Ayurvedische MedizinHexenküche für alle

Der indische Pharmakonzern Himalaya will die alte Naturheilkunde Ayurveda zur billigen Medizin für die Menschheit machen – und stößt auf Widerstände. von 

Besucherin einer Ayurveda Messe im indischen Hyderabad

Besucherin einer Ayurveda Messe im indischen Hyderabad   |  © Noah Seelam/AFP/Getty Images

Ayurveda heißt auf Hindi "Weisheit des Lebens". Bislang war Ayurveda eines dieser Zauberwörter der Tourismusindustrie, das Blumenbäder unter indischen Palmen verhieß. Heute kommt rund um den Globus kaum ein Fünf-Sterne-Hotel mehr ohne Ayurveda-Angebot aus. Exotische Düfte, Öle, Massagen – Ayurveda verspricht Luxus, Entspannung, ganzheitlichen Genuss. Doch das ist nur die eine Seite des Trends. Kaum jemand ahnt, dass hinter Ayurveda eine professionelle Marketingmaschinerie steckt und dass ein Kampf um die Vorherrschaft in der Medizin tobt, gegen die traditionelle aus China und die schulmedizinische aus dem Westen. Zugleich erklärt der Erfolg von Ayurveda viel über die Bedürfnisse der Menschen in einem postindustriell geprägten Markt.

Ramana Rao, ein bekannter indischer Arzt und eigentlich Herzspezialist, behandelt jeden Sonntag in seinem Bauernhaus in der Nähe von Bangalore kostenlos die arme Landbevölkerung: mit Ayurveda, der alten indischen Naturheilkunde. 36 Jahre lang macht er das schon, irgendwann hat er aufgehört, seine Patienten zu zählen. Meist versorgt er Angehörige der niedrigsten Kasten. Sie kommen aus bis zu 100 Kilometer Entfernung zu ihm, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per Bus. Meistens haben sie Schnupfen, Husten oder Fieber, manchmal auch schlimmere Beschwerden. Rao, der mit seinem Schnauzbart, dem Anzug und der rosa Krawatte aussieht wie ein Doktor alter Schule, verabreicht dann oft das entzündungshemmende Mittel Bresol der Firma Himalaya. Wie alle ayurvedischen Medikamente enthält Bresol ausschließlich Wirkstoffe aus Kräutern. "Wenn ich Ihnen Antibiotika verschreibe, kommen sie am nächsten Sonntag mit mehr Schmerzen zurück. Die Nebenwirkungen der üblichen Medikamente sind für diese Leute aufgrund ihrer Mangelernährung einfach zu stark", sagt Rao. Außerdem kostete die Behandlung mit Antibiotika 500 Rupien, das seien umgerechnet 8 Euro, ergänzt er. "Das ist für die Leute ein halbes Monatsgehalt."

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Das Geld werde den Kampf zugunsten der Ayurveda-Medizin entscheiden, glaubt Ravi Prasad. Der Vorsitzende und CEO von Himalaya baut derzeit das erste globale Ayurveda-Unternehmen auf – nicht mit Hautölen oder Duftbädern, sondern mit Kräutermedikamenten für die Masse der Weltbevölkerung. Seine Firma liefert in 80 Länder, die meisten davon in der Dritten Welt. "Wir sind keine Luxusmarke", sagt Prasad. Der schlanke, drahtige Manager im beigen Seidenanzug trägt einen fein geschnittenen grauen Vollbart. Er führt Himalaya seit 20 Jahren und hat in dieser Zeit den Umsatz des Unternehmens aus Bangalore um das Zwanzigfache steigen lassen. Er beträgt heute rund 300 Millionen Euro, das Wachstum im letzten Jahr lag bei 34 Prozent. Gewinne gibt das Unternehmen nicht bekannt. Die Firma zählt jetzt 6000 Angestellte und beschäftigt weitere 15.000 Landwirte als Lieferanten. Himalaya ist das größte Ayurveda-Unternehmen der Welt.

