neuen und dem ganz alten Prag, verkehren noch immer die alten roten Bahnen aus den sechziger Jahren; die Stadt scheint zu wissen, wie sehr wir Touristen das mögen."

    Weder Hostivar noch Bila Hora gehören zum alten Prag und die Trams werden (leider) zunehmend durch modernere ersetzt.

    Ich weiß auch nicht, wie sie vom Namesti Miru stets bergauf laufen, wenn sie zum "u vystrelenyho oka" gehen. Eigentlich liegt das tiefer. Und wenn ihr Freund Ihnen empfohlen hat, bis zum Namestin Miru zurückzulaufen um zur Kleinseite rüberzufahren - Sie dürften diverse Tramstrecken (die sämtlich auch zur Kleinseite führen) bemerkt haben, die Sie auf ihrem halbstündigen Weg zum Namesti Miru kreuzen mussten - dann dürfte sein Geschenk wohl folgende Platte gewesen sein. Klingt ja auch fast wie Halleluja:

    http://www.youtube.com/wa...

    • Zack34
    • 30. Oktober 2012 10:30 Uhr
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    • Bastie
    • 30. Oktober 2012 16:57 Uhr

    Vor allem, um da dann ein 90€ Menü zu essen, dass mit smazenka beginnt.. Wenn ich nächstes Mal in Berlin bin gehe ich auch ins Four Seasons um mir ne Hackepeterstulle für 35€ reinzuziehen.

    So sieht Authentizität aus!

  3. 6. @ Glik

    Der vergleich mit Stifter hat was.

    In diesem Artikel wird eine Romantik versprochen die es so keinesfalls gibt.
    Im September für ein paar Tage Gast in dieser Stadt, war ich "entsetzt", dass die Geschäfte dort selbst am Sonntag schon um 23.00 Uhr schließen, obwohl sie erst ab 08.00 Uhr öffnen. Wer vom Hradschin über die Karlsbrücke zum Wenzelsplatz läuft kann in Augenschein nehmen, wie zumindest Prag sein kulturelles Erbe auf dem Altar des Konsums opfert. Da brauchts weder Wenzel, Rudolf noch Kafka.

    • Bastie
    • 30. Oktober 2012 16:57 Uhr

    Vor allem, um da dann ein 90€ Menü zu essen, dass mit smazenka beginnt.. Wenn ich nächstes Mal in Berlin bin gehe ich auch ins Four Seasons um mir ne Hackepeterstulle für 35€ reinzuziehen.

    So sieht Authentizität aus!

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    • Zack34
    • 30. Oktober 2012 19:45 Uhr
    Antwort auf "Smazenka"

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