Liebeskolumne Tut er ihr einen Dienst, indem er sich trennt?
Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Ist die Trennung vielleicht das beste für alle?
Die Frage: Stefan und Luise sind beide geschieden und haben beide einige Jahre als Single gelebt. Sie finden es nicht leicht in ihrer inzwischen drei Jahre alten Beziehung. Luise klagt periodisch darüber, dass Stefan autistisch sei und sich ihr nur dann zuwende, wenn es ihm in den Kram passt, nicht wenn sie es braucht. Bisher hat Stefan das immer zugegeben und versprochen, sich zu bessern. Nun, nach drei Jahren, erklärt er Luise, er müsse sich jetzt trennen, er sei nicht der Richtige für sie. Luise ist fassungslos: »Ich habe das doch nur gesagt, weil ich dich liebe und mehr von dir will, nicht um dich zu vertreiben!« – »Ich weiß schon, ich kann es dir nicht recht machen«, sagt Stefan und bleibt unerbittlich.
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer
Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wenn es Paaren in Beziehungsgesprächen um die richtige Liebe und das Rechtmachen geht, denke ich an Warnschilder wie »Vorsicht, humorfreie Zone«. Stefan hat sich stumm, Luise lautstark dafür entschieden, die eigenen Single-Werte nicht im Feuer der Beziehung zu einer neuen Legierung zu verschmelzen, sondern darauf zu beharren, dass sie im Kern nicht angetastet werden. Beide behalten ihre selbstgewisse Vorstellung von der richtigen Liebe. Luise glaubt, Stefan werde sich ihr irgendwann anpassen. Stefan hofft, Luise werde irgendwann Ruhe geben. Er hätte sich von Anfang an ihr Nörgeln verbitten und ihr sagen sollen, wenn sie nicht zufrieden sei mit ihm, müsse sie sich trennen.
- Wolfgang Schmidbauer
ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein aktuelles Buch Partnerschaft und Babykrise ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen
- Datum 08.10.2012 - 11:35 Uhr
- Serie Liebeskolumne
- Quelle ZEITmagazin, 11.10.2012 Nr. 42
- Kommentare 5
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Zitat: „Stefan hat sich stumm, Luise lautstark dafür entschieden, die eigenen Single-Werte nicht im Feuer der Beziehung zu einer neuen Legierung zu verschmelzen“.
Es geht nicht nur um die Werte, sondern auch um die inneren Bedürfnisse jedes Partners. Die Menschen können sich z. B. darin unterscheiden, wie viel und intensiv sie die Anwesenheit einer anderen Person benötigen. Die relativ verbreitete Vorstellung, dass zwei Liebende alles und immer zusammen machen müssen, teile ich allerdings nicht. Es ist, meiner Ansicht nach, vorteilhafter, wenn man in der Beziehung ein gewisser Grad an innerer Freiheit weiter behält. (Gut, eine offene Beziehung muss es vielleicht nicht sein, wäre eventuell zu anarchisch, aber außerhalb der Intimsphäre kann man der anderen Seite schon eine gewisse Selbständigkeit gönnen).
Aus dieser Perspektive ist eine gute private Beziehung nicht das - mehr oder weniger - raffinierte Eigentum-Sklavereiverhältnis, sondern ein (idealerweise nicht materieller und auf der gegenseitigen Zuneigung basierter) Bund zwischen zwei souveränen Menschen.
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Im Bezug auf den Artikelsatz → „der Partner reagierte zu autistisch“.
Ich betrachte gewisse Distanziertheit als normal. Man soll sich nicht an eine andere Person zu stark binden oder sich -noch schlimmer- „klammern“: so kann nur eine gegenseitig schwächende Symbiose, aber keine Liebe entstehen. Wenn eine Partei zu viele Ängste hat und die zweite zu viel bevormundet, wird die ganze Beziehung womöglich nur leiden. Es ist soweit ähnlich wie mit einem Kind: wenn man dem Kind draußen jegliche sportliche Übungen nicht zutraut, wird es schnell kränklich und unsicher. So muss es jedoch nicht sein. Also, man braucht als Mensch auch einen „nicht geheizten“ und deswegen entwicklungsfördernden Handlungs-Freiraum.