Ayurveda

Der Begriff Ayurveda entstammt dem Sanskrit, leitet sich aus zwei Wörtern ab und steht allgemein für die Wissenschaft von der Verlängerung des Lebens. Ayurveda gründet auf einem Ansatz, der hierzulande wohl am besten als ganzheitlich umschrieben wird. Er umfasst physische, psychische, soziale und spirituelle Aspekte des Lebens. Sie alle fließen in eine Therapie nach ayurvedischem Muster mit ein, wobei ayurvedische Ärzte nicht nur auf die Bekämpfung von Krankheiten achten, sondern auch vorbeugend auf die Erhaltung der Gesundheit. Dabei nehmen Ernährung und ein ausgeglichener Lebensstil der Patienten ebenfalls eine wichtige Rolle ein. Insgesamt verwendet die ayurvedische Medizin heute um die 1600 Kräuter in unterschiedlichsten Kombinationen und Dosierungen. Viele der Pflanzen sind sehr rar, manche beinah ausgestorben.

Prasad war der Erste in der Firma, der ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium mitbrachte. Mitte der neunziger Jahre übertrugen ihm die Eigentümer die Verantwortung für die Unternehmensführung. Prasad biss sich fest an seiner neuen, unerwarteten Aufgabe: Wie schaffe ich auf Basis einer 5000 Jahre alten Naturheilkunde ein global erfolgreiches Pharmaunternehmen?

Er quälte sich mit der schwierigen Massenproduktion von haltbaren Kräuterpillen – denn Kräuter wirken am besten, wenn sie frisch sind. Er trieb seine Forscher an, alle Himalaya-Medikamente auf den Stand der westlichen Wissenschaften zu bringen. Was der Prüfung nicht standhielt, schmiss er aus dem Sortiment. Mit Ayurveda-Mystik hatte Prasad nichts im Sinn. Er war Manager und wollte Geld auf solider Basis verdienen.

Die größte Kräuterpillenfabrik Indiens

Prasad dachte anfangs, Ayurveda habe viel mit Öl, Massage und Yoga zu tun und sei ein Trip für Reiche, ungeeignet für die Massenvermarktung. Doch schließlich begriff er, dass Ayurveda auch anders geht. Heute steht in Bangalore die größte Kräuterpillenfabrik Indiens. Sie spuckt jeden Tag zehn Millionen Pillen aus, 600 verschiedene Kräuter werden hier verarbeitet: eine industrielle Hexenküche. Im obersten Stock der Fabrik liegen zentnerweise Kräutersäcke aus dem ganzen Land, Pfeffer aus Südindien zum Beispiel, oder Bergblumen aus dem Himalajagebirge, die herrlichen Duft verströmen.

Riesige Edelstahlzylinder verschlucken die Kräutermassen, Maschinen pressen sie zu Pillen. "Kräuterpillen ohne Bindemittel, das ist unsere größte Errungenschaft", sagt Fabrikleiter Sathya Murthy. Im Erdgeschoss verpacken Arbeiterinnen in Schutzkleidung gerade ein Gelenkschmerzmittel für Kunden in Costa Rica. Murthy rühmt sich, die erste ayurvedische Fabrik der Welt zu führen, die höchsten internationalen Standards entspricht. Prasad weiß es nun besser als früher: "Die ayurvedischen Medikamente funktionieren genauso wie die westliche Medizin. Aus Sicht des Produzenten liegt der Unterschied nur bei den Inhaltsstoffen. Ich brauche nur Kräuter."

Kein ayurvedischer Arzt würde so reden, sondern immer erst den Unterschied zur westlichen Medizin betonen. Etwa die Ganzkörperdiagnose – jede ayurvedische Behandlung beginnt damit, dass der Arzt versucht, die Krankheit des Patienten aus dessen Ernährung und Alltagsverhalten abzuleiten. Doch was interessiert das Prasad? Am Ende verschreibt ja auch der ayurvedische Arzt nur Pillen.

