Sturm: Josef Joffe

Es herrscht keine Inflation ? Nicht jene, die wir weiland in VWL studiert haben. Es gibt weder kosten- noch nachfragegetriebene Inflation. Die erste, cost-push, entsteht nicht, weil in der Rezession so viele Produktionskräfte brachliegen und auf dem Weltmarkt, in Asien, reichlich billige Arbeitskraft zu haben ist. Das drückt Löhne und Preise. Die andere klassische Inflation, demand-pull, entwickelt sich nicht, wenn Billionen an Liquidität nicht an den Verbraucher weitergereicht werden. Aber es gibt asset- Inflation: Der Goldpreis hat sich seit 2009 verdoppelt. Der Preis für Agrarland steigt heftig, der für Öl auch. Selbst in der Provinz, in Hannover, haben Immobilien um 25 Prozent zugelegt. Offensichtlich gibt es zu viel Geld; sonst würde es nicht so zügig gegen Realien getauscht.

Die Amerikaner haben das Problem semantisch gelöst. Sie unterscheiden in der Statistik zwischen core inflation (Kerninflation) und headline inflation (dafür gibt es keine richtige Übersetzung). Bei der Letzteren werden schwankende Preise berücksichtigt, insbesondere für Energie und Nahrungsmittel. Rechne die heraus, und presto hat man so gut wie keine "Kerninflation". Der Trick funktioniert aber nur so lange, wie jahreszeitliche oder zyklische Trends sich nicht in gerade Aufwärtslinien verwandeln. Hält der Auftrieb an, schlägt die teure Energie auf die Gesamtwirtschaft durch. Sie verteuert Transport, Industrieproduktion und Dünger. Und schon wird daraus Kerninflation.

So weit ist es noch nicht. In den USA lag die Kerninflation im Monat August bei 0,1 Prozent (aufs Jahr gerechnet bei knapp zwei). Doch der Konsument, der fürs tägliche Brot und Benzin bezahlen muss, spürt einen sechsmal höheren Preisauftrieb. Wenn dieser Wert nur ein zeitweiliges Phänomen misst, ist alles gut – vorläufig.

Vergesst Löhne und Verbraucherpreise. Die Inflation tobt auf anderen Märkten: Bei Gold, Immobilien, Land
Josef Joffe

Der Markt preist Erwartungen ein. Nun mögen die Leute, die dem deutschen Aktienindex seit dem Crash zu einer Verdopplung verholfen haben, blöd oder hysterisch sein. Auch der Dow Jones nähert sich dem Vor-Crash-Niveau – und das in einer hartnäckigen Stagnation: Nullwachstum in der Euro-Zone, moderater Anstieg in Amerika? Anleger betrachten Aktien – Papiere, die Reales widerspiegeln – offensichtlich als sichere Bank. Dito die Käufer von deutschen und amerikanischen Staatsanleihen, die Negativzinsen hergeben. Auch hier flüstert der Markt: Es gibt zu viel Geld, es ist zu billig im Vergleich zu Aktien und Gold, Kunst und Land – alles Dinge, die nicht beliebig vermehrbar sind und Kapitalgewinne versprechen. Das nennt man auf gut Deutsch eine "Blase", wobei die Erwartungen sich selber treiben, bis die Blase platzt – wie in den Jahren 2000 und 2007.

Dass es zu viel Liquidität im globalen System gibt, ist keine Erwartung, sondern Fakt. Nehmen wir die Bilanzsumme der vier wichtigsten Zentralbanken: der amerikanischen Fed, der europäischen EZB, der Bank of Japan und der Bank of England. Sie betrug im Moment der Lehman-Pleite 4,5 Billionen Dollar. Heute hat sie sich verdoppelt, und die Banken stehen alle bereit, noch mehr draufzulegen. Wachstum um jeden Preis. Da sollen keine Inflationserwartungen entstehen? Oder gar echte Inflation?

Keynesianer sagen: Bleib cool. Tatsächlich funktioniert die Lehrbuchweisheit nicht – noch nicht. Wir leben in einer verkehrten Welt. Selbst die "Liquiditätsfalle", vor der Keynes gewarnt hat, schnappt nicht zu. Die besagt, dass Investoren keine Anleihen mehr kaufen, wenn die Zinsen zu niedrig sind. Hernach können die Zinsen nur noch steigen und die Bond-Preise entsprechend fallen, sprich: Kapitalverlust. Aber die Investoren kaufen derzeit auch bei negativen Realzinsen. Bizarr, aber wahr.

Vorläufig ist also nur die Vermögenswert-Inflation angesprungen. Aber die Geschichte zeigt seit dem Tulpenwahn in Holland, dass solche Blasen platzen und die Wirtschaft in den Abgrund reißen; wie auch im Jahr 2007 und 2008. Was machen die Zentralbankpräsidenten dann? Die Bilanzsumme noch einmal verdoppeln, auf 20 Billionen? Das amerikanische, das weltgrößte Bruttoinlandsprodukt ist nur für 16 Billionen gut.