Kunst im NetzDie digitalen Trendsetter

Wird das Internet nach der Buch- und Musikbranche auch den Kunsthandel verändern? von Dominikus Müller und Kito Nedo

Britta Thies' Video "Shooting" (2009) auf Vimeo wurde 70.000 Mal geklickt. Doch Erfolg im Netz bedeutet nicht automatisch eine Nachfrage bei Kunstsammlern.

Britta Thies' Video "Shooting" (2009) auf Vimeo wurde 70.000 Mal geklickt. Doch Erfolg im Netz bedeutet nicht automatisch eine Nachfrage bei Kunstsammlern.   |  © Screenshot/ZEIT ONLINE

Als Forrest Nash 2008 seine Webseite Contemporary Art Daily, kurz CAD, ins Leben rief, war er noch Student an der Kunsthochschule in Chicago. Nur wenige Jahre später ist aus dem kleinen Blog eine der mächtigsten Kunst-Geschmacksinstanzen im Netz geworden. Jeden Tag wird auf der Seite vor weißem, schlichten Hintergrund mindestens eine Ausstellung präsentiert – immer in perfekt bearbeiteten, hochauflösenden und zoombaren Fotos, sparsam ergänzt nur mit Basisinformationen und, wenn verfügbar, dem Pressetext der jeweiligen Ausstellung. Immer dabei aber sind die Buttons der Social-Media-Giganten wie Facebook und Twitter. Die Sofortvernetzung ist nie mehr als einen Klick entfernt. Betrachtet man den Erfolg der Seite, könnte man schnell auf die Idee kommen, dass sich die Kunstszene im Netz heute größtenteils mit den Empfehlungen von Ausstellungen beschäftigt. Das ist auch so. Was aber machen die sozialen Medien tatsächlich mit der Kunst und ihren Wertschöpfungsketten?

Was CAD als Medienformat betrifft, ist zunächst einmal das Verschwinden von Kritik augenfällig. Der einzige redaktionelle Eingriff besteht in der Auswahl der Ausstellungen: Das Prinzip CAD funktioniert allein über Türpolitik auf der Basis von Geschmack. Wie ein digitales Trüffelschwein wühlt sich die Redaktion durch Empfehlungen, Einsendungen und den übrigen täglichen Informationswust, der durch den zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb abgesondert wird, um ganz bestimmte Künstler und Galerien durch das Erscheinen auf der Seite zu adeln. Nur so gelingt es dem Blog, als stilbildendes Medium eine jüngere, internetaffine und distinktionsvernarrte Crowd an sich zu binden. Der New Yorker Kunsthistoriker Michael Sanchez geht diesbezüglich sogar noch weiter. Für ihn ist Contemporary Art Daily der Ort, an dem sich die Bilder treffen, um »in einem neuen erweiterten Rahmen zu netzwerken. Die weißen Wände der Galerie verschmelzen mit den weißen Webseiten.« Genau das macht die Seite attraktiv für den Kunstmarkt. Seit Kurzem kann man sich für 500 US-Dollar dort auch als »Contemporary Art Venue« eintragen lassen. Früher waren die Distinktionsmanöver der Deutungsmächtigen weniger einfach nachzuvollziehen. Heute rechnen Statistikroboter die feinen Unterschiede in harte Fakten um. Die Berliner Kunstkritikerin Barbara Buchmaier hat sich jüngst die Mühe gemacht, die bislang am häufigsten gefeatureten Künstler der ihrer Ansicht nach »recht trend-basierten Website« zu recherchieren. Ganz oben auf der Liste: Heimo Zobernig, Danh Vo, Klara Liden oder R. H. Quaytman. Anders gesagt: Vor allem diskursive und formal-abstrakte Ansätze werden hier von den Gralshütern des guten Geschmacks in die virale Umlaufbahn geschossen.

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Ebenso signifikant an Contemporary Art Daily aber ist das Fehlen jenes offensiven Mitmachgestus, der noch vor Kurzem den Raum des Internets bestimmte. Auf Seiten wie www.saatchionline.com, die der Werber und Sammler Charles Saatchi 2006 noch unter dem suggestiven Namen Your Gallery ins Leben gerufen hatte, konnten Künstler ihre eigenen Arbeiten präsentieren, sich selbst promoten und direkt an Interessenten verkaufen – ohne Gesichtskontrolle. Auch wenn die Seite zwar nach wie vor viel Traffic generiert, umweht sie inzwischen der Geschmack des leicht Abgestandenen – den einmal berühmten Mitmachplattformen Second Life oder Myspace nicht unähnlich. Warum? Der Durchmarsch der sozialen Medien in den vergangenen Jahren hat deutlich gemacht, wie sehr die einstmals emanzipatorische Idee des Mitmachens auf Seiten wie Facebook zur Ware geworden ist. Partizipation ist 2012 vor allem eins: ein Albtraum. Natürlich soll man auch auf CAD weitersagen und verteilen. Selbst einstellen – am Ende noch die eigene Kunst – kann man allerdings nichts mehr.