Für Himalaya gelten viele Regeln, die auch westliche Pharmakonzerne betreffen: Vom Kräutersamen bis zum fertigen Medikament muss Himalaya Verfahrensschritte und Produkte ständig wissenschaftlich überwachen lassen. Neue Medikamente müssen über viele Jahre getestet werden. Ihr Wert muss bewiesen und in den gängigen Fachzeitschriften publiziert werden. Und doch ist bei Himalaya vieles anders. Von der nagelneuen Forschungsabteilung in Bangalore führt Ravinder Ragesh, Chef der Medikamentenentwicklung, in eine Bibliothek. Zu sehen sind zerfressene braune Bücherrücken. Mit routiniertem Handgriff holt Ragesh einen dicken Band auf Hindi heraus und liest. "Das Original ist ganz wichtig", sagt er und übersetzt, was für ihn das Buch aller Bücher ist: "Ich bete zur Göttin des Wissens, ich verbeuge mich vor der Wissenschaft und will nun die Ursprünge des Wissens erkunden." Es sind die ersten Zeilen der Enzyklopädie der Chirurgie, die der indische Arzt Sushruta vor etwa 2300 Jahren in Palmenblätter einritzen ließ. "Es ist die älteste medizinische Literatur der Welt", sagt Ragesh.

Diese zweibändige Enzyklopädie enthält das bis heute gültige Grundwissen der ayurvedischen Medizin. Zum Beispiel auf Seite 260 des zweiten Bandes das Rezept für Triphala, eine Drei-Kräuter-Mischung. Eine andere Mischung aus Ingwer und zwei Pfeffersorten nennt sich im Buch Trikata. Gemischt mit Kardamom und Zimt, ergeben Triphala und Trikata das alte Medikament Haridra Khand. Es ist der antike Vorläufer des Himalaya-Medikaments Bresol, das Doktor Rao seinen unterernährten Patienten gibt, wenn sie erkältet sind. "Äußerst erfolgreich", sagt Forschungschef Ragesh, der sich bei der Entwicklung von Bresol jedoch nicht nur auf die alten Bücher verließ: "60 Prozent des Rezepts sind von früher, 40 Prozent haben wir neu entwickelt."

Leserkommentare
  1. Diese "neuartigen" Arzneimittel" klingen wie eine ernstahfte Alternative zu den Chemiecocktails unserer Schulmedizin.
    Auch ich bin inzwischen an einem Punkt wo ich mir zweimal überlege, ob ich wegen einer Erkältung zum Arzt gehe, weil ich dann doch schließlich nur Antibiotika verschrieben bekomme. Einerseits möchte ich nicht wegen zu häufiger Einnahme immun dagegen werden auf der anderen Seite erreicht man bereits durch simple Dinge wie Inhalieren von mit Kräutern gesetzten Wasserdampf auch ein gutes Ergebnis.
    Auch der Ansatz das ganze vorbeugend einzunehmen finde ich gut. Lieber erst gar nicht krank werden. :)

    Auf jedenfall sollte man das mal im Auge behalten. :)

    grüße Arturio

    2 Leserempfehlungen
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    nicht bei jedem Zimperlein Antibiotika einzuwerfen ist sicher löblich, aber von "Cocktails" zu sprechen, ist im Zusammenhang mit in Europa zugelassenen Monopräparaten weniger treffend als bei vielen pflanzlichen Medikamenten oder ayurvedischen Präparaten. Letztere sind in der Zusammensetzung bei weitem nicht so klar definiert und enthalten ein vielfaches an Inhaltsstoffen.

    Was das Thema des Artikels angeht würde mich sehr interessieren, wie Himalayas Produkte in Indien zugelassen werden und was für Studien die Firma hat durchführen lassen. Insgesamt wirkt das wie eine sehr ausführliche Pressemitteilung eines aufstrebenden indischen Pharmaunternehmens.

    Und ein bisschen weiter unten steht dann als Empfehlung zum weiterlesen:
    "Produkte der indischen Heillehre enthalten oft große Mengen Blei, Quecksilber und Arsen."
    Schwermetalle sind übrigens ein Problem, das westliche Pharmaunternehmen regelmäßig mit pflanzlichen Ausgangsstoffen aus Indien und China haben.

