Nachdem der Mann ihres Lebens sie aus Europa nach Hause geholt hat, nach New York, in die Stadt, in der sie ihn unter acht Millionen als den Einzigen ausgemacht hat, hüpft die Sex-Kolumnistin Carrie Bradshaw im Pelzmantel die Upper East Side hinab und schmettert aus vollem Herzen: »Aber die aufregendste, herausforderndste, wichtigste Beziehung von allen ist jene, die du mit dir selbst hast. Und wenn du jemanden findest, den du liebst und der dich liebt, also das ist einfach fabelhaft.«

Das war 2004. Es war ein Traum in Zuckerwatte. Aber Frauen auf der ganzen Welt haben das gesehen, haben sich getroffen, um dazu Prosecco zu trinken und den flirtiven Lebensstil in sich aufzunehmen. Busse karrten girls jeden Alters an Drehorte wie die Magnolia Bakery in Greenwich Village, damit sie dort bei Buttercreme auf die Liebe schwören konnten. Den Glauben daran darf man nämlich nie aufgeben, das war das Mantra der HBO-Serie Sex and the City. Genauso wenig wie den Willen, nach eigenen Regeln glücklich zu werden. Jetzt bringt HBO wieder eine Serie nach Deutschland, in der es um vier Freundinnen in New York geht: Girls. Man sieht sie und denkt, ein Zeitalter muss vergangen sein! Was, um Gottes willen, ist vorgefallen? Wer hat die Bonbonfarben rausgedreht, was ist eigentlich aus dem Projekt Selbstverwirklichung geworden – von der romantischen Liebe ganz zu schweigen? Dabei sind diese Frauen genauso jung, wie Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen an Haut und Herzen bleiben wollten: Mitte zwanzig. Aber was einem wirklich die Tränen in die Augen treibt, sind die Schwundformen der Ambitionen ihrer Vorgängerinnen, die sie im Mund führen.

Die erste Folge, die kommenden Mittwoch kurioserweise im ziemlich unbekannten Pay-TV-Kanal glitz läuft, zeigt die Hauptfigur Hannah, die sich einen Haufen Nudeln in den Rachen schiebt. Ihre Eltern erklären gerade, man werde ihr die finanzielle Unterstützung streichen. Zwei Jahre nach ihrem Universitätsabschluss, die sie mit einem Praktikum verbracht hat und der fixen Idee, Schriftstellerin zu sein. »Wisst ihr überhaupt, wie verrückt die Wirtschaft gerade ist?«, fragt Hannah. Sie versucht es mit: »Ich könnte drogenabhängig sein, ist euch klar, was für ein Glück ihr habt?« Sie sagt: »Ich will euch morgen nicht sehen: Ich habe Arbeit, ich habe ein Abendessens-Ding, und ich bin sehr damit beschäftigt, zu werden, wer ich bin.« Sie sieht dabei verzweifelt aus, als würde sie sich selbst nicht glauben. Aber war dies »Werde, der du bist« nicht gerade noch der herrliche Kern des Individualismus, mit dem die amerikanische Kultur weltweit erfolgreich wurde und dominant?

Der komische Effekt von Girls basiert darauf, dass die alten Träume vom Leben junger Menschen in großartigen Metropolen in einer Umwelt wiedergegeben werden, die sie absurd konterkariert. Man folgt Hannah in das Büro ihres Chefs bei einem kleinen Verlag, der sie höflich auf die Straße setzt, als sie für ihre Arbeit ein Gehalt verlangt. Und in das schmuddelige Apartment eines, na ja, Freundes, der mit ihr schläft, aber nie auf ihre SMS antwortet. Umstandslos drapiert er sie auf sein Sofa, um etwas auszuüben, das er vermutlich im Internet gesehen hat. Mehr als Verwunderung verlangt ihr das nicht ab: »Kann ich eine Weile so bleiben?«, fragt sie, »oder willst du, dass ich mich mehr bewege?« Von all dem Kult um sexuelles Selbstbewusstsein in Sex and the City soll nur noch dieser taube Defätismus übrig sein?

Fremdschämen in Serie: "Girls" läuft in Deutschland auf dem Pay-TV-Sernder Glitz. © HBO ® and related channels and services are the property of Home Box Office, Inc.

Die Hauptdarstellerin, Autorin und Regisseurin der Serie, Lena Dunham, Jahrgang 1986, ist sehr bejubelt worden für die Ehrlichkeit ihrer Darstellung. Auch für die Schonungslosigkeit, mit der sie ihren Körper einsetzt, von dem sie Hannah sagen lässt, er habe im College ziemlich die Form verloren, weshalb sie versucht habe, durch Tätowierungen mit Motiven aus alten Kinderbüchern die Kontrolle zurückzugewinnen.

Es wäre natürlich einfach, die Realitätskarte zu spielen und zu argumentieren, dass wulstige Hüften, verschrobene Boyfriends und finstere WGs in Brooklyn für jedwede girls in New York sehr viel wahrscheinlicher sind als Manolo-Blahnik-Heels und ein Mr. Big, der ein Penthouse an der Fifth Avenue kauft. Dann gerät man aber wiederum mit der Tatsache aneinander, dass es sich bei der »realen« Lena Dunham natürlich keineswegs um ein arbeitsloses Jedermädchen handelt, sondern um eine gefragte Regisseurin, die ihre Karriere im Loft ihrer Eltern in Tribeca begann. Diese Eltern sind Künstler, und auch die anderen drei Darstellerinnen sind Töchter in den USA bekannter bourgeoiser Bohemiens. Kritiker, die darauf hinweisen, beanstanden auch, dass in der Serie kaum Personen anderer Hautfarben vorkommen.