Ein Auszug aus der Rede anlässlich der Verleihung des Petrarca-Preises an den französischen Soziologen Luc Boltanski, der mit seinem Buch »Der neue Geist des Kapitalismus« (zusammen mit Ève Chiapello) international bekannt wurde (Universitätsverlag Konstanz)

In Europa kommt ein antidemokratisch gefärbter Nationalismus auf, der auch Frankreich nicht ausspart. Begleitet wird er von einer Kritik an den heutigen Demokratien, die angeblich zu lasch seien, namentlich im Umgang mit Ausländern; außerdem von einer moralistischen Verhärtung, dem Ruf nach der Rückkehr zu den »wahren« und vorgeblich traditionellen Werten, und schließlich vom Beharren darauf, dass Grenzen gezogen werden müssen: zwischen Geschlechtern, Staaten, Gesellschaftsklassen.

Die Wortführer dieser Tendenzen prangern mit gleicher Verve die Macht des Geldes an, der Banken und des Kapitalismus. Ihr Bannfluch richtet sich weniger gegen die Ungerechtigkeiten, wie sie sich ganz allgemein aus der Akkumulation des Kapitals ergeben, sondern spezifisch gegen das Finanzkapital. Es verdränge das produktive Kapital und die Arbeiter und löse die nationalen Identitäten und Traditionen auf. So ging die Rede schon Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich, in der Ära der populistischen Bewegung von General Boulanger und der Dreyfus-Affäre; so war es auch in den dreißiger Jahren weithin in der westlichen Welt zu hören, und heute macht sich diese Propaganda wieder einmal breit.

Um dieses Schema zu verstehen, muss man sich den ideologischen Rahmen anschauen, in dem seit dem 19. Jahrhundert in Europa über Demokratie diskutiert wird. Er wird gebildet vom Problem des Liberalismus, der den Ursprung der demokratischen Option im modernen Sinne darstellt. Der Liberalismus hat von Anfang an zwei Gegenspieler hervorgebracht, die wahlweise seine politische oder seine ökonomische Flanke attackieren.

Politisch akzentuiert der Liberalismus die individuelle Autonomie, die Toleranz gegen unterschiedliche Lebensweisen, die Öffnung zur Außenwelt sowie eine Identität, die sich auf Bürgersinn und Recht gründet. Ökonomisch bevorzugt der Liberalismus das Eigentum, die Unternehmerfreiheit und für die Allokation der Produktionsfaktoren den Markt – darin eingeschlossen die Verfügung über die menschliche Arbeit, deren Warencharakter für den Liberalismus im Vordergrund steht. Insofern wurde diese Ideologie zu Recht mit dem Aufstieg des Kapitalismus zur Macht assoziiert. Sie ist in gewisser Weise dessen Rechtfertigung oder, wenn man so will, dessen Moral, auch wenn es stimmt, dass der reale Kapitalismus oft genug versucht war, sich liberalen Anforderungen zu entziehen, namentlich durch Abreden, die Konkurrenz zu behindern.

Der ideologische Rahmen unserer Demokratiedebatten nimmt daher die Form eines Dreiecks an. Die Spitze bildet das, was wir den integralen Liberalismus nennen könnten, der die politische und die ökonomische Dimension vereint. Ein zweiter Eckpunkt entsteht dort, wo sich Opposition gegen den politischen Liberalismus regt; das ist der Kristallisationspunkt autoritärer, nationalistischer, fremdenfeindlicher und traditionalistischer Tendenzen. Schließlich der dritte Eckpunkt, an dem sich Strömungen bilden, die sich gegen den ökonomischen Liberalismus richten; sie berufen sich oft auf sozialistische Traditionen.

Diese Dreiecksstruktur lässt sich nicht auf die Rechts-links-Dualität reduzieren. Vielmehr ergibt das Spiel der Bündnisse und Gegensätze zwischen den drei Polen das, was wir rechts und links nennen. Die jeweilige Bündniskonstellation hängt wiederum von der politischen und wirtschaftlichen Konjunktur ab. So können sich Liberale, um dem Nationalismus zu begegnen, durchaus sozialistischen Tendenzen annähern. Wird wiederum der Sozialismus als die größte Bedrohung wahrgenommen, dann können sie auch den entgegengesetzten Schritt wählen und eine Allianz mit autoritären und nationalistischen Strömungen anstreben. Die Anziehungskraft, die der Front National jüngst auf die Mitte-rechts-Partei UMP ausgeübt hat, bietet dafür ein Beispiel.

Jene Bewegungen wiederum, die sich auf nationale Traditionen berufen und sich gegen den politischen Liberalismus richten, rücken unter Umständen die sozialen Nöte in den Mittelpunkt ihres Diskurses; in diesem Fall wird die Wirtschaftskrise als moralische Krise interpretiert, verursacht vom Liberalismus, von dessen hedonistischen Auswüchsen und seiner Missachtung der nationalen Identität. Strömungen mit sozialistischem Hintergrund schließlich können versucht sein, sich in eine nationalistische Richtung zu wenden und ihren Diskurs um die althergebrachten Werte der Arbeit, der Familie und der Volksnähe kreisen zu lassen.

In jedem dieser Fälle nimmt der Begriff »Demokratie« eine andere Farbe an, dem jeweiligen Staatsverständnis entsprechend. Antiliberale Strömungen etwa geben dem Staat die Aufgabe, bestimmten »Werten« Geltung zu verschaffen. Diese moralisierende Sicht der Macht verdammt den »Individualismus« – Synonym für Egoismus – und verlangt nach Grenzen der angeblich ungebremsten Begierden der Individuen. Genauer gesagt: nach Polizeimaßnahmen. Manchmal heißt das, mit bewaffneter Polizei die »unbescholtenen Bürger« vor dem »Gesocks« zu beschützen. Oder die anständigen Leute im Kampf gegen den Sittenverfall zu unterstützen oder die Lehrer in ihrer Verteidigung der Hochsprache gegen den Straßenslang. Und, nicht zu vergessen, die Fremden zu überwachen und jene einzubuchten, deren Papiere nicht in Ordnung sind oder die gar keine haben.

Der integrale Liberalismus hingegen bezeichnet sich als genuin freiheitlich. Ihm ist ein wohlverstandener Kapitalismus, gegründet auf individuelle Verantwortlichkeit und Konkurrenz zwischen Individuen, Unternehmen und staatlichen Instanzen, das wahre Bollwerk der »offenen Gesellschaft« gegen ihre Feinde. Angesichts von Frustration, Zorn und Revolte kann dieser Liberalismus gleichwohl einen disziplinierenden Charakter annehmen, und zwar mithilfe seines Begriffs von Gerechtigkeit. Danach sind die Erfolgreichen zu bevorzugen (etwa wie im gegenwärtigen Kult der »Exzellenz«) und die Scheiternden zu vernachlässigen, denn ihre Schwierigkeiten seien in Wahrheit individuelle Schwächen. Die Opfer sind selbst schuld.