Designer Mark RolstonTschüs, Handy! Hallo, Lampe!

Der Stardesigner Mark Rolston glaubt, dass Computer bald nicht mehr sichtbar sind. von 

Da sitzt man also an einem sonnigen Nachmittag, mitten im Computerzeitalter, in einem Konferenzraum. Draußen rauschen auf der Münchner Leopoldstraße Autos vorbei, drinnen projiziert ein Rechner Bilder an die Wand, auf dem Konferenztisch liegen Smartphones, die ab und zu summen. Und dann sitzt da der Interviewpartner, Mark Rolston, mit seinem Dreitagebart und langen blonden Haarsträhnen, die er sich ins Gesicht gekämmt hat, und sagt, dass dieser ganze Technikkrempel demnächst verschwinden werde. Vielleicht noch fünf, zehn Jahre. Dann sei Schluss damit.

»Computer werden nicht mehr etwas sein, das wir benutzen«, sagt er, »sie werden etwas sein, worin wir leben.«

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Nun kann ja jeder kommen und kühne Sprüche in die Welt hinausposaunen. Aber Rolston ist einer, der zum Computerzeitalter und der Zukunft recht kompetent Auskunft geben kann. Der Mann ist Kreativchef bei frog, einer der führenden Designschmieden der Welt, die ihren Hauptsitz in San Francisco hat und weltweit gut 1.100 Mitarbeiter beschäftigt. Frog hat schon das Snow White Design für Apple entworfen, die Trinitron-Optik für Sony, Gestensteuerungen für die Kinect-Spielkonsole von Microsoft. Klangvolle Namen der Industrie – Ford, Disney, HP, Yahoo!, Logitech, Lufthansa – haben von Rolston und seinen Kollegen ihre Produkte gestalten lassen.

Er legt ein Handy auf die Tischplatte. Der Hersteller ist nicht entscheidend. Rolston schubst das Handy in die Mitte des Tisches. 

Mark Rolston: Das hier ist ein Computer, den wir gerade entworfen haben. Ein Smartphone. Da steckt so viel drin! Alle Magie des Computerzeitalters ist in eine Box gebaut: Computerleistung, Bildschirmdarstellung, Speicherplatz. Es ist ein Gerät, das seinem Besitzer Macht überträgt...

DIE ZEIT: Eben, und das wollen Sie abschaffen?

Rolston: ... doch in der nahen Zukunft werden wir ganz ohne dieses Gerät auskommen können. Alles, was es vermag, all die Macht, die es seinem Besitzer verleiht, wird diesem trotzdem zur Verfügung stehen. Sie wird aber einfach Teil der Umwelt sein.

ZEIT: In der Google-Chefetage laufen zurzeit ja Leute herum und probieren Project Glass aus, eine Art Brille, die das Gesichtsfeld mit zusätzlichen Informationen aus dem Internet anreichert. Da schaut man dann wie der in Robocop auf die Wirklichkeit. Meinen Sie so was?

Rolston: Nein, das ist höchstens ein Zwischenschritt, die Brille ist ja immer noch ein Gerät. Wir wollen hingegen zu einer Umwelt zurückkehren, die nicht mehr so wirkt, als sei sie vollgestopft mit Maschinen – auch wenn sie es in Wirklichkeit sein mag.

ZEIT: Ein Industriedesigner will erzählen, dass die ganzen Geräte weg sollen?

Rolston: Dann lassen Sie es mich erklären.

Ein Zimmer in Austin, Texas. Ein Schreibtisch, ein paar Lampen. Das sieht man auf dem Filmchen, das Rolston gerade abspielt, aufgenommen in seinem Versuchslabor. Dann kommt ein Mitarbeiter zur Tür herein. Es ist Jared Ficklin, ein Programmierer mit langen Haaren und einem grünen Karohemd. »Einschalten!«, sagt Jared und deutet auf eine Lampe in der Ecke. Das Licht geht an. »Einschalten!«, sagt er und deutet auf eine andere Lampe, auch die geht an. Jared führt noch andere Kunststückchen vor. Er lässt Kalenderdaten auf seinen Schreibtisch projizieren, indem er sagt: »Zeig mir meine Termine!« Er bestellt eine Pizza durch bloßes Reden, das Pizzamenü wird wie von Zauberhand auf seinem Schreibtisch eingeblendet, er deutet auf seine Lieblingspizza und wählt sie aus. Am Ende sagt Jared »good-bye«, und alle Lichter gehen aus.

