SchuldenkriseBesuch der kalten Dame

Wie Angela Merkel versuchte, den Griechen Sympathie-Kredit zu geben. von 

Wer wollte, bekam am Dienstag in Athen die bekannten Bilder zu sehen. Auf dem Syntagma-Platz wehten Naziflaggen, saßen Männer in SS-Uniformen auf Jeeps, wurde Kanzlerin Merkel auf bunten Plakaten beschimpft – ein Karneval der Wut. Nach den Zehntausenden friedlichen Demonstranten kamen die Randalierer auf den Platz. Sie hatten Spitzhacken dabei und schlugen auf den weißen Marmor der U-Bahn-Eingänge ein. Einige drehten sich um und schauten, ob die Fernsehkameras auch liefen. Dann warfen sie den Marmorbruch auf die Polizisten und in Richtung Parlament. Als die Journalisten gingen, war die Randale denn auch schnell vorbei.

Angela Merkel hat von alledem nicht viel mitbekommen, das Stadtzentrum war weiträumig abgesperrt. So viel Security, erinnert sich ein Athener, habe es das letzte Mal beim Besuch von George Bush senior vor 20 Jahren gegeben. Merkel hatte in Athen zuletzt 2007 den konservativen Regierungschef Kostas Karamanlis besucht. Diesmal sitzt sie wieder einem Konservativen gegenüber: Antonis Samaras.

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Mit Samaras spazierte Merkel in demonstrativer Herzlichkeit durch den Präsidenten-Garten. Die beiden Regierungschefs hatten einen günstigen Zeitpunkt gewählt. Der Troika-Bericht über die Reformfortschritte Griechenlands war zuvor abermals verschoben worden. So konnte Merkel den Griechen unbeschwert Mut zusprechen. »Ich wünsche mir, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt«, sagte sie. Merkel wollte nicht als »Lehrerin und Notengeberin« kommen, sondern als Partnerin, die Griechenland auf seinem schweren Weg hilft.

Für Samaras war es wichtig, dass Merkel die Opfer des griechischen Volks würdigte. Das tat sie. Immer wieder kam sie auf die Leiden der Griechen zu sprechen. Sie lobte die radikale Senkung des Budgetdefizits und der Lohnkosten, die in Europa in solch kurzer Zeit beispiellos sei. Und schob die Mahnung hinterher, dass der Weg zur Gesundung noch lang ist. Berlin will helfen: mit Millionenprogrammen zur Reform des Gesundheitswesens und der Kommunalverwaltung.

Hat Merkel auch die Griechen hinter den Polizeiabsperrungen erreicht? Man muss dafür die Menschen gesehen haben, die in den Cafés von Athen am Fernseher die Bilder der Visite verfolgten: unbewegt, versteinert, zum Teil wütend. Diese Griechen haben die neowilhelminische Rauswurf-Rhetorik der Berliner Koalition nicht vergessen. Die antigriechischen Tiraden deutscher Boulevardblätter. Das Empathie-Defizit in den Reden Merkels in den vergangenen Jahren. Für viele Griechen war das am Dienstag der Besuch der kalten Dame.

Einige wenige freuten sich aber auch über die Herzlichkeit, die Merkel und Samaras verströmten. Diese Wärmeenergie will für den Herbst gut gespeichert werden. Denn die junge Regierung Samaras steckt jetzt schon in argen Schwierigkeiten. Auf das überfällige neue Sparprogramm hat sie sich immer noch nicht geeinigt. Sie zerlegt sich im Streit über eine Steuer-CD mit Daten reicher Griechen, von denen die unfähigen Behörden bisher keinen einzigen belangt haben. Samaras muss den Bericht der Troika fürchten, von dem die Auszahlung der nächsten Kredittranche abhängt. Sonst droht schon im November der Bankrott. Doch darum ging es zum Glück diesmal gar nicht. Samaras und Merkel erarbeiteten sich an diesem sonnigen Dienstag einen kleinen Sympathie-Kredit für schlechtere Zeiten.

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