So aberwitzig manche Geschäftsverbindung auch ist, in Kärnten drückt die Staatsanwaltschaft gerne beide Augen zu. Erst im dritten Anlauf landete die Affäre rund um das inhaltlich magere, aber sechs Millionen Euro teure Gutachten des Villacher Steuerberaters Dietrich Birnbacher zum Verkauf der Hypo Alpe Adria Bank vor Gericht. Nur eine Anzeige bei der Korruptions-Staatsanwaltschaft Wien brachte das Verfahren ins Rollen. Im Prozess kam ans Licht, dass ein Teil des Honorars zur Verschleierung von Parteienfinanzierung vorgesehen war. Vor zwei Wochen endete das Verfahren in erster Instanz mit saftigen Haftstrafen.

Was in Kärnten im Dunstkreis der Politik alles möglich ist, hat auch der Tourismusmanager Christian Kresse erfahren. Seit zwei Jahren leitet er die Kärnten Werbung. Dort, sagt der 43-Jährige, werde er »die Geister der Vergangenheit« nicht los. Der verstorbene Landeshauptmann Jörg Haider, Angelpunkt der meisten Skandale, hinterließ ihm etwa eine Mitarbeiterin: seine Tochter Cornelia. Angestellt wurde sie ohne Ausschreibung, derzeit befindet sie sich in Karenz.

Auch alte Freundschaftsbande des Landesvaters verfolgen die Fremdenverkehrswerber seit Langem. Eine Zufallsbekanntschaft Haiders, die er anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats durch eine Mailänder Privat-Uni gemacht hatte, wurde zur zentralen Figur für die Aktivitäten der Kärnten Werbung in Italien, die bis heute nicht aufgeklärt werden konnten.

Ab dem Jahr 2006 erhielt der Süditaliener Giorgio Garofalo, angeblich Fußballberater, Sponsoring-Gelder aus dem Budget der Tourismusvermarkter. In einem Vertrag wurden ihm zwei Millionen Euro zugesichert, um im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft 2008 den Austragungsort Kärnten in Italien zu bewerben. In Klagenfurt fanden zwar nur drei Vorrundenspiele statt, dennoch verschlang das Projekt Fußball insgesamt 20 Millionen Euro. 250.000 Euro davon wurden im Zuge einer Sponsoring-Aktion bei dem FC Köln bereitgestellt, Geld floss auch an den SC Napoli oder an den kroatischen Club Hajduk Split; zum Teil ohne plausible Rechnungen, wie der Landesrechnungshof kritisierte. Exemplarisch für dieses Geldkarussell ist der Garofalo-Deal.

In Klagenfurt stellte Werner Bilgram, damals Chef der Kärnten Werbung, den Haider-Spezi Garofalo als Fußball-Insider mit besten Kontakten zur italienischen Fußballnationalmannschaft vor. In einem Sponsoring-Vertrag zwischen Garofalos Marketinggesellschaft BTI und der Kärnten Werbung wurde festgelegt, dass bei Spielen der Squadra Azzurra vor der EM das Kärnten-Logo im Stadion prangen solle. BTI wurde von Bilgram als Marketinggesellschaft des italienischen Fußballverbandes bezeichnet.

Als sich im Sommer der ORF auf die Spur der Millionen begab und sich in Rom beim italienischen Fußballverband FIGC erkundigte, verblüffte dessen Sprecher Diego Antenozio mit der Aussage: »BTI war nie unser Marketingpartner, und Giorgio Garofalo kennt man in Italien nur als Leiter eines Reisebüros. Wir benötigen keine Vermittler. Wir schließen Sponsoring-Verträge ausnahmslos mit eigenen Anwälten und Marketingexperten ab, die in unserem Büro in Rom sitzen.« Man habe nie mit Kärnten kooperiert und auch kein Geld bekommen.

Auf dem Marketingvertrag fehlte die Unterschrift des Projektleiters

Ein Anruf in Italien hatte genügt, um das herauszufinden. Vergeblich hatte bis dahin die Klagenfurter Staatsanwaltschaft jahrelang in dem Fall ermittelt. Das Verfahren wurde aus Mangel an Beweisen 2008 eingestellt, behauptete der Sprecher Helmut Jamnig. Mit dieser Erklärung gab sich die Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien allerdings nicht zufrieden. Sie begann nach dem Fernsehbericht zu ermitteln. Weil die Klagenfurter Behörde den Fall aber schon einmal aufgerollt hatte, landete nun der Akt erneut in der Kärntner Landeshauptstadt.

Dort hatte man schon vor Jahren viele Fragen nicht beantworten können. Wo sind die Millionen? War Garofalo nur Haiders Strohmann und Teil einer Geldbeschaffungsaktion für seine Partei? Und welche Rolle spielte Werner Bilgram, der Tourismuschef von Haiders Gnaden?

Genau das wollte die Wirtschaftskammer Kärnten, sie ist Miteigentümerin der Kärnten Werbung, schon vor sechs Jahren klären. Denn, so meint Präsident Franz Pacher, »bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt hatten wir nicht den Eindruck, dass sie von sich aus etwas unternimmt«. Also bat man im Jahr 2006 den österreichischen Außenhandelsdelegierten in Mailand bei einem Lokalaugenschein in der Viale S. Michele del Carso 12, der Firmenadresse von Giorgio Garofalo, das angebliche Büro für das Kärnten-Marketing zu fotografieren. Doch der Delegierte fand nur Wohnhäuser, aber weder ein Türschild noch Marketingmitarbeiter.

»Wir vermuteten, dass über Dottore Garofalo Kickback-Zahlungen nach Kärnten geflossen sind«, sagt Rolf Holub von den Grünen, der viele Skandale rund um Haider und seine Amici aufgedeckt hat. Der Untersuchungsausschuss, den er 2008 initiierte, konnte diesen Verdacht allerdings nicht beweisen.

Aufklärungsbedürftig bleibt der Italien-Vertrag hingegen weiterhin. Zwei Gutachter einer Partnerfirma von Uefa und Fifa bezeichneten die Sponsoring-Vereinbarungen als »juristisch wertlos«, weil die Gegenleistungen nicht genau definiert wurden. Warum erhielt der Kärntner Anwalt Gerhard Lesjak dennoch ein Honorar von 227.000 Euro für einen Vertrag, in dem Namen falsch geschrieben sind und die Unterschrift des Projektleiters der EM, von Haiders ehemaligem Sekretär Franz Koloini, fehlt? Laut dem Präsidenten der Rechtsanwaltskammer Österreich, Rupert Wolff, dürfte der Vertrag höchstens mit 12.000 Euro zu Buche schlagen. Lesjak, der auch Franz Koloini vertritt, will dazu nicht Stellung nehmen.