Jonathan Meese ist, was man im Feuilleton gern respektvoll ein »Phänomen« nennt: eine im kulturellen Establishment fest verankerte Größe, von der jede Kritik schon deshalb rückstandslos abperlt, weil der Erfolg sich längst wie eine schützende Membran um sie gelegt hat. Auf den Unterhaltungsbühnen des Kunstbetriebs und des angeschlossenen Medienzirkus gibt Meese seit gut zehn Jahren lautstark den notorischen Wirrkopf. Das klingt undankbarer, als es ist, denn gerade in Sachen bildende Kunst steht das Wirre traditionell unter besonderem Genieverdacht, vom Notorischen ganz zu schweigen. Die mittlerweile zu moderater Berühmtheit gelangte Kunstfigur, die er dabei derart inbrünstig zur Schau stellt, dass er aufpassen muss, sich nicht allmählich mit sich selbst zu verwechseln, ist ein selbstverliebt geschwätziger, kraftmeierisch polternder Schalksnarr und Prahlhans, dessen grobe Körnung durch gerade so viel Beigabe kindlich naiver Sanftmut entschärft wird, um im TV noch als Vorabendkulturtipp durchgehen zu können.

Dass der Selbstdarsteller-Darsteller Meese bei seinen Auftritten ein monomanes Verhaltensrepertoire vorführt, das in anderen Kontexten als pathologisch empfunden würde, verbuchen erstaunlich viele Rezensenten als sicheren Ausweis des Authentischen. Das spricht für Einfühlungsbereitschaft, zeigt aber leider auch, dass sie nicht zwischen Rolle und Schauspieler unterscheiden gelernt haben. Auch dass das latent Kindliche bei Meese ständig ins offensichtlich Kindische umschlägt, findet emphatische Fürsprecher. In aller Regel wird noch der läppischste Nonsens von wohlmeinenden Exegeten zu einem Akt karnevalesker Mythenzertrümmerung in sozialtherapeutischer Absicht überhöht.

Nicht zu leugnen ist, dass bei Meese eine Form des Närrischen zur Entfaltung kommt, die einem den Atem rauben kann. In kleinen Dosen tut sein Unsinn niemandem weh. In größeren Gebinden hingegen ist er nur schwer zu ertragen. Dass der Suhrkamp Verlag jetzt Ausgewählte Schriften Meeses zur Diktatur der Kunst in einem über 650 Seiten starken Band veröffentlicht hat, dürfte deshalb nur für Fans literarischer Grenzerfahrungen eine gute Nachricht darstellen. In quälender Ausführlichkeit führt Meese seine Leser darin in eine idiosynkratische Parallelwelt aus hanebüchen verdrehten Bildungsschnipseln, pennälerhafter Großtuerei und überdrehter Manifestrhetorik. Leitmotiv ist seine krause Lieblingsidee, nach der dem Erlösungswerk der Kunst die Demokratie im Wege stehe. »Man hätte am Tag nach dem Tod von Adolf Hitler sagen können: Jetzt ist Sense«, heißt es da etwa: »Keine demokratischen Prozesse mehr. (...) Keine Menschenherrschaft mehr. (...) Nein, was hat man gemacht? Man hat Adolf Hitler in diesem Land in siebzig Millionen Oblaten geteilt – den Körper – und den Demokraten ins Maul gesteckt, damit sie alle selber Führer werden. (...) Jeder Mensch ist Gott. Das ist die Konsequenz der Weltdiktatur der Demokratie, die nur mickrige Kultur erzeugt.«

Nach welchen Kriterien die Auswahl der Meeseschen Schriften getroffen wurde, möchte man angesichts solch alberner Sottisen nicht wissen. »Jonathan Meese spricht so wie ihm der Schnabel gewachsen ist«, verspricht der Umschlagtext. Daran zu glauben wäre angesichts des hohen inszenatorischen Aufwands, der hier getrieben wurde – das Buch wird allen Ernstes von einem Glossar begleitet –, ein Fehler. Ein noch größerer allerdings wäre es, diese mühselig stolpernde Parodie utopisch ästhetischen Denkens auch nur einen Augenblick lang ernst zu nehmen.