Das Schicksal von Your Gallery ist symptomatisch für eine Reihe von Versuchen, den Kunstverkauf direkt über das Internet abzuwickeln. So richtig erfolgreich war damit bislang noch niemand. Auch die erst in den letzten Jahren mit viel PR gestarteten Aktivitäten der Online-Kunstmesse VIP Art Fair – gegründet 2011 als erste ausschließlich im Netz stattfindende Kunstmesse – oder das artnet-auctions-Projekt, das seit einigen Jahren versucht, den Auktionsbetrieb mehr schlecht als recht ins Netz zu verlagern, scheinen das endgültige Erfolgsrezept noch nicht gefunden zu haben. Das große Geld und auch den Glamour, der die Kunstwelt nach wie vor umweht, sucht man hier vergebens. Amazon- und eBay-Mechanismen sind einfach nicht die passenden Werkzeuge für den seriösen Kunsthandel. Wer sich auf diesen Webseiten durch die Angebote klickt, findet nur selten etwas anderes als Editionsware und Grafik. Natürlich wird auch hier vermutlich Geld verdient, doch in der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes spielen diese Angebote keine große Rolle.

Dass man im Kunstbetrieb mit einer eher netzskeptischen Attitüde auch im Jahr 2012 reüssieren kann, mag vor diesem Hintergrund nicht verwundern. »Es hängt alles sehr an Einzelpersonen, an Entscheidungsträgern, wenn man so will: am Kritiker, der sich entscheidet, etwas zu schreiben, am Kurator, der sich entscheidet, einen Künstler in eine Ausstellung zu nehmen, am Sammler, der sich entscheidet, ein Werk zu kaufen«, sagt etwa Tobias Naehring, ein Junggalerist aus Leipzig. Auf der Webseite seiner Galerie gibt es nichts anzuklicken. Außer Öffnungszeiten, Künstlernamen und der aktuellen Ausstellung findet man dort wenig. »Mit dem Internetauftritt sind einige meiner Künstler sicherlich nicht zufrieden«, gibt Naehring unumwunden zu und bezeichnet seine Internetstrategie eher als eine »der Verweigerung«. Er verschicke zwar digital Arbeiten und Angebote an interessierte Kuratoren und Sammler, aber nie an solche, die er nicht kenne. Kontakte würden online eher gepflegt als geknüpft.

Auch wenn die Kunst sich zu Anlässen wie etwa der Documenta gern im Licht der größtmöglichen Öffentlichkeit sonnt, auch wenn ihr nach wie vor der alte Avantgarde-Traum von der Auflösung im Leben eigen ist, so lebt der Kunstmarkt doch immer auch von Intransparenzen und Verknappung. Während beispielsweise im Popbusiness die Masse ihre Könige macht, funktioniert der Kunstbetrieb anders: Dort sind es kleine, aber mächtige Kreise, in denen über die Karriere eines Künstlers entschieden wird. Die richtigen Leute zu kennen, die richtige Galerie zu wählen, seine Werke an den richtigen Sammler zu bringen, das ist es, was zählt. Ein elitäres Geschäft, in der es auf Masse nicht in erster Linie ankommt. Deshalb sagt ein Erfolg im Internet – anders als etwa in der Musikindustrie – noch nichts Wesentliches über den wirtschaftlichen Erfolg eines Künstlers aus. Obwohl ihr viral erfolgreiches Video Shooting (2009) auf der Videoplattform Vimeo fast 70.000-mal angeschaut wurde, kann die junge Berliner Künstlerin Britta Thie nicht automatisch eine ähnlich hohe Summe als Verkaufspreis verlangen. Lady Gagas ökonomischer Erfolg lässt sich auch an ihren 50 Millionen Fans auf Facebook ablesen. Der Multimillionär Damien Hirst hingegen »gefällt« nur etwas mehr als 42.000 Facebook-Nutzern, und Jeff Koons kommt gerade mal auf 32.000 Facebook-Fans.

Und so ist es auch kein Wunder, wenn sich einige Akteure des Kunstbetriebs bereits wieder vom digitalen Versprechen verabschieden. Noch im vergangenen Jahr entschloss sich die Berliner Galerie CFA dazu, eine eigene App für das iPad zu entwickeln. Mittlerweile ist die Begeisterung für alles Digitale merklich abgekühlt. »An der CFA-App haben weder meine Künstler noch die Galerie etwas verdient«, sagt CFA-Galerist Bruno Brunnet: »Die Einzigen, die etwas verdient haben, sind die Leute bei Apple.« Dabei kümmert sich die Galerie, die Künstler wie die Brüder Tobias, Georg Baselitz oder Daniel Richter vertritt, seit Jahren vorbildlich um die Kunstvermittlung im Internet, präsentiert auf ihrer Website Videoclips und Kataloge. Als er vor anderthalb Jahren das erste Mal von Apps gehört hatte, dachte der Galerist noch, das sei die Zukunft. 70000 Euro habe er in der Anfangseuphorie in das App-Abenteuer investiert. Doch selbst für eine große Galerie wie CFA stimme hier, so Brunnet, das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen nicht. Die Pflege der App sei enorm aufwendig, schon um die Rechte für ein einziges Bild zu klären, seien Briefe, E-Mails und Anrufe notwendig: wertvolle Zeit, die man auch für die Realisierung von museumsreifen Ausstellungen nutzen könne. Digital ist eben nicht immer besser. Vor allem dann nicht, wenn es um den Profit geht.

