Klarer denkenMachen Sie’s wie Michelangelo

Alles hat seine Zeit. Und so ist es auch mit dieser Kolumne. Der heutige Text bildet den Abschluss einer über zweijährigen Odyssee durch die gefährlichsten Denkfallen. Warum jetzt? Weil es nur etwa hundert systematische Denkfehler gibt. Mehr sind es zum Glück nicht. Und wenn es nichts mehr zu sagen gibt, soll man schweigen. Die folgende Geschichte könnte als Fazit über der ganzen Serie stehen. Der Papst fragte Michelangelo: »Verraten Sie mir das Geheimnis Ihres Genies. Wie haben Sie die Statue Davids erschaffen – dieses Meisterwerk aller Meisterwerke?« Michelangelos Antwort: »Ganz einfach. Ich entfernte alles, was nicht David ist.«

Seien wir ehrlich. Wir wissen nicht mit Sicherheit, was uns erfolgreich macht. Wir wissen nicht mit Sicherheit, was uns glücklich macht. Es gibt Hunderte von Tipps und Tausende von Büchern darüber. Welche dieser Ratschläge funktionieren wirklich? Andererseits wissen wir mit Sicherheit, was Erfolg zerstört oder uns unglücklich macht. Diese Erkenntnis, so einfach sie daherkommt, ist fundamental: Negatives Wissen (etwas nicht tun) ist viel wertvoller als positives.

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Klarer zu denken und klüger zu handeln bedeutet, wie Michelangelo vorzugehen: Konzentrieren Sie sich nicht auf David, sondern auf alles, was nicht David ist, und räumen Sie es weg. In unserem Fall: Entfernen Sie alle Denkfehler, und ein besseres Handeln wird sich von alleine einstellen.

Die Griechen, Römer und mittelalterlichen Denker hatten einen Namen für diese Art des Denkens: Via Negativa. Wörtlich: der negative Weg, der Weg des Verzichts, des Weglassens, des Reduzierens. Es war die Theologie, die als Erste die Via Negativa beschritt: Man kann nicht sagen, was Gott ist, man kann nur sagen, was Gott nicht ist, und sich ihm auf diese Weise nähern. Auf die heutige Zeit angewandt: Man kann nicht sagen, was uns erfolgreich macht. Man kann nur sagen, was Erfolg verhindert und Glückseligkeit zerstört.

Mir hat der Gründer des Diogenes Verlages, der große Daniel Keel, vor vielen Jahren mal den Sinn des Lebens erklärt. Er spannte seine Arme weit auf und sagte: »Meine linke Hand ist die Geburt, meine rechte der Tod, und dazwischen liegen all die Dummheiten.« Dazu schmunzelte er.

Seit ich begonnen habe, Denkfehler zu sammeln und zu beschreiben, werde ich oft gefragt: »Herr Dobelli, wie schaffen Sie es, ohne Denkfehler zu leben?« Antwort: Ich schaffe es nicht. Genau genommen, versuche ich es gar nicht. Denkfehler zu umgehen ist mit Aufwand verbunden. Ich habe mir die folgende Regel gesetzt: In Situationen, deren mögliche Konsequenzen groß sind, versuche ich diese mit allen Mitteln zu umgehen. In Situationen, deren Konsequenzen klein sind (»Mit oder ohne Kohlensäure?«), verzichte ich aufs Optimieren und lasse mich vom Gefühl tragen. Große Dummheiten versuche ich zu umschiffen – was mir nicht immer gelingt –, von den kleinen lasse ich mich gern ein wenig durchschütteln.

Mein Wunsch am Ende all dieser Kolumnen ist ein ganz einfacher: Wenn es uns allen gelänge, die wichtigsten Denkfehler um wenige Prozentpunkte zu reduzieren – sei es im Privatleben, im Beruf und im politischen Entscheidungsprozess –, resultierte ein Sprung an Wohlstand. Kurzum: Wir brauchen keine zusätzliche Schlauheit, keine neuen Ideen, keine Hyperaktivität, keine neuen Smartphone-Funktionen, wir brauchen nur weniger Fehler. Der Weg zum Besseren führt über die Via Negativa. Michelangelo hatte dies erkannt und vor ihm schon Aristoteles: »Das Ziel des Weisen ist nicht Glück zu erlangen, sondern Unglück zu vermeiden.« Jetzt ist es an Ihnen, sich in die Schar der Weisen einzureihen!

Für mich bedeutet das Ende dieser Kolumne eine kreative Pause. Ich werde mich zurückziehen und viel Zeit meinen Büchern widmen, die sich meterhoch angesammelt haben. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns im nächsten Jahr wieder an dieser Stelle – vorausgesetzt, es gibt wirklich etwas zu berichten. Ich danke Giovanni di Lorenzo und Moritz Müller-Wirth, die mir hier Raum für meine Ideen gegeben haben. Ich danke der erstklassigen Redaktion der ZEIT für die liebevolle Betreuung. Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben diese Kolumne über eine lange Zeit begleitet. Dafür möchte ich mich bei Ihnen herzlich bedanken. Adieu.

Die ZEIT-Kolumnen von Rolf Dobelli sind jetzt in zwei Bänden im Buchhandel erhältlich: »Die Kunst des klaren Denkens« und »Die Kunst des klugen Handelns«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 11.10.2012 Nr. 42
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