Ich habe Jean Zieglers jüngstes Buch Destruction massive – Géopolitique de la faim gelesen, das unlängst auch in deutscher Übersetzung unter dem provokanten Titel Wir lassen sie verhungern erschienen ist. Das Buch ist mehr als ein Bericht des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, der Ziegler acht Jahre lang gewesen ist. Es ist auch ein Rückblick auf seinen Dritte-Welt-Aktivismus, die Anfänge des UN-Systems nach dem Zweiten Weltkrieg und auf seine Weggefährten. Es ist ein typischer »Ziegler«, voll von dramatischen Situationsbeschreibungen, unterlegt mit ein paar Statistiken. Es folgen harte Schuldzuweisungen mit scharfen Angriffen auf Personen, Organisationen und Strukturen.

Ziegler schreibt zu Recht: »Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert... Die Weltlandwirtschaft [könnte] problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren... Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar« – und weiter der bessere französische Originaltext: »Il n’existe donc à cet égard aucune fatalité. Un enfant qui meurt de faim est un enfant assassiné.« Zieglers Erzählung von den Schwestern Mutter Theresas in einem Dorf in Niger, die täglich ein paar hungernde Kinder ins Ambulatorium aufnehmen und Dutzende andere und ihre Mütter zurückweisen und zu einem elenden Schicksal verurteilen müssen, ist erschütternd. Seine Beschreibung der grauenvollen, auf Mangelernährung basierenden Krankheit Noma lässt niemanden unberührt.

Ich teile Zieglers Kritik am Versagen der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit, die bis vor Kurzem die Landwirtschaft und den gesamten Agrarsektor aus den Augen verloren hatte. Es ist nicht akzeptabel, dass es der Menschheit gelungen ist, die Zahl unterernährter Personen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts trotz Bevölkerungswachstums kontinuierlich zu senken, diese Zahl nun aber seit der Jahrtausendwende wieder auf mehr als eine Milliarde Menschen nach oben geschossen ist. Jedoch teile ich Zieglers Erklärung für diese Entwicklung nicht: Den zunehmenden Hunger fast ausschließlich auf die internationale Spekulation mit Agrarrohstoffen zurückzuführen ist zu einfach – und vor allem keine Lösung für die vielen anderen Probleme, die dafür verantwortlich sind!

Sicher hat die Spekulation den Anstieg und die Ausschläge der Rohstoffpreise verstärkt. Übrigens erwähnt Ziegler sehr zu Recht den direkten Einfluss der hohen Nahrungsmittelpreise auf die politischen Umwälzungen des Arabischen Frühlings. Sie waren ein wesentlicher Auslöser. Aber: Weder setzt noch bricht Spekulation diese längerfristigen Preistrends.

Stattdessen sorgen Bevölkerungswachstum, höherer Fleischkonsum der neuen Mittelklassen und die kriminelle Verwendung von Nahrungsmitteln zur Produktion von Biosprit – in diesem Punkt bin ich voll mit Jean Ziegler einig! – für eine steigende Nachfrage nach Agrarprodukten. Verschärft wird dieser Trend durch Urbanisierung und fortschreitende Erosion von Landwirtschaftsflächen. Die Fakten sind, dass wir jede Sekunde zwei Menschen mehr zu ernähren und 0,2 Hektar Agrarfläche weniger zur Verfügung haben.

Das Angebot kann in dieser Situation nur über die Produktivität erhöht werden, und dies wiederum setzt Investitionen in die Landwirtschaft voraus, die in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt wurden. Heute wächst die Produktivität deutlich langsamer, als die Bevölkerung zunimmt – was ein zusätzlicher Grund für den Preisanstieg ist. Ziegler spricht in seinem Buch zwar über das Produktivitätsproblem, thematisiert es aber zu wenig. Selbst wenn also die Spekulation mit Agrarrohstoffen schon morgen verboten würde, würde sich an diesen fundamentalen Gegebenheiten wenig bis nichts ändern.

Darüber hinaus wettert Ziegler gegen den Welthandel und die Welthandelsorganisation WTO sowie den Internationalen Währungsfonds. Er hält sie für Instrumente der Ausbeutung der armen Länder durch die industrialisierten Großmächte. Angesichts der düsteren Perspektiven für eine weitere Liberalisierung des Welthandels durch die WTO, müsste sich Ziegler keine allzu großen Sorgen machen, leider!

Ich glaube nicht, dass Zieglers Rezept des Aufrufs zum Widerstand in kleinbäuerlichen lokalen Strukturen dem globalen Problem des Hungers gerecht wird. Die Herausforderung der Ernährungssicherheit für bald einmal zehn Milliarden Erdenbewohner ist eine viel zu komplexe und ernste Sache, als dass eine ideologisch getriebene Polemik echte Lösungsansätze produzieren könnte. Um den Hunger bekämpfen und die Menschheit auch in Zukunft ernähren zu können, führt nichts an Investitionen, Wissenstransfer, der verantwortungsvollen Anwendung neuer Technologien und der Schaffung effizienterer Strukturen auf dem Terrain vorbei. Es ist wohl dem Temperament Zieglers zuzuschreiben, dass er durch seine nicht gerade diplomatischen Angriffe nicht in der Lage ist, die Koalitionen aufzubauen, die notwendig wären, um diese komplexe Herausforderung zu bewältigen.

Wir versuchen bei Nestlé – auch wenn wir weder Ländereien besitzen noch selber mit Agrarrohstoffen handeln – einen Teil zur Lösung beizutragen, indem wir weltweit mit 680.000 Bauern zusammenarbeiten, 1.000 Agronomen und 18.000 Landwirtschaftsexperten im Einsatz haben und in unseren mehr als 200 Fabriken in Entwicklungsländern erhebliche und zunehmende Mengen lokaler Agrarprodukte zu Lebensmitteln für den lokalen Konsumenten verarbeiten. Gibt es Schwierigkeiten und immer wieder neue Herausforderungen mit Produzenten, Zulieferern, Händlern, Behörden et cetera? Gewiss, aber der positive Einfluss auf die gesamte ländliche Entwicklung in den Regionen, wo diese »gemeinsame Wertschöpfung« stattfindet, ist unübersehbar.

Jean Zieglers Aufruf – der Hunger ist keine Fatalität! – ist berechtigt, seine Energie und sein »feu sacré« sind bewundernswert. Und doch ist seine Vision, so meine ich, einer politischen Perspektive der Vergangenheit verhaftet. Die Bewältigung der großen Herausforderungen der Zukunft erfordert die aktive, vorurteilslose Zusammenarbeit aller Akteure: Regierungen, internationale Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Zivilgesellschaft und private Firmen. Meine Erfahrung in der Water Resources Group – einem Zusammenschluss einzelner Regierungen, der International Finance Corporation und einiger privater Unternehmen zur konkreten Verbesserung des Wassermanagements – macht mich zuversichtlich, dass wir diese existenziellen globalen Probleme gemeinsam bewältigen können. Ich sehe die Zukunft optimistischer als Jean Ziegler.