Rolston: Was Sie da sehen, ist keine Hightech. Wir haben einfach Sprachkontrollen mit Gestenkontrollen kombiniert, und plötzlich fühlt sich die Interaktion mit dem unsichtbaren Computer sehr natürlich an. Der Raum der Zukunft wird eine ganze Menge Informationen zusammenführen: Kontext, Gesten- und Stimmkontrollen. Er wird verstehen, was vor sich geht. Ich glaube weniger an verrückte Brillen, die uns Bilder einblenden, als an eine Zukunft in solchen Räumen. Das wird sehr bald kommen.

ZEIT: Sicher?

Rolston: Ja! Ich bin sicher! Wir haben es mit etlichen sehr großen Firmen zu tun. Viele unserer Kunden sind genau daran interessiert.

ZEIT: Aber erst mal ist die Sache auch ein wenig unheimlich. So ein Smartphone ist wenigstens kleiner als ich. Ich kann es in die Tasche stecken und ausschalten. Aber so ein Raum?

Rolston: Stimmt, die Kontrollfrage ist einer der faszinierendsten Punkte. Die Analogie zum Smartphone ist für mich, wie früher ein König an die Macht kam. Zuerst wurde er der Anführer, indem er eine Waffe schwang, sie konnte Menschen töten. Doch später benutzte der König das Schwert nur noch als Symbol, am Ende bloß noch ein Zepter. Das war rein repräsentativ, ein Zepter kann gar nichts mehr. Das wird auch der Gang der Geräte sein: Sie werden vor allem repräsentativ sein, emotional zufriedenstellend.

ZEIT: Wir werden Handys mit uns herumtragen, die nur noch symbolisch sind, die die unsichtbaren Computer um uns herum steuern?

Rolston: Vielleicht. Aber ein Smartphone muss ich immer noch zur Hand nehmen und etwas eintippen. Das reißt mich aus dem Moment heraus. Wir wollen, dass die Interaktion eins wird mit den Handlungen im realen Leben. Das ist das Designziel.

Leserkommentare
    • Flari
    • 18. Oktober 2012 12:24 Uhr

    Ich sehe da nichts Visionenhaftes.
    An der immer besseren Sprach-, Gesten-, Gesichtserkennung, etc. arbeitet man seit vielen Jahren.
    Unsichtbare Lichtschalter mit Spracherkennung gabs auch schon vor 10 Jahren.
    Das man in den eigenen vier Wänden immer mehr aus allen Räumen und auch über das Internet steuern kann, ist auch schon lange im Trend.
    Völlig logisch, wird immer mehr miteinander vernetzt.

    Auf der Strasse möchte ich aber ungern von sich neigende Laternen verfolgt werden, die dann auch noch ihre Richtmikrophone auf mich einstellen.

    In einem Konferenzraum habe ich meine eigenen "Notizen über den Cheffe" und andere Dateien ungern auf der Firmenfestplatte oder aus der Cloud plötzlich auf der Videotapete für alle sichtbar, weil ich eine unbedchte Geste geacht habe..

    Also brauch ich dennoch Smartphone, Tablet, o.ä.

    • Uwe1108
    • 18. Oktober 2012 12:31 Uhr

    Diese ganzen Visionen gehen doch offensichtlich davon aus, dass Energie weiterhin in rauhen Mengen billig zur Verfügung steht. Da wäre ich mir nicht so sicher. Auf jeden Fall sollte man sich den Alltag so einrichten, dass man die Dinge auch noch manuell regeln kann. Was nützt es mir, dass ich nachdem aktuellen technischen Stand meine Haustür mit dem Smartphone kann, jedoch bei Stromausfall nicht mehr in die Wohnung komme.