Manche Menschen wünschen sich übrigens (bewusst oder unbewusst) nicht einen Partner, sondern ein Luxus-Spielzeug, das sie nach eigenen Bedürfnissen „biegen“ könnten oder das sie für eigene pragmatische Zwecken benutzen könnten. Wie haltbar und glücklich so eine „Beziehung“ ist – ist meistens eine hoch umstrittene Frage...
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Ich glaube jedenfalls, dass sogar die Liebe als Gefühl alleine nicht ausreicht, um eine harmonische Beziehung aufzubauen. Man soll gucken, wie ähnlich/unterschiedlich die beiden Parteien bei folgenden ASPEKTEN sind (um eine eher positive Prognose machen zu können):
- Der Souveränitätsdrang der beiden Partner (brauche ich ständige die Gesellschaft der anderen Menschen um mich herum um mich wohl zu fühlen, oder benötige ich ab und zu mehr von der persönlichen „Auszeit“) ?
- Der Zusammenhalt durch gemeinsame Interessen (wie breit /eng sind sie vorhanden)?
- Die Stärke der emotionalen Bedürfnisse (wie oft suche ich nach einem kontinuierlichem persönlichen Gespräch mit anderer Partei? Tendiere ich dazu nur ein formal-trockener Kommunikationsstil zu praktizieren?)
- Die allgemeine Sensibilität (merke ich, wie der Andere sich fühlt und wie im grundsätzlich geht oder „übersehe“ ich oft so etwas?).
Wenn zwei Menschen in mehr als zwei dieser Aspekten zu unterschiedlich ticken, wird die Beziehung früh oder spät (mit relativ großer Wahrscheinlichkeit) aus dem Gleichgewicht geraten.
So gesehen, reicht leider die Liebe nicht aus→ die Liebe ist daher kein starrer Zustand, sondern ein Prozess und man braucht genug vom Baumaterial, um das Verhältnis nachhaltig gut zu gestalten.
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Somit kann ich den im Artikel erwähnten Stefan gut verstehen: wenn man sich noch (oder nicht mehr) komplett binden möchte - soll man dem Mensch sein Freiraum zulassen (oder nach einem anderen Partner suchen), aber jegliche Versuche die andere Partei „umzuerziehen“ lieber unterlassen. (Wenn es, übrigens, um eine stärkende Liebe und nicht um eine schwächende Symbiose gehen soll...)
PS
Manche können sagen, dass gewisse Distanzierheit somit die Ablehnung beinhaltet. Das stimmt nicht: man möchte nur den Anderen mit seinen Bedürfnissen nicht überrumpeln, sondern zuerst die „Gebrauchtanweisung“ anschauen: was der Andere nicht mag, nicht will oder als unakzeptabel betrachtet (man kann an dieser Stelle nicht annehmen, dass man mit eigenem Klon Beziehung aufbaut). ;) Wenn jemand jedoch zu schnell oder zu nah kommt, kann es unangenehm werden und die potenziell gute Beziehung in Gefahr bringen. Also, es ist wichtig mit bestimmten Gefühlsäußerungen nicht zu überrumpeln, an sonst kann es leicht unglaubhaft oder oberflächlich wirken...
Für eine feste Beziehung möchten viele Menschen vielleicht eher einen zuverlässigen und substanziell adäquaten Partner. So muss der Andere sich auch verhalten, damit man ihn als etwas Positives erkennen und wertschätzen kann.
von beiden Seiten? Luise war drei Jahre lang ehrlich und hat offenbar eine große Einseitigkeit in dieser Beziehung Stefan zuliebe in Kauf genommen. Stefan hat sich doch bequem herausgeredet und offenbar egoistisch "sein Ding" gurchgezogen. Und am Ende beendet er lieber die Beziehung als einmal seine Bedürfnisse hintenanzustellen, während Luise aus Liebe zu ihm lieber auf ihre Bedürfnisse verzichten würde, als auf ihn.
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