    • beyeler
    • 19. Oktober 2012 10:52 Uhr

    Wenn Sie von Ihrem Arzt pauschal mal Antibiotika gegen eine Erkältung erhalten sollten Sie sich grundsätzlich überlegen, ob Ihr Arzt eine gute Wahl war...
    Oder ob Sie wirklich Antibiotika von ihm erhalten, oder hier nur mal zu Rundumschlägen gegen die Medizin ausholen wollen.

  2. nicht bei jedem Zimperlein Antibiotika einzuwerfen ist sicher löblich, aber von "Cocktails" zu sprechen, ist im Zusammenhang mit in Europa zugelassenen Monopräparaten weniger treffend als bei vielen pflanzlichen Medikamenten oder ayurvedischen Präparaten. Letztere sind in der Zusammensetzung bei weitem nicht so klar definiert und enthalten ein vielfaches an Inhaltsstoffen.

    Was das Thema des Artikels angeht würde mich sehr interessieren, wie Himalayas Produkte in Indien zugelassen werden und was für Studien die Firma hat durchführen lassen. Insgesamt wirkt das wie eine sehr ausführliche Pressemitteilung eines aufstrebenden indischen Pharmaunternehmens.

    Und ein bisschen weiter unten steht dann als Empfehlung zum weiterlesen:
    "Produkte der indischen Heillehre enthalten oft große Mengen Blei, Quecksilber und Arsen."
    Schwermetalle sind übrigens ein Problem, das westliche Pharmaunternehmen regelmäßig mit pflanzlichen Ausgangsstoffen aus Indien und China haben.

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Interessant"
  3. "Doch der Westen will diese Wahl offenbar gar nicht. Denn er führt einen bislang kaum wahrgenommenen handelspolitischen Kampf gegen das Aufkommen von Ayurveda."

    Wer fuehrt den Kampf: Der Westen oder die Pharmaindustrie?

    Eine Leserempfehlung
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    Und dabei ist sie nicht allein, denn ganz sicher wird ihr eine eilfertige Phalanx aus der etablierten Politik unterstützend zu Hilfe eilen und alles daran setzen, dass der Pharmaindustrie ja kein "finanzielles" Härchen gekrümmt wird.

    Flankiert werden die politischen Interventionen von einer negativ polarisierenden Kampagne in den einschlägigen Medienlandschaft, die zwar aufklärend über vermeintliche Gefahren der östlichen Medizin daherkommt, jedoch nur dem profanen Zweck dienen soll, diese "neue" und kostengünstige, seit Jahrtausenden bewährte, Medizin tunlichst zu verunglimpfen und den Verbraucher zu verunsichern!

    Ich jedenfalls würde es sehr begrüßen, wenn sich diese uralte Erfahrungsmedizin auch bei uns in den westlichen Industriestaaten etablieren würde, allein schon als günstiges Kontrastprogramm zur hiesige Apparate- und Chmeicoktail-Medizin, die in erster Linie doch dazu angelegt ist, die Gesundheitsindustrie rundum gesund und satt zu machen und deren geldgeilen Shareholdern die Schatullen zu voll zu stopfen!

    • toka196
    • 18. Oktober 2012 10:32 Uhr

    MIt dieser Masse ist ein Konzern (denn um das handelt es sich auch wenn Kräuterprodukte hersgestellt und vertrieben werden) massiv in der Lage die öffentliche Meinung, aber auch die Legislative zu beeinflussen. Zumal es ja einen auf Werbung -und nicht auf einem neutralen Vergelich beruhenden!- Wettbewerb bereits gibt.

    Angaben zum Gewinn werden nicht gemacht. Man weiß, dass es bei "Big Pharma" Margen von 20% plus X erzielt. Ich gehe fest davon aus, dass die Margen bei den Kräuterprodukten deutlich höher sind, da die Hauptkostenfaktoren der Pharmafirmen (teure Studien, Rechtsstreitigkeiten, teure Hesrtellungsprozesse mit extremem Qualitätsmanagement) hier nahezu keine Rolle spielen dürften.

