HungerDie falschen Gegner

Jean Ziegler analysiert die Ursachen des globalen Hungers – doch er macht es sich zu einfach. von Peter Brabeck-Letmathe

Jean Ziegler

Jean Ziegler  |  © Claudia Daut/Reuters

Ich habe Jean Zieglers jüngstes Buch Destruction massive – Géopolitique de la faim gelesen, das unlängst auch in deutscher Übersetzung unter dem provokanten Titel Wir lassen sie verhungern erschienen ist. Das Buch ist mehr als ein Bericht des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, der Ziegler acht Jahre lang gewesen ist. Es ist auch ein Rückblick auf seinen Dritte-Welt-Aktivismus, die Anfänge des UN-Systems nach dem Zweiten Weltkrieg und auf seine Weggefährten. Es ist ein typischer »Ziegler«, voll von dramatischen Situationsbeschreibungen, unterlegt mit ein paar Statistiken. Es folgen harte Schuldzuweisungen mit scharfen Angriffen auf Personen, Organisationen und Strukturen.

Ziegler schreibt zu Recht: »Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert... Die Weltlandwirtschaft [könnte] problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren... Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar« – und weiter der bessere französische Originaltext: »Il n’existe donc à cet égard aucune fatalité. Un enfant qui meurt de faim est un enfant assassiné.« Zieglers Erzählung von den Schwestern Mutter Theresas in einem Dorf in Niger, die täglich ein paar hungernde Kinder ins Ambulatorium aufnehmen und Dutzende andere und ihre Mütter zurückweisen und zu einem elenden Schicksal verurteilen müssen, ist erschütternd. Seine Beschreibung der grauenvollen, auf Mangelernährung basierenden Krankheit Noma lässt niemanden unberührt.

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Ich teile Zieglers Kritik am Versagen der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit, die bis vor Kurzem die Landwirtschaft und den gesamten Agrarsektor aus den Augen verloren hatte. Es ist nicht akzeptabel, dass es der Menschheit gelungen ist, die Zahl unterernährter Personen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts trotz Bevölkerungswachstums kontinuierlich zu senken, diese Zahl nun aber seit der Jahrtausendwende wieder auf mehr als eine Milliarde Menschen nach oben geschossen ist. Jedoch teile ich Zieglers Erklärung für diese Entwicklung nicht: Den zunehmenden Hunger fast ausschließlich auf die internationale Spekulation mit Agrarrohstoffen zurückzuführen ist zu einfach – und vor allem keine Lösung für die vielen anderen Probleme, die dafür verantwortlich sind!

Peter Brabeck-Letmathe

ist Präsident des Verwaltungsrates der Nestlé AG.

Sicher hat die Spekulation den Anstieg und die Ausschläge der Rohstoffpreise verstärkt. Übrigens erwähnt Ziegler sehr zu Recht den direkten Einfluss der hohen Nahrungsmittelpreise auf die politischen Umwälzungen des Arabischen Frühlings. Sie waren ein wesentlicher Auslöser. Aber: Weder setzt noch bricht Spekulation diese längerfristigen Preistrends.

Stattdessen sorgen Bevölkerungswachstum, höherer Fleischkonsum der neuen Mittelklassen und die kriminelle Verwendung von Nahrungsmitteln zur Produktion von Biosprit – in diesem Punkt bin ich voll mit Jean Ziegler einig! – für eine steigende Nachfrage nach Agrarprodukten. Verschärft wird dieser Trend durch Urbanisierung und fortschreitende Erosion von Landwirtschaftsflächen. Die Fakten sind, dass wir jede Sekunde zwei Menschen mehr zu ernähren und 0,2 Hektar Agrarfläche weniger zur Verfügung haben.

Das Angebot kann in dieser Situation nur über die Produktivität erhöht werden, und dies wiederum setzt Investitionen in die Landwirtschaft voraus, die in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt wurden. Heute wächst die Produktivität deutlich langsamer, als die Bevölkerung zunimmt – was ein zusätzlicher Grund für den Preisanstieg ist. Ziegler spricht in seinem Buch zwar über das Produktivitätsproblem, thematisiert es aber zu wenig. Selbst wenn also die Spekulation mit Agrarrohstoffen schon morgen verboten würde, würde sich an diesen fundamentalen Gegebenheiten wenig bis nichts ändern.