  1. Die Form der natürlichen Maschineninteraktion finde ich eine schöne Idee. Das analytische Erkennen der Umgebung durch global vernetzte Systeme birgt jedoch Gefahren.

    Harmlos:
    Kaffewerbung auf den Frühstückstisch projiziert (Internetanschluss ist dann billiger).

    Brisanter: In Rußland oder China... also, ..

    Oder so:
    Anonymous hat die Küche gehacked. Kein Licht, kein Kaffee. Der Kühlschrank ist abgetaut und hat mich ausgelacht, als ich ihn geöffnet habe.

    • Olivar
    • 18. Oktober 2012 13:59 Uhr

    Der Mann lebt in einer Scheinwelt. Was er da prophezeit, werden sich höchstens ein paar Prozent der Menschheit leisten können. Die anderen werden Probleme mit der Offline-Welt haben. Bitte mal Zeitung lesen, Herr Stardesigner.

  2. ..sehen will. Das fängt schon bei der Haustür an die plötzlich den Schlüssel nicht mehr anerkennt an und endet bei Kühlschrank der mir erklärt mein Cholesterinspiegel wäre zu hoch und es gäbe heute nur Grünzeug noch lange nicht auf.

    Natürlich werden immer mehr Dinge vernetzt werden, das ist keinen Frage, aber ich freu mich schon darauf wenn man sich bei einem Haus erst per Stimmprobe anmelden muss bevor man die Lichter angeschaltet bekommt. Witzig.

    • JK68
    • 18. Oktober 2012 17:08 Uhr

    Also ehrlich gesagt mag ich mir diese Art der Computer Mensch Interaktion lieber vorstellen als die Google Brille oder andere Cyborg-artigen Anpassungen (z.B. Ohrclip anstatt Mobiltelefon)
    Ich denke aber nicht, dass es eine Entweder-Oder-Situation geben wird. Wie schon andere Kommentatoren geschrieben haben, es gibt bereits viele Ansätze solcher Technologien, vieles ist relativ einfach umsetzbar. Auf der anderen Seite bin ich bei Sprachsteuerung immer ein bisschen skeptisch. Ein U-Bahn Abteil voll mit iPhone Besitzern, die auf Siri einreden, um etwas bestimmtes zu suchen oder herauszufinden kann ich mir schlecht vorstellen. Da tippt man die Suchanfrage doch lieber über die Tastatur ein. Ich hab eine Sprachsteuerung auf meinem Mobile ausprobiert aber nur im Auto und alleine. Was dabei herauskam, hat mich erst zum Lachen und dann zum Fluchen gebracht, habs dann aufgegeben (es war nicht Siri ;-) Jedenfalls würde ich nicht unbedingt meine Kommunikation mit dem Computer mit allen Mitmenschen teilen, es ist einfach auch oft Privatsphäre. Ich denke nichts wird sich in Zukunft ausschliessen, sowohl das individuelle Gerät mitgenommen als auch eine Art Rauminteraktion bei der Arbeit oder auch zu Hause sind durchaus denkbar und eben auch verknuepfbar. Ich bin gespannt. Die Pixarschreibtischlampe werde ich mir gleich besorgen ;-)

  3. mit meiner Schreibtischlampe reden mächte, frage ich die Jungs hinter'm Hauptbahnhof nach den Pillen mit dem Grinsegesicht...

    Und auch in 20 Jahren werde ich bei'm nachhausekommen den dann fast 50 Jahre alten Bakelitschalter betätigen und mich wie immer an dem lauten klacken erfreuen!
    Nur meine Glühbirnenvorräte werden dann vermutlich aufgebraucht sein...

    • netman
    • 18. Oktober 2012 23:32 Uhr

    Eine Vision die den logischen Verlauf des technischen Fortschritts spiegelt. Die Wirtschaft ist eine enorme Bremse der Entwicklung des Menschen. Man würde schon längst auf spirituellen Wegen sein, wenn nicht die Gier nach Geld in unserer Gesellschaft so tief verankert wäre. Fortschritt bedeutet aus meiner Sicht etwas anderes, als die Erweiterung von Technologie

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