Eigentlich ist die Sache mit dem Teilen keine schlechte Idee gewesen. Wie eine stille, pastellfarbene Utopie avancierte dieser Begriff zum Kern jener Kohorte an jungen Menschen, die gerne als Generation Facebook betitelt wird. Studien und Statistiken malen das Bild einer netten, verantwortungsbewussten Gruppe junger Erwachsener, die lieber nicht Chef werden wollen, sondern in Teams arbeiten, die kein eigenes Büro haben, sondern nur mehr coworking spaces bilden: junge Menschen, die kein Eigenheim und kein Auto anstreben, sondern ihre Wohnung fürs Couchsurfing bereitstellen, die lieber Ausflüge mit dem geliehenen Stadtrad machen, Carsharing betreiben, die nicht mehr shoppen, sondern Klamottentauschpartys besuchen.

Es ist die Suche nach dem kleinen Resonanzraum in einer Umwelt zunehmender Komplexität: Wenn wir schon die Welt nicht verstehen können, dann teilen wir immerhin unsere Autos, schonen damit die Umwelt und werden von Fremden zu Freunden, so könnte man ihr schüchtern-kommunitaristisches Motto zusammenfassen, hinter dem nicht nur ein verändertes Empfinden von Statussymbolen steckt, sondern auch die Sehnsucht nach einem Wir. Wie in einem offenen WLAN kann jeder sich am großen Ganzen beteiligen, lose hängen alle zusammen, jeder kann teilhaben, sich bedienen oder auch weiterziehen, wann es ihm passt, aber immerhin gibt es einen Zusammenhang, einen Rahmen, eine Art schwebende Gemeinschaft.

Eine solche Gemeinschaft versprach einst auch Facebook zu sein. »We share because we care«, so lautete das schillernde Motto für 2012, das der Konzern glorreich verkündete. Nur dass es hier eben nicht um Autos und Fahrräder, um materiellen Besitz, sondern um das immaterielle, virtuelle Selbst ging. Teile dein Leben, so das Versprechen, und es wird intensiver. Je mehr Menschen du dein Glück zeigst, desto größer wird es. Und es steckte noch eine andere Hoffnung dahinter. »We care because we share« – gemeint war das globale Mitgefühl, generiert durch die umgekehrte Regel: Je mehr Menschen ein Unglück sehen, desto kleiner wird es.

Frenetisch war der Jubel, als im Frühjahr dieses Jahres lauffeuerartig ein Videoclip geteilt wurde. Die Kampagne Kony 2012 versprach, durch weltweite Aufmerksamkeit einen kongolesischen Warlord zu finden. Mit-Teilen und Mitfühlen schienen kurzzeitig deckungsgleich zu sein. Facebook, die von allen Kindern dieser Erde geteilte Arbeitsoberfläche, meinte, durch die gleiche Form – das weiße f auf blauem Untergrund – nun endlich das Problem der mangelnden Empathie zu lösen. Plötzlich schien es ein Wir geben zu können und mit dem Teilen die zeitgemäße politische Geste gefunden zu sein.

Das Leben als Spam-Kanone

Sie war es nicht. Schon ein paar Wochen später wirkte Kony lang vergessen, der einmal geklickte »Teilen«-Button ist nicht in weltweiten Aktivismus umgeschlagen. Und auch zu Hause in der kleinen Lebenswelt war derweil die Euphorie gekippt. Teilen war inzwischen zum Terror, das Leben der anderen zur täglichen Spam-Kanone geworden. Durch neue Funktionen konnte man mehr Einblicke in die hervorgehobenen Beiträge anderer Menschen sehen, nicht nur der eigenen Freunde, sondern auch der Freundesfreunde und Freundesfreundesfreunde.

Was Facebook dieser Tage als Resultat erlebt, könnte das Netzwerk, das Datenschutzskandalen und Aktienverlusten bislang trotzen konnte, zur Strecke bringen: die Langeweile. Eine Übersättigung von mitgeteiltem Leben, eine Implosion von Informationen, Inhalten, Statusmeldungen, Links und Fotos. Schrumpelige Neugeborene, die man nicht kennt, deren Eltern man nicht kennt und deren gratulierende Freunde man nicht kennt, reihen sich neben die Urlaubsfotos vollkommen Unbekannter und wirken angesichts ihrer schieren Masse, dieser endlosen Screenshots aller Leben und Dokumente von Existenz, am Ende nichtig, wenn nicht nervig. Unmöglich, einen Überblick im ewigen Rauschen zu behalten, nicht nur bei den anderen, sondern auch bei sich selbst. Denn nicht gewichtiger, intensiver fühlt sich das in tausend Einzelaufnahmen zerhackte Leben an, wenn 500 Leute zuschauen, sondern zerteilt, verteilt, pulverisiert.

Was vom Netzwerk bleibt, ist Ödnis

Was vom Netzwerk Facebook bleibt, sind User in einem halb komatösen Zustand. Matt klicken sie sich durch die Datenmasse, gratulieren in stumpfem Automatismus zum Geburtstag entfernter Bekannter und lassen sich nur noch träge zu einem »Gefällt mir« unter einem schwachen Sinnspruch oder dem Auftritt einer neu gegründeten Firma von jemandem, dem sie noch einen Gefallen schulden, hinreißen. Was vom Netzwerk bleibt, ist Ödnis – und die Sehnsucht, dieses Mal nicht nach dem Wir, sondern nach dem Ich. Der überforderte User will sein x-fach geteilt-zerteiltes Selbst wieder einsammeln, will sich wieder gebündelt, zentriert, geerdet fühlen. Deshalb geht er, statt den Stecker zu ziehen und sich für immer auszuloggen, zurück auf Anfang, als alles noch einfach war.