Darüber hinaus wettert Ziegler gegen den Welthandel und die Welthandelsorganisation WTO sowie den Internationalen Währungsfonds. Er hält sie für Instrumente der Ausbeutung der armen Länder durch die industrialisierten Großmächte. Angesichts der düsteren Perspektiven für eine weitere Liberalisierung des Welthandels durch die WTO, müsste sich Ziegler keine allzu großen Sorgen machen, leider!

Ich glaube nicht, dass Zieglers Rezept des Aufrufs zum Widerstand in kleinbäuerlichen lokalen Strukturen dem globalen Problem des Hungers gerecht wird. Die Herausforderung der Ernährungssicherheit für bald einmal zehn Milliarden Erdenbewohner ist eine viel zu komplexe und ernste Sache, als dass eine ideologisch getriebene Polemik echte Lösungsansätze produzieren könnte. Um den Hunger bekämpfen und die Menschheit auch in Zukunft ernähren zu können, führt nichts an Investitionen, Wissenstransfer, der verantwortungsvollen Anwendung neuer Technologien und der Schaffung effizienterer Strukturen auf dem Terrain vorbei. Es ist wohl dem Temperament Zieglers zuzuschreiben, dass er durch seine nicht gerade diplomatischen Angriffe nicht in der Lage ist, die Koalitionen aufzubauen, die notwendig wären, um diese komplexe Herausforderung zu bewältigen.

Schuldfragen

Der Schweizer Jean Ziegler ist ein bekannter Globalisierungskritiker. Für die Sozialdemokraten saß er lange im Schweizer Parlament, zudem war er Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. In mehreren Büchern griff Ziegler die Führer von Industrieländern und globalen Konzernen an und gab ihnen eine Mitschuld am Hunger in der Dritten Welt. In seinem neuesten Buch, das nun auf Deutsch erscheint, befasst sich Ziegler vor allem mit der Rolle von Agrarspekulanten.

Zu Zieglers liebsten Gegnern zählt seit je der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Dessen früherer langjähriger Vorstandschef Peter Brabeck-Letmathe rezensiert Zieglers Buch.

Wir versuchen bei Nestlé – auch wenn wir weder Ländereien besitzen noch selber mit Agrarrohstoffen handeln – einen Teil zur Lösung beizutragen, indem wir weltweit mit 680.000 Bauern zusammenarbeiten, 1.000 Agronomen und 18.000 Landwirtschaftsexperten im Einsatz haben und in unseren mehr als 200 Fabriken in Entwicklungsländern erhebliche und zunehmende Mengen lokaler Agrarprodukte zu Lebensmitteln für den lokalen Konsumenten verarbeiten. Gibt es Schwierigkeiten und immer wieder neue Herausforderungen mit Produzenten, Zulieferern, Händlern, Behörden et cetera? Gewiss, aber der positive Einfluss auf die gesamte ländliche Entwicklung in den Regionen, wo diese »gemeinsame Wertschöpfung« stattfindet, ist unübersehbar.

Jean Zieglers Aufruf – der Hunger ist keine Fatalität! – ist berechtigt, seine Energie und sein »feu sacré« sind bewundernswert. Und doch ist seine Vision, so meine ich, einer politischen Perspektive der Vergangenheit verhaftet. Die Bewältigung der großen Herausforderungen der Zukunft erfordert die aktive, vorurteilslose Zusammenarbeit aller Akteure: Regierungen, internationale Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Zivilgesellschaft und private Firmen. Meine Erfahrung in der Water Resources Group – einem Zusammenschluss einzelner Regierungen, der International Finance Corporation und einiger privater Unternehmen zur konkreten Verbesserung des Wassermanagements – macht mich zuversichtlich, dass wir diese existenziellen globalen Probleme gemeinsam bewältigen können. Ich sehe die Zukunft optimistischer als Jean Ziegler.

