NSU-Opfer : »Er starb in meinen Armen«

Halit Yozgat wurde von der Terrorzelle NSU ermordet. Während Ermittlungen verschleppt und Akten vernichtet wurden, kämpfte sein Vater Ismail jahrelang gegen falsche Verdächtigungen. Hier spricht er zum ersten Mal über seinen Schmerz.

Neben einem Pult auf einem Platz in der Nähe der Kasseler Innenstadt stehen Ismail Yozgat und seine Frau und hören sich Reden an. Es ist ein sonniger Tag, viele Menschen sind gekommen. Der Platz, der vorher keinen Namen hatte, wird von diesem Tag an »Halitplatz« heißen, benannt nach dem Sohn der Familie Yozgat, dem letzten und jüngsten Mordopfer der rechtsextremistischen terroristischen Vereinigung NSU. Der Ort, an dem Halit erschossen wurde, liegt etwa hundert Meter entfernt. Der Kasseler Bürgermeister ist gekommen, der hessische und der thüringische Justizminister, ebenso der türkische Botschafter; der Bundespräsident hat eine Mitarbeiterin geschickt, die seine Grußworte vorträgt. Ein Gedenkstein mit den Namen aller zehn NSU-Opfer wird enthüllt. Am Ende jeder Ansprache applaudiert Ismail Yozgat am lautesten von allen. Als Letzter spricht er selbst: »Ich bin der Vater von Halit, der am 6. April 2006 ermordet wurde, während er seine Hausaufgaben machte«, beginnt er, und fast versagt ihm die Stimme. Nach seiner Rede läuft er umher, schüttelt Hände, begrüßt Freunde. Er ist aufgewühlt. Jetzt ein Interview geben? Nein, dafür reicht die Kraft nicht. Etwas später entschließt er sich dann doch zu einem Gespräch.

DIE ZEIT: Herr Yozgat, als Erstes möchte ich Ihnen mein Beileid aussprechen.

Ismail Yozgat: Danke, mein Kind. Danke, dass Sie hierhergekommen sind.

ZEIT: Heute wurde ein Platz nach Ihrem Sohn Halit benannt. Wie fühlen Sie sich?

Yozgat: Wenn man ein Kind verliert, so wie wir unseren Sohn verloren haben, dann wird der Schmerz nicht weniger. Er klingt nicht ab, im Gegenteil, er wird immer größer. Ob Sie es glauben oder nicht, wenn ich Menschen davon erzähle, was unserer Familie widerfahren ist, wenn Freunde danach fragen, dann fühlt es sich jedes Mal so an, als würde ich mit jedem Wort sechs Monate altern. Im Moment kann ich nur an eines denken: Ich hoffe, dass in Zukunft keine Mütter und Väter mehr weinen müssen. Dass keine Kinder mehr sterben müssen. Deshalb waren wir damit einverstanden, dass hier dieser Gedenkstein mit dem Namen unseres Sohnes und denen der anderen neun Opfer aufgestellt wird. Damit sich alle Menschen immer daran erinnern. Ich bin allen, die daran beteiligt sind, sehr dankbar.

ZEIT: Bei der Gedenkfeier der Bundesregierung in Berlin im vergangenen Februar hatten Sie den Wunsch geäußert, dass die Straße, in der Ihr Sohn ermordet wurde, umbenannt wird – von Holländische Straße in Halit-Straße. Dagegen gab es Widerstand in Kassel.

Yozgat: Mein Sohn kam 1985 in demselben Haus zur Welt, in dem wir später das Internetcafé eröffneten. Wir haben dort 15 Jahre gelebt. Halit kam in dieser Straße zur Welt und wurde dort getötet. Deshalb haben wir uns gewünscht, dass die Straße nach ihm benannt wird. Aber die Verantwortlichen unserer Stadt haben gesagt, dass das nicht ginge. Sie haben uns diesen Platz hier gegeben, und auch die Bushaltestelle wird Ende des Jahres nach unserem Sohn benannt: »Halit-Haltestelle«. Das ist sehr schön. Ich werde den Wunsch, dass die Straße umbenannt wird, immer in meinem Herzen tragen. Ich habe sehr viele Briefe an die Stadt geschrieben, und der Bürgermeister von Kassel war zweimal bei uns zu Hause; ein guter Mensch, der viel in Bewegung gesetzt hat. Aber er konnte es nicht ändern. Die Bürger von Kassel wollten nicht, dass die Straße ihren Namen wechselt. Wer weiß, vielleicht erfüllt sich mein Wunsch eines Tages doch noch.