    Wir reden von einem internationalen Multi, genaus so sollte jede Aussage auch in der Wahrnehmung gefiltert werden. Sinn ist hier nicht die Menschen von der "bösen Chemie" zu befreien oder "ganzheitliche alternative Medizin" zur Verfügung zu stellen sondern natürlich der Profit.

    Grüße

    T.

    • kkr
    • 18. Oktober 2012 9:21 Uhr

    um ihre überteuerten Produkte weiterhin Monopolschutz zu sichern und eine unliebsame Billigkonkurrenz zu verbieten.

    Der ganz große Vorteil von Naturmedizin ist das sie vorbeugend genommen werden kann und auch weil sie kaum Nebenwirkungen hat. Und das ist ein immenser Trumpf, den viele chemiegeschädigte Menschen des Westens sehr hoch zu schätzen wissen.

    Vor diesem hat die Pharmaindustrie Angst, sehr viel Angst. Und da greifen sie zu Lobbyisten um die Politiker zu beeinflussen.

    4 Leserempfehlungen
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    hat üblicherweise auch keine Wirkung, wie an der Homöopathie bestens zu besichtigen ist.

    ...sorgt stets dafür, dass sich verwöhnte Wohlstandseuropäer, und hier vor allen Dingen die Deutschen, unkritisch "Natursubstanzen" einverleiben, die beispielsweise bei Pflanzenauszügen aus einem Mix mehrerer hundert chemischer Einzelsubstanzen bestehen, deren Zusammensetzung sich nicht nur je nach Ernte ändert, sondern bei denen viele Komponenten in ihrer Wirkung auch völlig ungeklärt sind. Nur alleine die Tatsache, dass sie natürlicher Herkunft sind, ändert an Wirkung oder Nebenwirkung erst einmal gar nichts. So sind dann aufgetretene Schädigungen durch "Natursubstanzen" (zum Beispiel an der Leber wie bei Umckaloabo geschehen) durch diesen Mix an Substanzen nur sehr schwer nachzuvollziehen. In diesem Sinne manchmal bitte etwas mehr Wissen, Objektivität und gesunde Kritik in allen Richtungen walten lassen...

  4. hat üblicherweise auch keine Wirkung, wie an der Homöopathie bestens zu besichtigen ist.

    6 Leserempfehlungen
    • Gerry10
    • 18. Oktober 2012 9:29 Uhr

    ...muss ich gestehen, dass an Ayurveda was dran ist.
    Ich habe mehrere Jahre in Indien gelebt und am eigenen Leib und das meiner (damals) sehr kleinen Kinder erfahren das zumindest die Produkte des Neembaums wirklich funktionieren.

    Es ist übrigens auch ein ausgezeichneter Insektenschutz und Düngermittel.

    2 Leserempfehlungen
  5. ...sorgt stets dafür, dass sich verwöhnte Wohlstandseuropäer, und hier vor allen Dingen die Deutschen, unkritisch "Natursubstanzen" einverleiben, die beispielsweise bei Pflanzenauszügen aus einem Mix mehrerer hundert chemischer Einzelsubstanzen bestehen, deren Zusammensetzung sich nicht nur je nach Ernte ändert, sondern bei denen viele Komponenten in ihrer Wirkung auch völlig ungeklärt sind. Nur alleine die Tatsache, dass sie natürlicher Herkunft sind, ändert an Wirkung oder Nebenwirkung erst einmal gar nichts. So sind dann aufgetretene Schädigungen durch "Natursubstanzen" (zum Beispiel an der Leber wie bei Umckaloabo geschehen) durch diesen Mix an Substanzen nur sehr schwer nachzuvollziehen. In diesem Sinne manchmal bitte etwas mehr Wissen, Objektivität und gesunde Kritik in allen Richtungen walten lassen...

    9 Leserempfehlungen
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    • Suryo
    • 18. Oktober 2012 9:51 Uhr

    Völlig richtig. Die romantische Kräuterverklärung ist oft auf mangelndes Wissen. Auch einheimische Pflanzen, etwa Beinwell oder Borretsch, enthalten Stoffe, die krebserregend sein können. Mal davon abgesehen, daß einige der stärksten Gifte, die wir kennen, rein natürliche Pflanzenstoffe sind. Abgesehen davon, daß auch nach tausenden Jahren Phytomedizin eben keine wirklich heilenden Medikamente gegen z.B. Hepatitis, Syphilis oder dergleichen gefunden wurden. Bei so etwas helfen schlicht nur Antibiotika und andere Medikamente der "westlichen Schulmedizin".