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Leserkommentare
  1. Externe Links anbieten, liebe Zeit, ist immer noch unter Ihrer Würde? Im Jahre 2012? In einem Artikel über Websites?

    Das ist absurd. Und lächerlich. Und ignorant. Internationaler Standard ist es auch nicht.

  2. 2. Kritik

    Ich finde es einfach nur traurig, dass nur noch über Quantitäten geredet wird, ob Kunst/Literatur digitalisiert würde, ob sie mit der Zeit ginge und so weiter - und nicht über die Qualität der Kunst. Endeffekt ist, dass die Studierten und Promovierten die Kunst zu pachten sich erdreisten und der Welt nichts und wieder nichts zu sagen haben.

  3. ich will billiger, hammertiefpreisgarantie. eigentlich will ich umsonst. wenn mir eure gemälde zu teuer sind, schau ich andere an. oft mangelt es mir auch an bildung, um die höhe gewisser versicherungssummen zu verstehen.

    http://www.youtube.com/wa...

    auf diesem bild sehen Sie eine alte, arme, irre kuh:

    http://upload.wikimedia.o...

    • artpate
    • 22. Oktober 2012 13:42 Uhr

    Zuerst einmal möchte ich mal den Link zu "Contemporary Art Daily" posten, wenn es die Zeit schon nicht schafft oder möchte:
    http://www.contemporaryar...

    Was soll uns der Artikel eigentlich sagen Kunst/Kunsthandel/Kunstmarkt und Internet kommen nicht zueinander oder umgekehrt? Sind und waren es nicht z.B. Kunstpreisdatenbanken wie die von Artnet oder Artprice die endlich Licht in einen undurchsichtigen und intransparenten Markt brachten. Kennt jemand einen Galeristen oder Kunsthändler der vom Internet nicht profitiert hat? Und da meine ich nicht den Verkauf! Es ist vielmehr so das es oftmals nicht verstanden wird, die Chancen zu nutzen die sich einem bieten. Wenn ich lese das 70.000 Euro für eine App-Entwicklung ausgegeben wird, ohne scheinbar vorher eine Analyse zur Wirtschaftlichkeit und den Zielen zu machen. Dann muss man sich nicht wundern wenn solch ein Projekt schief geht.

    Es gibt genügend Projekte und Geschäftsmodelle im Kunsthandel/Kunstmarkt die auch Geld verdienen und profitabel sind. Es ist einfach unpassend dieses Segment mit den wie oben beschriebenen Marktinstrumenten von ebay oder Amazon zu vergleichen.

    Im übrigen sollten die Autoren mal bei den großen Auktionshäusern nachfragen, wieviele Gebote Online reinkommen. Man würde erstaunt sein.

    • TDU
    • 22. Oktober 2012 14:08 Uhr

    "Digital ist eben nicht immer besser. Vor allem dann nicht, wenn es um den Profit geht."

    Vielleicht liegst auch am Medium. Die Riesenwerke im Prado sind eben nicht ins Internet zu übertragen. Und was modern ist und seinen Ausdruck dem PC anpasst, geht vielleicht nicht im Museum. Also gibst vielleicht zwei Wege für und zur Kunst. ist doch gut.

    • JimNetz
    • 05. November 2012 20:59 Uhr

    es fehlen die sinnliche Erfahrbarkeit, der Reiz der Verknappung oder die soziale Bestätigung des eigenen Geschmacks in einer Vernissage zum Beispiel. - Das Kunstwerk steht 24h lang im Netz (als Abbildung) und wenn ich will, lade ich mir die kleine Vorschau herunter. Ein persönlicher Bezug zu Werk oder Künstler, ein Mitgehen in seine Vorstellungswelt findet kaum statt. Und einen Klick entfernt lauert schon das nächste Bild, anderer Stil vielleicht, anderer Preis, alles anders und doch irgendwie alles dasselbe. - Das Internet fungiert bestenfalls als Informationsmedium und als Hinweis auf die reale Ausstellung, nicht aber als Transfer einer Galeriesituation.

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  • Schlagworte Kunsthandel | Kunstmarkt | Kunst | Kunstwerk | Internet | Internetportal
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