ZEIT: Wie hat Ihre Familie in der Türkei reagiert?

Yozgat: Die Polizei ging zu allen Verwandten in meiner Heimatstadt und fragte, ob sie Halit kannten, ob sie mich kannten, wie gut sie uns kannten, was wir für Menschen seien und, und, und. Was sollten sie schon sagen? Dass sie uns kannten, dass wir Verwandte sind, und ja, dass wir natürlich manchmal miteinander telefonieren. Sie waren verwundert und wussten nicht, was das alles soll. Wir haben nie etwas mit der Polizei zu schaffen gehabt, wir kennen so etwas nicht. Unsere Familie ist anständig. Ich bin 1970 nach Deutschland gekommen, habe immer gearbeitet, ich war nicht einen Tag lang arbeitslos. Ich habe nie einen Heller von irgendjemandem gewollt. Meine Familie hat nie mit kriminellen Dingen zu tun gehabt. Wir haben ein frommes Leben hier geführt, haben zu Gott gebetet, dass wir aufrichtig bleiben, aber auch dafür, dass andere aufrichtig sind. Das machen wir heute noch.

ZEIT: Verfolgen Sie die Entwicklungen im NSU-Untersuchungsausschuss?

Yozgat: Ich verfolge alles. Auch, dass einige Akten vernichtet werden, andere verschwinden. Das macht uns alles sehr traurig. Die Wahrheit wird rauskommen. Wir glauben an Deutschland. Wir sind schon so lange hier, vor mir kam mein Vater, dann ich, dann habe ich meine Frau nachgeholt. Vier meiner fünf Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. Und sie sind hier gut aufgewachsen. Nun habe ich nur noch vier Kinder, vier Töchter. Halit war mein einziger Sohn.

ZEIT: Haben Sie daran gedacht, in die Türkei zurückzukehren?

Yozgat: Nein, nie. Sehen Sie, der Mensch hat dort seine Heimat, wo er geboren wird. Ich wurde in der Türkei geboren. Aber meine Kinder sind in Deutschland geboren. Wenn wir früher in den Ferien in die Türkei gefahren sind, haben meine Kinder immer nach einer Woche gesagt: »Papa, wir wollen wieder nach Hause.« Ihre Heimat ist hier, in Deutschland. Meine Kinder und Enkel sind hier, wie könnte ich da zurückkehren?

ZEIT: Haben die Menschen in der Türkei Sie damals nach dem Mord stärker unterstützt als hier in Deutschland?

Yozgat: Ach, wissen Sie, auch dort hat man uns angeschwiegen. Drei Wochen nachdem mein Sohn umgebracht wurde, sind wir in unsere Heimatstadt Yozgat gefahren, um ihn zu beerdigen. Wir hatten ihn gerade zu Grabe getragen, da kam Premierminister Tayyp Erdoğan. Er war zufällig dort, um eine Wahlkampfrede zu halten. Meine Frau hat sich vor ihm auf die Knie geworfen, seine Bodyguards haben sie nicht aufgehalten. Wir haben ihm erzählt, was uns widerfahren ist, haben ihn angefleht, uns zu helfen. Wir wollten kein Geld, wir wollten nur einen Verantwortlichen, der uns beisteht. Der uns zuhört, der uns nicht verdächtigt, sondern uns versteht. Kurze Zeit später rief Erdoğans Sprecher an und sagte, sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun. Aber sie taten nichts. Erst als vergangenes Jahr alles rauskam, wollten plötzlich alle unsere Freunde sein. Die Wochen nach dem Mord waren schlimm. Jemand war gekommen, hatte sich vor meinen Sohn hingestellt und ihn erschossen. Einfach erschossen. Mit einer Pistole, mit der schon acht weitere Menschen erschossen worden waren. Wer hatte meinen Sohn erschossen? Wer hatte etwas gegen uns? Ich kann die Polizei verstehen, sie tat nur ihre Arbeit, und vielleicht ist es normal, auch die engsten Verwandten zu verdächtigen und überall zu ermitteln. Aber unsere Welt war zerstört.

ZEIT: Herr Yozgat, können Sie über den Moment sprechen, in dem Sie Ihren sterbenden Sohn gefunden haben?

Yozgat: Es war der 6. April 2006, ein Donnerstag. Ein Tag vor meinem Geburtstag. Morgens arbeitete ich im Internetcafé, weil Halit etwas anderes zu tun hatte. Wir wechselten uns ab mit dem Tresen – mal passte er auf, mal ich. Irgendwann am Nachmittag kamen Halit und seine Mutter in den Laden, und meine Frau sagte: »Ismail, Halit hat mir Geld gegeben, damit wir dir ein Geschenk kaufen. Du sollst es dir selbst aussuchen, hat er gesagt. Fahren wir los.« Halit ist dann im Laden geblieben, meine Frau und ich sind in den Baumarkt. Ich habe mir einen Werkzeugkasten gekauft. Wir wollten dann wieder zurück ins Internetcafé, um Halit abzulösen, weil er gegen 17 Uhr immer zum Abendgymnasium ging. Bis dahin war er immer im Laden und machte seine Schulaufgaben. Meine Frau und ich waren kurz nach 17 Uhr wieder beim Internetcafé, vielleicht war es fünf nach. Normalerweise stand er immer an der Tür, wenn ich ihn ablösen sollte. An diesem Tag nicht. Ich wunderte mich kurz. Ich habe den Wagen geparkt, bin reingegangen. Kein Halit. Ich rief: »Halit, wo bist du, sitzt du grad selbst an einem der Computer?« Mein Blick richtete sich auf das Pult am Eingang, dort, wo die Kunden bezahlen. Ich sah drei kleine rote Tropfen darauf. Ein, zwei, drei kleine rote Tropfen, akkurat nebeneinander. Ich ging näher an das Pult heran. Wieder rief ich: »Halit, was machst du denn hier mit der roten Farbe?« Da sah ich ihn. Er lag dahinter, auf dem Boden. Ich schrie: »Halit, was ist mit dir?« Ich nahm ihn in den Arm, seine Augen verfärbten sich violett. Es reicht. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen.