Eine Klingel ohne Namen, ein Tor, das langsam zur Seite gleitet, und ein Mann, ganz in Weiß gekleidet, der einem die Taxitür öffnet. Willkommen im Reich von Martin Suter ! Hier auf Ibiza wohnt der bei Weitem erfolgreichste lebende Schweizer Schriftsteller nun seit über 15 Jahren – wenn er nicht in Guatemala oder Zürich ist, wo er weitere Häuser sein Eigen nennt. Hier schreibt er, hier wachsen die Oliven und die Weintrauben, mit denen er seine Bodega füllt. Das riesige Anwesen wird von etlichen Hilfskräften fortwährend im Zustand der Perfektion gehalten, es ist eine Perfektion, die man aus den Büchern Suters kennt.

Zwei Tage hat sich der Schriftsteller, der eben seinen achten Roman Die Zeit, die Zeit veröffentlicht hat, reserviert, um über sein Schreiben und sein Leben zu sprechen. Unterbrochen werden wir nur von den Mahlzeiten und der Quecksilbrigkeit seiner sechsjährigen Adoptivtochter Ana. Vor drei Jahren erstickte ihr Bruder Antonio beim Essen an einem Wienerli. Auch die überaus herzliche Gastfreundschaft der Suters kann die immerwährende Traurigkeit, die sich im Hause breitgemacht hat, nicht überdecken.

DIE ZEIT: Herr Suter, wir sitzen hier auf Ihrem großen Anwesen auf Ibiza. Staunen Sie manchmal noch, dass Sie sich dieses schöne Leben allein mit Ihrem Kopf bereitet haben?

Martin Suter: Ja, es ist ein Wahnsinn, dass ich uns das alles erschrieben habe.

ZEIT: Finden Sie, Sie haben das verdient?

Suter: Doch, doch, ich war ja nicht untätig. Ich habe viele Menschen unterhalten. Roger Federer hat sein Geld auch verdient. Und der hat viel mehr davon als ich.

ZEIT: Was heißt "unterhalten"?

Suter: Jemanden aus seiner Wirklichkeit zu entführen und ihn für diese kurze Zeit zu einem untauglichen Mitglied der Gesellschaft zu machen.

ZEIT: Sie können Unterhaltung herstellen.

Suter: Das kann jeder, wenn er eine Geschichte erzählt.

ZEIT: Nein.

Suter: Gut, man muss die Geschichte erzählen können. Da gehe ich auf Nummer sicher. Bei mir muss es immer eine Geschichte sein. Ich traue mir nicht zu, nur durch Stimmungen und Gedanken fesseln zu können.

ZEIT: Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst: Ich kann schreiben?

Suter: Als mein Lehrer am Collège St. Michel in Fribourg, Pater Johannes, zum ersten Mal einen meiner Aufsätze der Klasse vorlas. Damals war ich 14 Jahre alt.

ZEIT: Wussten Sie also erst, dass Sie schreiben können, als Ihnen das von außen gesagt wurde?

Suter: Nein. Ich habe schon als sechs-, siebenjähriger Bub gerne Geschichten erzählt. Mein Großvater sagte meinen Eltern schon damals: "Der Bub hat einen großen Wortschatz." Ich musste dann erst mal nachfragen, was dieses Wort heißt. Dieses Talent wurde mir offenbar in die Wiege gelegt. Mit 16 beschloss ich dann, Schriftsteller zu werden.