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Leserkommentare
  1. Herr Brabeck,

    Mit Verlaub, Sie tun ja gerade so, als wäre Nestlé mit seiner Wasserpolitik ein Heilsbringer. Fakt ist doch, dass Nestlé Wasser als Konsumgut sieht, auf welches man als Grosskonzern Anrecht auf Ausbeutung besitzt.
    Nestlé ignoriert dabei den Willen der lokalen Bevölkerung, die eigenen Wasserquellen unangetastet zu lassen. Stattdessen deckt sie die Gemeinden mit Klagen und Gerichtsverfahren ein. Stichwort "Pure Life". Da gräbt man den lokalen Brunnen in Pakistan buchstäblich das Wasser ab, um danach der Bevölkerung das künstliche "Pure Life" zu verkaufen, welches nichts anderes ist, als das mit Vitaminen angereicherte Brunnenwasser - vorher frei verfügbar, nun aber für die arme Lokalbevölkerung unbezahlbar. Die dürfen jetzt gerne die krankmachende Brühe trinken, die noch übrig bleibt..
    Echter Wandel wird erst möglich, wenn Multis wie Nestlé endlich begreifen, dass Profit und unendliches (?!?!) Wachstum nicht über Leichen gehen darf. Dass die Wasserversorgung in die Hände der Regierung gehört, nicht in die Privatwirtschaft.
    Übrigens: selbst die FAO behauptet, Zitat: „Es ist effektiver, den Verlust von Nahrungsmitteln zu verringern, als die Produktion von Lebensmitteln zu steigern, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren“ Zitat Ende. Machen Sie es sich also bitte auch nicht zu einfach, wenn sie stattdessen nur mehr Produktivität fordern. Unsere Überflussgesellschaft schmeisst genau soviel weg, wie sie produziert. Fällt Ihnen etwas auf?

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    #Echter Wandel wird erst möglich, wenn Multis wie Nestlé endlich begreifen, dass Profit und unendliches (?!?!) Wachstum nicht über Leichen gehen darf. Dass die Wasserversorgung in die Hände der Regierung gehört, nicht in die Privatwirtschaft.#

    Das werden Unternehmen genauso wenig von selbst einleiten, wie Dikatoren freiwillig ihre Macht abgeben, zumal Nestle & Co im globalen Wettbewerb stehen und jede Profitmöglichkeit nutzen um Wachsen zu können(müssen).
    Kapitalismus ist in ethischer Ausführung nicht erhältlich.

    Nestle's Wasserpolitik ist sicherlich alles andere als lobenswert, steht hier aber auch gar nicht zur Debatte, da es ja im wesentlichen um Agrarproduktion geht.

    Was aber wesentlicher ist: sie verwechseln hier Produktivität und Produktion. Wenn ich etwas produziere und dabei viel Zwischenprodukt als Abfall bleibt ist das nicht besonders gut für die Produktivität des ganzen Prozesses. Und dass Lebensmittel weg geworfen werden, in großen Mengen und bei perfekter Genießbarkeit, ist ein Phänomen zu dem westliche Verbraucher am meisten beitragen, die nur optisch makellose Nahrungsmittel akzeptieren.

    Dass die Produktivität pro Anbaufläche steigen muss ist im übrigen bei den zitierten Zahlen auch klar, auch wenn hier noch ein bisschen Spielraum zu sein scheint (Versorgung von 12 Mia Menschen möglich / 7 Mia Menschen auf der Erde; auch wenn der Trend zur Umkehrung besteht).