ZEIT: Wie geht es Ihrer Frau und Ihren anderen Kindern heute?

Yozgat: Wir konnten unser Leben nach diesem Schicksalsschlag nur mit der Hilfe Gottes weiterführen. Nur, indem wir unsere Gebete verrichten und uns noch mehr an unserem Glauben festhalten, retten wir uns davor, wahnsinnig zu werden. Mein Sohn war erst 21 Jahre alt, als sie ihn ermordeten. Er ist in meinen Armen gestorben. Können Sie sich überhaupt vorstellen, was das bedeutet? Wie sich das im Innersten anfühlt? Das kann man als Vater oder Mutter eigentlich nicht aushalten. Bis vergangenes Jahr im November, als rauskam, dass es Neonazis waren, hat uns niemand etwas darüber gesagt. Keiner hat uns beigestanden. Wir haben uns jahrelang gefragt, was passiert ist und warum. Es gab Zeiten, da haben wir uns nicht auf die Straße getraut. Meine Familie hatte Angst. Arbeitskollegen, irgendwelche Leute auf der Straße haben mich im Vorbeigehen gefragt: »Ismail, wie sieht’s aus, haben sie endlich mal den Mörder deines Sohnes gefunden?« Als ob es eine Nichtigkeit wäre. Als ob sie nicht glaubten, dass es ein Mord war. Ohne Distanz, ohne Respekt. Deutsche, aber auch türkische Zeitungen schrieben, mein Halit hätte mit Heroin gedealt und sei da in etwas reingeraten. Das waren Menschen, die ich seit 20 Jahren kenne, die solche Dinge geschrieben haben. Was soll ich sagen? Heute entschuldigen sie sich dafür, reichen mir die Hand. Aber dafür kann man sich nicht einfach entschuldigen. Es ist zu spät. Sie alle haben meinem Halit Unrecht getan. Sechs Jahre lang habe ich selbst die Mörder meines Sohnes gesucht. Überlegen Sie mal, die Mörder wussten die ganze Zeit, wer ich war. Wer weiß, ob sie auch verfolgt haben, was über mich und meine Familie, über Halit in den Zeitungen stand. Ich bin nach Hamburg gefahren, nach München, nach Nürnberg, hab die Leute gefragt. Ganz allein. Mein Herz stand einfach nicht still. Ich habe verfolgt, was die Polizei macht, habe mit ihr gesprochen. Ich war froh, als rauskam, wer die Mörder waren, auch wenn sie sich gegenseitig umgebracht haben und nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Seitdem halten die Menschen ihren Mund, und es kommt endlich ein wenig Ruhe in unser Leben. Es ist so merkwürdig: Es wurde ruhiger, und dennoch wurde der Schmerz heftiger.

ZEIT: Wie war das für Sie, als Sie erfuhren, dass Neonazis für den Mord an Ihrem Sohn verantwortlich gemacht werden?

Yozgat: Es war der Tag, an dem endlich die Verleumdungen gegen meine Familie aufhörten. Ich war, wenn man das überhaupt so sagen kann, erleichtert, dass es kein Muslim war, der ihn tötete. Keiner, den er oder wir kannten. Sondern Neonazis. Alles Weitere wird die Untersuchung zeigen, inschallah. Wir warten und vertrauen. Schauen Sie, es werden noch so viele Dinge ans Tageslicht kommen, und ich flehe jeden Tag den Allmächtigen an, dass es geschehe. Diese beiden Männer haben sich gegenseitig in einem Wohnmobil getötet, heißt es. Wie konnte das passieren? Was hat das alles zu bedeuten? Die Polizei hat mein Vermögen in der Türkei ermittelt, meine ganze Familie musste einen DNA-Test machen. Ich musste alle Verwandten in der Türkei mit Namen und Telefonnummer angeben, alle wurden verhört. Alle, alle, alle.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Vergessen

Sein Schmerz wird Ihm und seiner Familie immer bleiben,
vorallem die Erinnerung das sein einziger Sohn in seinen Armen gestorben ist...
wir wiederum sind zum Alltag übergewechselt und interessieren uns net mehr für die Aufklärung der Mordserie.

Was muss das für ein Gefühl gewesen 5 Jahre
mit dem Vorwurf gelebt zu haben das sein Sohn wohl in Drogengeschäfte verwickelt war....

Ich hab schon vor paar Jahren von dieser Mordserie gelesen und es war seltsam wie überzeugt man davon war das da im Kriminellen Milleu abgerechnet wurde....