ESM-Chef"Die Märkte haben versagt"

Der Chef des neuen Euro-Rettungsfonds betont die Fortschritte der Krisenstaaten. Die Angst vor Inflation hält er für übertrieben. von  und

ESM-Chef Klaus Regling

ESM-Chef Klaus Regling  |  © Stephen Morrison/dpa

DIE ZEIT: Herr Regling, diese Woche hat der Rettungsfonds ESM mit Ihnen als Chef den Betrieb aufgenommen . Beenden Sie die Krise?

Klaus Regling: Geld alleine löst die Probleme nicht. Auf nationaler Ebene müssen Reformen umgesetzt, auf europäischer Ebene muss die Abstimmung der Wirtschaftspolitik verbessert werden, und auf beiden Ebenen ist schon viel passiert. Aber es sind eben auch Finanzhilfen nötig. Sie verschaffen uns die Zeit, die für die Umsetzung der nötigen Reformen nötig ist.

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ZEIT: Wie meinen Sie das?

Regling:Finanzkrisen haben immer ein ähnliches Muster: Es läuft etwas schief in der Wirtschaftspolitik eines Landes, und die Investoren bemerken zuerst nichts. Irgendwann merken es alle auf einmal, und es droht die Staatspleite, weil niemand diesem Land mehr Geld leihen will.

ZEIT: Würde die Wirtschaft saniert, flösse wieder Geld. Warum muss der Steuerzahler ran?

Klaus Regling

In den neunziger Jahren war Klaus Regling, 62, für das Bundesfinanzministerium unter Theo Waigel an den Verhandlungen über die europäischen Schuldenregeln beteiligt. Danach wurde er Generaldirektor für Wirtschaft und Währung bei der EU-Kommission. Seit 2010 leitete der Volkswirt den provisorischen Hilfsfonds EFSF, am Montag übernahm er dessen Nachfolger ESM. Regling stammt aus Lübeck.

Regling: Weil es dauert, bis die Märkte Reformfortschritte honorieren. Auch das wissen wir aus Erfahrung. Deshalb wurde auf globaler Ebene als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise der Internationale Währungsfonds ( IWF ) gegründet. Er greift ein und erleichtert damit die Anpassungsphase. Es gab in seiner Geschichte Hunderte Hilfsprogramme. Nahezu alle diese Programme haben funktioniert. Etwas Ähnliches machen wir jetzt in Europa.

ZEIT: Besteht nicht die Gefahr, dass niemand mehr reformiert, wenn Sie zu viel Geld verteilen?

Regling: Deshalb knüpfen die Euro-Staaten und der IWF die Kredite an Auflagen und kontrollieren alle drei Monate, ob diese Auflagen eingehalten werden. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es kein Geld. Ich glaube, dass in Deutschland manchmal ein Zerrbild der Lage gezeichnet wird. Es ist schlicht falsch, dass es keine Fortschritte gibt. Sehen Sie sich um in Irland , in Spanien oder in Portugal : Die Wettbewerbsfähigkeit steigt, das Staatsdefizit geht zurück. Selbst Griechenland verzeichnet erstmals seit Mai 2010 einen kleinen Leistungsbilanzüberschuss.

ZEIT: Sie sprechen auf der ganzen Welt mit Investoren. Wie sehen diese die Lage in Europa?

Regling: Ich war vor drei Wochen in Asien , und viele Investoren haben mir gesagt, dass sie weniger pessimistisch sind als noch vor einem halben Jahr. Es setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass auf nationaler Ebene viel geschehen ist und wir auf europäischer Ebene über neue Instrumente verfügen. Es bleibt noch viel zu tun, aber die Stimmung hat sich ganz klar verbessert.

ZEIT: Die Menschen in den betroffenen Ländern leiden trotzdem. Sind die Auflagen zu hart?

Regling: In der Tat steigt die Arbeitslosigkeit, und die Einkommen sinken. Für die betroffenen Menschen ist es hart. Aber dazu gibt es leider keine Alternative.

ZEIT: Man muss mit den sozialen Folgen leben?

Regling: Wenn diesen Ländern nicht geholfen würde, müssten sie sich noch viel rasanter anpassen. Das wäre für die Bevölkerung noch härter. Es gibt unterschiedliche Wege, den Haushalt zu sanieren, deshalb haben die einzelnen Staaten politische Spielräume, die sie nutzen können. Aber saniert werden muss – so oder so.

ZEIT: Was ist noch zu tun?

Regling: Bei der Haushaltskonsolidierung und der Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit ist mindestens die Hälfte der Wegstrecke erreicht. Wenn der Reformkurs fortgesetzt wird, ist dieser Teil der Anpassung in zwei Jahren erledigt. Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeitslosigkeit dann schon wieder abgebaut ist. Das wird mehr Zeit in Anspruch nehmen.

ZEIT: Reichen bis dahin die 500 Milliarden Euro in Ihrer Kriegskasse aus?

Regling: Der ESM hat keine Kriegskasse. Er stellt Kredite zur Verfügung, damit Staaten wirtschaftspolitische Anpassungsprozesse vornehmen können, falls dies erforderlich ist. Und natürlich gilt: Je größer der Betrag ist, desto mehr Eindruck hinterlässt er bei den Marktteilnehmern. Aber wir müssen auch sehen, was sich in den Euro-Staaten politisch durchsetzen lässt. Ich glaube, dass wir mit der jetzigen Lösung auf absehbare Zeit gut arbeiten können. Im Moment liegt für den ESM noch gar kein Hilfsantrag vor.

ZEIT: Wird Spanien Ihr erster Kunde werden?