    • agnost
    • 21. Oktober 2012 22:41 Uhr

    endlich erklären Sie uns, wie's wirklich läuft.
    Ich bin voll auf Ihrer Linie, meiner Meinung nach sollte jeder Tropfen Wasser dieser Erde ein Branding erhalten und auf den Börsen dieser Welt gehandelt werden.
    Außerdem sollten wir anstatt Bio- Sprit herzustellen, lieber jeden Überschuss an Hybridgetreide nach Afrika liefern um lokale Märkte zu zerstören und die N**** dazu zu zwingen uns jedes Jahr von neuem zu bitten.
    Dadurch können wird dann auch endlich die Schulden zurückpressen und die Kolonialisierung wieder vorantreiben.
    Schließen möchte ich mit einem Zitat:
    "Der Kolonialisator kann nichts Unrechtes tun, was er tut, wird gerecht. Es ist seine Pflicht, dass zu tun, was er will - Cecil Rhodes"
    Machen Sie weiter so

  2. einen Menschenrechtler wie Jean Ziegler zurechtweisen will, habe ich heute dafür nur noch ein müdes Lächeln!

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    • bayert
    • 22. Oktober 2012 7:55 Uhr

    Bei Ziegler sind die Amis, der Westen und die Konzerne schuld. Man könnte fragen ob die Afrikaner ein Recht auf Teile der US-amerikanischen Maisernte haben. Simbabwe ist ein Beispiel für ein Land, das von einer ehemaligen Kornkammer zum Narungsmittelimporteur wurde. Ich persönlich sehe auch eine Mitschuld bei den Menschen in Afrika. Wer sich selbst nicht ernähren kann, sollte nicht mehrere Kinder in die Welt setzen.

    "Wer sich selbst nicht ernähren kann, sollte nicht mehrere Kinder in die Welt setzen."

    Zu diesem Kommentar kann ich gar nichts mehr sagen, so absurd erscheint er mir.

    • negve
    • 21. Oktober 2012 16:59 Uhr

    Hier ein schönes Interview.

    http://www.youtube.com/watch?v=qyAzxmN2s0w

    Herr Brabek, der fleischgewordenen Mr. Burns.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • eazy-i
    • 21. Oktober 2012 18:28 Uhr

    „Als Mensch sollten Sie einfach [ein] Recht haben, um Wasser zu haben – Das ist die eine Extremlösung.“

    Ein Klassiker.

    Wie wäre es denn - in Anlehnung an den aktuellen Literaturnobelpreis für den Traditionschinesen Mo Yan- die zukunftsträchtigen Ideen des Herrn Brabeck mit einem Nobelpreis für "gerechte Naturressourcenverwertung" zu ehren?

  3. Sorry, ein Konzern, der am liebsten aus einem Grundbedürfnis wie Trinkwasser ein Lifestyle-Produkt machen würde, kann ich nicht wirklich ernst nehmen.

    Eine Leserempfehlung
  4. Is klar.

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    mit Ziegler! Ich muß es nochmal niederschreibren, was Jean Ziegler auf die letzte Frage "was tun?" des Interviewers antwortet:
    George Bernanos schreibt: "Gott hat keine anderen Hände als wir".
    Entweder wir ändern die kannibalistische Weltordnung - oder sonst tut es niemand.

    Ich selbst bin auch davon überzeugt, daß dieser Weg des Raubtierkapitalismus, der unbeirrt von der großen Wirtschaftspolitik weiterverfolgt wird, direkt in die Entmenschlichung führt an deren Ende logischerweise, wenn dann einmal für ALLE nichts mehr zu essen da ist, der ganz reale direkte Kannibalismus steht! Menschen werden sich dann gegenseitig auffressen wie die hungrigen Wölfe!

  6. "Darüber hinaus wettert Ziegler gegen den Welthandel und die Welthandelsorganisation WTO sowie den Internationalen Währungsfonds. Er hält sie für Instrumente der Ausbeutung der armen Länder durch die industrialisierten Großmächte."

    Damit steht Ziegler nicht alleine. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz schrieb darüber vor Jahren schon ein Buch mit dem Titel "Die Schatten der Globalisierung".

    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schatten_der_Globalisierung

    • dylan51
    • 21. Oktober 2012 17:57 Uhr

    Nestle! Brunnenvergifter gehören hinter Gitter.

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  • Schlagworte Jean Ziegler | Hungersnot | Sachbuch | Buch | Literatur
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