Verantwortlicher Minister war Robert Lehr (CDU). Der einstige Oberbürgermeister von Düsseldorf, ein Deutschnationaler von altem Schrot und Korn, aber auch ein Mann des Widerstands gegen Hitler, sorgte sich um die Schlagkraft der Exekutive für die Zeit nach Ende des Besatzungsstatuts. In dem Moment, da die antikommunistische Gefahrenabwehr nicht mehr bei den Alliierten liege, sollten Zeitungen durch die Innenbehörden bis zu sechs Monate verboten werden können, »in Fällen besonderer Gefährdung der Staatssicherheit auf immer«. Letzteres müsse insbesondere dann möglich sein, wenn ein Presseunternehmen »im Dienste einer auswärtigen Macht steht oder überwiegend ihre Interessen vertritt«.

Doch Lehr scheiterte: Der Entwurf des monströsen Bundespressegesetzes mit seinen nicht weniger als 64 Paragrafen verschwand gegen Ende der Legislaturperiode 1953 wieder in der Versenkung. Dafür hatte nicht zuletzt der Spiegel gesorgt, indem er durch seine ebenso beharrliche wie minutiöse Berichterstattung die meist weniger intensiv engagierten Kollegen von den Tageszeitungen und deren Verleger gegen das »Maulkorb-Gesetz eines soliden Obrigkeitsstaates« mobilisierte.

Doch auch der Spiegel hatte damals noch andere Seiten. Vor allem wenn es um die NS-Vergangenheit ging, bediente er eher überkommene Mentalitäten als das noch unterentwickelte Bedürfnis nach Gesellschaftskritik. Einen Prozess wie den gegen Franz Rademacher, der als Legationsrat im Auswärtigen Amt seine Reisekostenabrechnung 1941 mit »Liquidation von Juden in Belgrad« begründet hatte, hielt das Blatt, an dem bekanntlich auch einstige SS-Leute mitschrieben, 1952 nicht für erwähnenswert – die FAZ berichtete kontinuierlich. Lieber polierte der Spiegel in diesen Jahren am unbefleckten Schild der Wehrmacht, glorifizierte Generalfeldmarschall Erich von Manstein als deren »größten überlebenden Armeeführer« und schilderte mit sarkastischer Genugtuung die gelungene Flucht zweier verurteilter deutscher Kriegsverbrecher aus britischer Haft. Und wo man, wie etwa bei den Bonner Straffreiheitsgesetzen von 1949 und 1954, Gefahr im Vollzuge sah, da warnte man jene NS-Belasteten, die noch immer als »Illegale« unter falscher Identität lebten, vor zu viel Vertrauen in die Geltungskraft der Amnestie.

Der Spiegel der vierziger und frühen fünfziger Jahre, darin nicht unähnlich der ZEIT, trat für die nun sogenannten »Kriegsverurteilten« oder »Landsberger« ein, er kolportierte die schamlos verharmlosende Propaganda ihrer Anwälte, er kritisierte die Ahndungsbemühungen der Alliierten und hielt mit Ressentiments gegenüber »Nürnberg« ebenso wenig hinter dem Berg wie mit Vorurteilen gegenüber den Displaced Persons.

In Sachen Pressefreiheit aber blieb das Magazin stets auf der Hut. So erinnerte man, als 1952 die Bundeszentrale für Heimatdienst (später: für politische Bildung) ihre Arbeit aufnahm, an das Schicksal der Vorgängerbehörde in der Weimarer Republik: »Am 15. März 1933 ging die Reichszentrale im neuen Propagandaministerium auf.« Und als Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Otto Lenz 1953 für seine Zukunft nach der zweiten Bundestagswahl ein »Informationsministerium« ersann, da feuerte der Spiegel, unterstützt von der ZEIT, ganze Breitseiten gegen ein an Goebbels gemahnendes »Über-Ministerium« – auch in diesem Falle mit Erfolg.

Angesichts der Schlachten, die in den fünfziger Jahren um die Freiheit der Presse schon geschlagen worden waren, und angesichts der Niederlagen, die Adenauer dabei immer wieder hatte einstecken müssen – zuletzt 1961 bei dem Versuch, ein regierungsfrommes »Deutschland-Fernsehen« aus dem Boden zu stampfen –, kam die Spiegel-Affäre im Oktober 1962 eigentlich sehr spät. Denn die »kritische Öffentlichkeit«, von der bald so viel die Rede sein sollte, war längst aufgewacht.