Regling: Das hängt von der Regierung in Madrid und der Marktentwicklung ab. Die Zinsen am Kapitalmarkt sind für Spanien gesunken, deshalb ist das Land derzeit nicht darauf angewiesen, Hilfskredite zu bekommen.

Leserkommentare
  1. "Deshalb knüpfen die Euro-Staaten und der IWF die Kredite an Auflagen und kontrollieren alle drei Monate, ob diese Auflagen eingehalten werden. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es kein Geld."

    [...] Gekürzt. Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/kvk

  2. nach Lust und Laune gebogen und gebrochen-diesen Leuten würden dermassen lange Nasen wachsen, wenn sie denn Pinocchio hiessen. ... aber das alles ist ein schönes Konstrukt, um die Leute entgültig der Knechtschaft des Kapitals und Enteignung zu unterwerfen.

    8 Leserempfehlungen
    • Gerry10
    • 11. Oktober 2012 7:13 Uhr

    "...der Internationale Währungsfonds (IWF) gegründet. Er greift ein und erleichtert damit die Anpassungsphase. Es gab in seiner Geschichte Hunderte Hilfsprogramme. Nahezu alle diese Programme haben funktioniert."

    Die Aussage hätte ich gerne bewiesen bekommen. Mir fällt im Moment kein Land ein in dem es den Menschen besser geht nachdem der IWF dort war/ist. Andererseits fallen mir jede Menge ein in denen es schlechter wurde, bzw. der IWF rausgeworfen worden ist.

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  3. ...die am Erhlt ihres millionenschweren Sessels interessiert sind, gibt es in Brüssel und anderswo in Legionenstärke, dei muß Regling nicht auch noch verstärken. Der einzige Grund für Griechenlands "kleinen Leistungsbilanzüberschuß" ist die Nichtbezahlung ihrer Außenstände an Lieferanten von Leistungen.

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  4. Regling: "In der Tat steigt die Arbeitslosigkeit, und die Einkommen sinken. Für die betroffenen Menschen ist es hart. Aber dazu gibt es leider keine Alternative."

    Wie lange müssen wir uns diese Verhöhnungen eigentlich noch anhören? Man kann nur hoffen, dass diese Gangster eines Tages ins Gefängnis wandern. Für immer.

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    Wollen Sie etwa Krieg? Wenn nicht die Märkte befreit werden von den Fesseln der Staaten und den Fesseln, die ihnen die linken Wutbürger und Gutmenschen anlegen, dann wird es diesen geben! Überall auf der Welt erschallt in Unternehmen und an den Märkten der sehnsüchtige Ruf nach Freiheit!

    Die Bürger Europas haben lange genug abstimmen dürfen, wie ihre Regierungen und Parlamente zusammengesetzt sind. Die Bürger Europas habe sich bedient und weit über ihre Verhältnisse gelebt. Das muss jetzt korrigiert werden. Es kann nicht sein, daß Leute entweder überhaupt nicht arbeiten oder mit 50 in Rente gehen und andere das auch noch bezahlen sollen.

    Eine komplett Reform Europas ist notwendig. Und zwar auch aus christlicher Sicht. In einer Gesellschaft mit Freiem Markt kann sich nämlich auch Gott entfalten und bekommt wieder die Bedeutung im Leben der einfachen Menschen, die ihm, dem Schöpfer des Himmels und der Erde zusteht.

  5. der Regling ist auch so ein Lügner.

    Der Leistungsbilanzüberschuss den Herr Regling hier als positiv hervortut kommt wohl daher das Griechenland mangels Geld nichts mehr importieren kann bzw. wesentlich weniger importiert als noch vor 2010.
    Halbwahrheiten kann er Dümmeren erzählen. Die Preise sind in Griechenland aber die gleichen geblieben. Konnte man gestern bei Plusminus sehen. 10 Eier kosten dort bei Lidl 1,99 Euro, 1 Kilo Zucker 1,09 Euro.

    Klaus Regling ist auch nur eine Marionette der Hochfinanz.
    Wie soll das ein griechischer Rentner mit 400 - 500 Euro alles bezahlen. Den Korrupten griechischen Politikern ist das doch egal. Die haben sich jahrzehntelang bereichert. Die müssen leider nicht bluten, für den Mist den sie angerichtet haben.

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  6. ... allenfalls Marktteilnehmer, aber das wird nicht durch Staatspleiten, sondern durch betriebswirtschaftliche Ergebnisse, ggf. Unternehmenspleiten, indiziert. Gescheitert ist die Politik, die falsche Anreize setzte, bzw. Regierungen, die als Marktteilnehmer versagten. Ein tiefgreifendes gesellschaftspolitisches Versagen besteht darin, dass eine Elite in allen Bereichen herangezogen worden ist, die nicht mehr selbständig denken kann. Es mangelt diesbezueglich an Persoenlichkeit, insb. an Courage, aber auch an Intellekt und Sozialkompetenz, was durch die Intention, moeglichst nur kritiklose Nachläufer einzustellen, zum Ausdruck kommt. Ergebnis ist u.a. das Schwarmverhalten ganzer Branchen.

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    dass sich das auch nicht ändern wird, weil es fast niemand merkt.

  7. es gibt Marktteilnehmer und Märkte. Was kann der Markt (z.B. der Wochenmarkt) wenn der Obsthändler dort Erdbeeren aus China verkauft statt aus Spanien?

    Die Krisen wurden durch staatlichen Zwang ausgelöst. Die Immobilienkrise wurde vom amerikanischen Staat mitverursacht und die Eurokrise haben auch etliche Staaten durch das vertuschen von Blasen verursacht.

    Die Welt ist halt doch recht Komplex.

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