    • cb81
    • 18. Oktober 2012 14:04 Uhr

    Finde Ihren Beitrag sehr gut und kann ihre kritischen Anmerkungen nur unterstützen. Die alte Mär von wegen "es ist pflanzlich also gut verträglich" regt mich jedesmal wieder auf. Wenn man nur bedenkt, dass man dann völlig unkritisch Engelstrompete, Schlafmohn, Johanniskraut (sehr viele Wechselwirkungen !!!) usw. einnehmen könnte, wird einigen vielleicht klar, dass gerade Pflanzen viele hochpotente Wirkstoffe liefern und sich aus Pflanzenextraktionen isolierte und in der Medizin eingesetzte "chemische" Wirkstoffe entwickelt hatten und haben. Alleine die "böse Chemie" ist auch so eine Mär, da im Prinzip alles an uns und unserer Umwelt Chemie ist.
    Will aber auch darauf hinweisen, dass das Stufenplanverfahren für Umckaloabo ergeben hat, dass die gemeldeten Leberschadensmeldungen von Patienten in keinem Fall in direktem Zusammenhang mit der Einnahme von Umckaloabo stand. Nebenbei ist Umckaloabo nach evidenzbasierten Kriterien scheinbar gg. akuter Rhinosinusitis bzw. Bronchitis wirksam. Dazu gibt es inzwischen eine gute Studienlage, die sich jeder auch in Cochrane Review anschauen kann: http://onlinelibrary.wile....
    Es wäre schön, wenn sich immer mehr Phytopharmaka und auch Ayurveda den Kriterien der evidenzbasierten Medizin unterziehen würden/könnten, damit die Empfehlungen nicht nur nach Tradition oder Eminenzmeinung geschieht.

    • Plor
    • 18. Oktober 2012 9:44 Uhr

    ...dann aber bitte tatsächlich nach den Standards, nach denen Medizin hierzulande auf den Markt kommen darf. Und das bedeutet nun mal klinische Studien, die die Wirksamkeit der Medikamente unter Beweis stellen. Wenn in Apotheken Zeug verkauft wird, dessen "Wirksamkeit" nur durch anekdotisches Wissen und jahrtausendealte Schriften "nachgewiesen" ist, hat das nämlich vor allem den Effekt, dass denkende Patienten zwangsläufig ihr Vertrauen in die Pharmazie verlieren.

    Ohnehin schlimm genug, wie in diesem Themenkomplex immer über die böse Pharmalobby gewettert wird. Dabei übersehen die Kämpfer für "bessere Medizin" sehr schnell, was für eine gewaltige Alternativmedizin/Eso-Lobby in Deutschland bereits aktiv ist und wie Scharlatanerien aus diesem Bereich zum Millionengeschäft werden:
    Angefangen bei harmloser "Naturmedizin" bishin zur handfesten - teilweise lebensgefährlichen Quacksalberei wie Homöopathie, Impfkritik, Systemaufstellung, Pendeln oder NGM. Und so aggressiv, wie die Lobbyisten dieser medizinischen Alternativen für ihre Sache kämpfen, ist die Pharmalobby noch lange nicht.

    Ein bisschen gehaltvoller und kritischer als der hiesige Artikel. Psiram zu Ayuverda (Keine Sorge, keine eindimensionale Verächtlichmachung):
    http://psiram.com/ge/inde...

    11 Leserempfehlungen
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    • Suryo
    • 18. Oktober 2012 10:32 Uhr

    Ein wirklich interessanter Link - sehr detailliert, und tatsächlich sehr ausgewogen.

    • Starlit
    • 19. Oktober 2012 7:16 Uhr

    Sind Sie naiv! Die Standards zur Einführung neuer medizinischer Methoden werden doch von der Pharmalobby beeinflusst.

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