Wie nirgends sonst kann dieser Tage im Sozialen Netzwerk die psychische Evolution des modernen Individuums beim rückwärts die Treppe Herunterkullern besichtigt werden. Optimal fängt Facebooks Struktur den User in seiner warmen Krabbeldecke der Ich-Bezogenheit auf: Wer eingeloggt ist, schaut den ganzen Tag sein eigenes Profilbild an, als sei er im frühkindlichen Spiegelstadium hängen geblieben. Vergessen ist hier das erwachsene Ich-Sagen, automatisch ist das Narrativ auf die dritte Person festgelegt. Was machst du gerade?, fragt das System sein Mitglied am laufenden Band und lässt als Antwort eine freie Stelle hinter seinem Vornamen. »...macht jetzt Mittag«, steht dann da zum Beispiel.

Die Kollektivmutter nickt, sie "liked", sie gibt den Daumen

Wenn überhaupt. Denn der Trend, der sich jüngst in den Statusmeldungen spiegelt, ist der der allerbasalsten Kommunikation. »Haha«, »Aua«, »Müde« sind die beliebten neuen Postings, auf die der kindliche Nutzer ganz sicher das bekommt, was er sich am meisten wünscht: Aufmerksamkeit. Auf Facebook kennt sie nur ein einziges Währungssystem: kleine Resonanzeinheiten, vermittelt in Form des »Gefällt mir«. Zurück ist damit die Fixierung auf den Daumen, der die Komplexität der großen, in unübersichtliche Teilsysteme differenzierten Welt da draußen für das kindliche Bedürfnis wieder in binäre Strukturen übersetzt. Daumen hoch: toll!, gar kein Daumen: bäh!

»Guck mal, Mama!« steckt in jedem der Ein-Wort-Posts, es ist der ewige Imperativ des Kleinkindes, das jede Tagesaktivität zum feierbaren Event erhebt, das liebevoll nickend und lobend wahrgenommen werden soll. »Was ist lustig?«, »Hast du dir weh getan?«, »Du Armer, schlaf dich aus!«, antwortet umgehend die Kollektivmutter, dieses Leviathan-artige Gebilde aus Freunden, die nur noch als Publikum interessieren.

Krabbeldecke des Netzes

Und auch der Rest der Kommunikation degeneriert: »Will haben!«, prangt unter dem Foto des neuen iPhone. »Alles Gute zum Burzeltag!«, wird an 30. Geburtstagen gekrakelt, »I made something!« heißt die App, die stolz aktiviert wird, wenn die Torte auf dem Bildschirm erscheint und am Ende mit »Nom, nom, nom« (die englische Version dessen, was das Krümelmonster in der Sesamstraße von sich gibt) verspeist wird. Die Kollektivmutter? Sie tut, was sie tun muss. Sie nickt, sie »liked«, sie gibt dem Kind den Daumen, nach dem es bettelt und den es schließlich braucht, um durch seinen Tag zu kommen.

So geht er, der Alltag auf der ewigen Krabbeldecke des Netzes, auf der einer neben dem anderen liegt und sich nicht weiter um ihn kümmert, solange nur die vertrauten familiären Grunzgeräusche zurückgespielt werden. Facebooks Timeline, sie ist zu einem Kreis gebogen, ein endloser Zirkel aus Essen, Spielen und dem täglichen Gequengel darüber, dass es eigentlich noch zu früh zum Aufstehen ist.

Sieben Dollar für mehr Aufmerksamkeit

Es ist eine kleine Welt geworden, keine offene, große Sphäre, wie sie Mark Zuckerberg einst imaginierte. Für ihn zählt am Ende nur die Sucht seiner Mitglieder. Mittlerweile sind es eine Milliarde. Und sie sind immer noch süchtig. So süchtig, dass Facebook ihnen in den USA nun sogar anbietet, auch noch Geld für den Stoff Aufmerksamkeit zu bezahlen. 7 Dollar, so verkündete das Netzwerk in der vergangenen Woche, dann rutscht der User in der Aufmerksamkeitsleiste seiner Freunde auf einen privilegierten Platz, seine Bilder, Aktivitäten und Vorlieben werden nun noch prominenter ausgestellt.

Nicht dass Facebook je ein Ort großer Authentizität war. Doch wenn jetzt auch noch das sanfte Aneinanderkuscheln seiner Mitglieder ökonomisiert und damit verfälscht wird, was bleibt dann?

Irgendwo auf dem Weg dahin, ein spannendes Ideen-Netzwerk, ein Ort von Interesse oder gar global wirksamer Politik zu sein, ist Facebook falsch abgebogen. Und auch im gemütlichen Spielzimmer wird es nun bald nicht mehr so sein wie früher. Denn beim Geld hört die Freundschaft auf. Und vielleicht wäre genau deshalb jetzt der Zeitpunkt gekommen, aufzuwachen. Und den einen Satz zu rufen, der Schluss macht mit den virtuellen Zwanghaftigkeiten. »Mamaaaa?«, so müsste er lauten: »Mir ist laaaaangweilig!«