Familie und BerufVon wegen Vereinbarkeit

Ehe und Familie werden dem Arbeitsleben untergeordnet, und alle finden es modern – warum nur? von Norbert Blüm

Familie und Beruf sollen also vereinbar sein, und die Politik soll es richten. Niemand in Deutschland würde dem widersprechen. Dass es diese Vereinbarkeit dennoch nicht gibt, dafür sind schnell Schuldige gefunden: Väter, die keine Familienarbeit leisten. Betriebe, die keine familienfreundlichen Arbeitsverhältnisse wie Teilzeitjobs anbieten. Der Staat, der Betreuungsangebote nicht flächendeckend bereitstellt.

Aber wollen wir überhaupt die perfekte Vereinbarkeit? Und um welchen Preis? Die moderne Familie konnte entstehen, weil die private und die ökonomische Sphäre getrennt waren. Die moderne Familie ist nicht wie in Agrarzeiten Wohn- und Arbeitsstätte zugleich. Betrieb und Familie sind getrennt; und die Familienpolitik zielte darauf ab, die Intimität von Eltern und Kindern zu schützen. Darum ging es, als sich die Familie endlich von der Arbeitswelt emanzipierte. Vereinbarkeit mit dem Beruf stand nicht auf dem Zettel. Im Gegenteil: Durch Kindergeld und Freibeträge sollte die Unabhängigkeit der Familie gegenüber der Wirtschaft gestärkt werden. Kinder kosten viel Geld, und deshalb sollten die Belastungen der Familie gegenüber Kinderlosen ausgeglichen werden.

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Familienarbeit und Erwerbsarbeit folgen unterschiedlichen Lebensmaximen. Wer nicht versteht, dass Arbeit nie Selbstzweck, sondern dass Arbeiten mit und für andere die ursprüngliche Konstante unserer Menschwerdung ist, wird Familienarbeit nicht zu würdigen wissen. Die Familie folgt ihrem eigenen Sinn des Füreinander, der nicht vereinbar ist mit dem Konkurrenzprinzip. Diese Eigenständigkeit der Familie muss verteidigt werden, wenn wir der totalen Verwirtschaftung des Lebens entgehen wollen.

Norbert Blüm

ist 77 Jahre alt und seit 1950 Mitglied der CDU. Von 1982 bis 1998 war er Arbeits- und Sozial minister in der schwarz-gelben Koalition unter Helmut Kohl.

Doch die Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf drohen die Familie sanft, aber bestimmt unter die Knute der Erwerbsgesellschaft zu stellen. Beide Ehepartner sollen in Lohnarbeit stehen. Der Störfaktor Kind soll möglichst früh der staatlichen Erziehungsarbeit übergeben werden. An die Stelle der Amateure »Mama und Papa« tritt eine professionalisierte Elternschaft namens »Schule«. Die Arbeit der Mütter wird erst dann anerkannt, wenn sie fremden Kindern gilt; das ist das System »Tagesmutter«. Wir könnten die Abschaffung der Elternschaft konsequenterweise bis hin zum staatlichen Brutkasten betreiben. Dann würden auch Schwangerschaft und Mutterschutz die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht länger stören.

Die Erwerbsgesellschaft ist imperialistisch und schickt sich an, die Familie zu erobern. Mit dem Programm Kinderhort, Kindertagesstätte, Kindergarten, Ganztagsschule, Ferienbetreuung ist die Kindheit nahezu vollkommen verstaatlicht. Nur noch die Schlafzeit ist fest in Händen der Familie. Wahrscheinlich kommt der aufgeregte Eifer der Schulreformen erst dann zur Ruhe, wenn das ganze Leben – von der Wiege bis zur Rente – in ein staatliches Rundum-Internat gezwängt ist.

Und so löst sich die Familie immer weiter auf. Jedes achte Ehepaar in Deutschland lebt in einer Fernbeziehung. Liebe wird zu Telepathie. Es geht von der Sesshaftigkeit, die wir uns über Jahrtausende mühsam angewöhnt hatten, wieder zurück zum Nomadentum. Mit Greencard sogar global. Die Ehe folgt der Platzanweisung, die ihr die Wirtschaft setzt. Flexibel und mobil, am besten auf Abruf, befristet, ausgeliehen arbeitet der moderne Jobhopper. Beide Ehepartner sollen jeweils dort leben, wo sie eine Anstellung finden. So werden Trennwände zwischen Familie und Erwerbsarbeit eingerissen.

Der moderne Arbeitnehmer ist mit Handy am Gürtel und Computer auf dem Nachttisch immer im Dienst. Feierabend und Familie sind Nostalgie.

Leserkommentare
  1. ...er greift einiges Bedenkenswertes auf.

  2. Dieser Artikel zeigt, der Blick auf das Ganze kann helfen, Irrtümer, Missverständnisse zu vermeiden. Danke Herr Blüm.

  3. Vielen Dank für Ihre Zeilen und die kritischen Töne rund um das Familien in der heutigen Zeit. Letztlich ist der Tenor Ihres Artikels ein stummer Schrei in der heutigen lauten Welt.

    Privatoasen und Entschleunigungsinseln sind selten geworden: Familien bleibt nichts anderes übrig als mit der Zeit zu laufen, sonst werden sie überrannt...und das tut weh.

    Also, wachen Sie auf und arrangieren sie sich mit der Realität der Y-Generation und Digital Natives - Immer und überall wach zu sein, denn wir könnten ja was verpassen oder schlimmer: Uns könnte jemand überholen.

    VG
    zukunftsmusik

    • ludna
    • 20. Oktober 2012 14:46 Uhr

    danke Herr Blühm.
    Nur fürchte ich, der Zug ist erst mal abgefahren, bis er mal wieder an die Wand fährt.

    • ad hoc
    • 20. Oktober 2012 15:12 Uhr

    Über all diese Aspekte denke ich auch des öfteren nach.
    Es bedrückt mich.
    Es tut mir leid für meine gerade erwachsenen Kinder, die - soviel weiss ich sicher aus unseren Diskussionen zum Thema - diese Entwicklung für sich auch nicht wünschen.

    Aber ich fürchte der Forist ludna hat Recht, Zitat: "Nur fürchte ich, der Zug ist erst mal abgefahren, bis er mal wieder an die Wand fährt." Zitat Ende.

  4. Bisschen viel Inhalt für zwei Seiten. "Liebe wird zu Telepathie" ist aber trotzdem ein sehr schöner Satz.

    • Wombel
    • 20. Oktober 2012 15:17 Uhr

    wie immer richtig erkannt, und verständlich geäußert, leider wird wieder niemand zuhören wollen. Und Ihre CDU stiehlt grade den Rentner die Möglichkeit ihre letzten Jahre nach ihrem Arbeitsleben würdevoll mit ihren Enkeln verbringen zu dürfen indem sie durch Armut zur Arbeit bis zum Tot gezwungen werden.

  5. Lieber Herr Blüm,
    wo war der Schnitt, der Sie und Ihre Mit-Querdenker vom Großteil der CDU abknipste? Bitte nehmen Sie wieder aktiv Einfluss auf die aktuell agierende und die noch lernende Führungsrige. Mischen Sie sich noch stärker ein und bilden Sie Denk-Fabriken, denn Menschen mit Lebenserfahrung (Sie sind mit Ihrer Vita heute da vielen Politikern weit voraus!!) müssen sich Gehör verschaffen.
    Herzlich "Gut Pfad!"

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