Immer für gut für eine dramatische Darstellung: Adolf Hitler posierte 1925 für den Fotografen Heinrich Hoffmann zu einer eigenen Rede vom Tonband. © Heinrich Hoffmann/Keystone Features/Getty Images

Die gruseligsten Nachrichten kommen aus der Welt der Unterhaltung. Die Filmproduzenten Nico Hofmann (teamWorx) und Jan Mojto (Eos/Beta) haben auf der Fernsehmesse Mipcom in Cannes bekannt gegeben, das Leben Hitlers als achtteilige Serie verfilmen zu wollen. »Ich glaube, die Zeit ist gekommen«, erklärte Mojto, »aus Deutschland heraus eine Serie über Hitler zu drehen, in Englisch, für das internationale Publikum.«

Warum ist die Zeit dafür gekommen? Haben wir nicht erst kürzlich Bernd Eichingers Untergang, die englische Serie The Rise of Evil, Nico Hofmanns Stauffenberg und Hindenburg gehabt, tritt nicht auch Rommel am 1. November im Fernsehen auf, ebenfalls von Hofmann und Mojto produziert, zeigt nicht die Fernsehstatistik, dass Hitler überhaupt zu den meistverfilmten und erfolgreichsten Unterhaltungsstoffen der Welt gehört? Nun, ebendarum erkannten die deutschen Produzenten, dass sie sich beeilen müssten. Unverhohlen erklärten sie in Cannes, entsprechenden amerikanischen oder abermals englischen Plänen zuvorkommen zu wollen.

Und warum auch nicht? Selbst die seriöseren Nachrichtenmagazine wissen, dass es nur zwei Titelthemen gibt, die sich immer verkaufen: Hitler und Sex. Der ZDF-Historiker Guido Knopp, der dieser Tage in den verdienten Ruhestand tritt, hat sein ganzes langes Fernsehleben mit den Gruselstoffen des Zweiten Weltkriegs bestritten. Hitler ist die ultimative Unterhaltungsdroge geblieben, und manches spricht dafür, dass er sein »Drittes Reich« selbst schon als Unterhaltungsdroge produziert hat – Drama und Gewalt, Blut und Lebenskampf und Spannung bis zum letzten Moment. Es ist nicht zynisch, festzustellen, dass sich die NS-Zeit schon deswegen als schwer überbietbarer Gruselstoff zur Unterhaltung anbietet, weil sie ihrer film- und fernsehgerechten Zurichtung selbst dramaturgisch vorgearbeitet hat.

Zynisch indes, zumindest eigentümlich frivol mutet die Gier an, mit der sich der Unterhaltungsmarkt immer wieder aufs Neue über den Stoff hermacht, aus dem das Grauen schlechthin ist. Täuschen wir uns nicht: Auch wenn aktuelle Forschung in die Filme eingeht und volkspädagogisch unters Publikum gebracht wird, ist es nicht die interessante Modifikation, sondern der alte Superlativ des Schreckens, der den Gegenstand empfiehlt. Hofmann und Mojto wollen neue Erkenntnisse des Historikers Thomas Weber über Hitlers Erfahrung des Ersten Weltkriegs in ihre Serie einspeisen. Aber attraktiv für den internationalen Markt, den die Produzenten anpeilen, sind nicht Webers Erklärungen, sondern attraktiv an dem Hitler-Stoff ist gerade das, was international nicht mehr erklärt werden muss. Es ist die Vertrautheit der ganzen Welt mit dem, was sie von einer solchen Serie erwarten darf.

Der amerikanische Lyriker C. K. Williams hat einmal in einem Essay für die ZEIT (Nr. 46/02) darauf hingewiesen, dass nicht nur die Juden durch den Holocaust zu einem symbolischen Volk der Opfer, sondern auch die Deutschen zu einem symbolischen Volk der Täter geworden sind. Vergeblich sei ihr Sehnen nach Normalität, für die Weltöffentlichkeit werden sie die ewigen Nazis bleiben.

Darunter könnte man durchaus leiden, und viele der Nachgeborenen tun es auch. Aber eine Institution in Deutschland gibt es, die gewiss nicht darunter leidet, sondern ihren Gewinn daraus zieht: Das ist die Unterhaltungsindustrie. Sie profitiert von dem historischen Abstand, der den ewigen Nazi in eine Pop-Ikone des Grauens verwandelt hat – und andererseits die heute lebenden Deutschen faktisch unschuldig macht. Man kann den Nazistoff jetzt glaubhaft von Deutschen behandeln lassen; vielleicht besonders glaubhaft. »Die junge Generation in Deutschland geht mit der Vergangenheit souveräner um«, erklärte Mojto, »dadurch werden authentische und differenzierte Darstellungen aus Deutschland über die deutsche Vergangenheit möglich, die auch im Ausland akzeptiert werden.«

Das niederschmetternd Aufschlussreiche dieser Äußerung liegt in den Stichwörtern »authentisch« und »differenziert«. Was sollen sie suggerieren? Sie suggerieren, dass die jungen Deutschen keine Nazis mehr sind – aber vielleicht doch immer noch etwas besser über das Nazihafte Bescheid wissen. In diesem besseren Bescheidwissen, einem vielleicht unheimlichen inneren Bescheidwissen, liegt das Prickelnde – der Wettbewerbsvorteil der deutschen Produzenten. Seit Cannes wissen wir, dass sie keine Sekunde zögern werden, ihn zu nutzen.